Vietnam: Der grosse Aufstieg
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Vietnam: Der grosse Aufstieg

Vietnam erlebt seit 30 Jahren einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung. Eine junge Generation von Firmengründern will die Erfolgsgeschichte des Landes weiterschreiben – und zelebriert dabei die Marktwirtschaft.

In Vietnam soll die Volkswirtschaft dieses Jahr laut Weltbank um rund 6,3 Prozent wachsen – schneller als in den meisten anderen Ländern in der boomenden Region. Nichts Neues für Vietnam, seit 2000 legt die Wirtschaft jedes Jahr durchschnittlich 6,2 Prozent zu. Noch 1989 lag das jährliche Pro-Kopf-Einkommen unter 100 Dollar. Heute sind es über 2000 Dollar.

Ruhm macht nicht satt

Die Weltbank bezeichnet den Aufstieg Vietnams als eine «entwicklungspolitische Erfolgsgeschichte». Diese Geschichte begann im Jahr 1986, als die Kommunistische Partei Vietnams sich eingestehen musste, dass die radikale Planwirtschaft gescheitert war. Die Amerikaner waren seit gut zehn Jahren vertrieben, doch die Wirtschaft lag am Boden. Der Stolz, eine Weltmacht geschlagen zu haben, machte die Bevölkerung nicht satt.

Mit den sogenannten Doi-Moi-Reformen (zu Deutsch: Erneuerung) setzte Vietnam dabei auf ähnliche Massnahmen wie der grosse Nachbar China ein paar Jahre zuvor. Zunächst gab die Kommunistische Partei den Bauern mehr Freiheiten und erlaubte Firmengründungen. Anschliessend öffnete sich das Land immer weiter internationalen Investoren. «Sozialistisch orientierte Marktwirtschaft» nennt die Führung ihr System. Es räumt dem Staat weiterhin eine grosse Rolle ein, setzt aber gleichzeitig auch auf den Markt – ein Entwicklungsmodell, das auch als «Beijing Consensus» bezeichnet wird und als Gegenentwurf zu den früheren Konzepten von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gilt. Deren «Washington Consensus» überforderte Schwellenländer oft mit einer zu brachialen Öffnung der Wirtschaft.

Doch auch Vietnam vertraut immer stärker auf den Markt. Derzeit schliesst der Staat ein Freihandelsabkommen nach dem anderen ab: Ein Deal mit der EU ist schon eingefädelt, mit der Schweiz wird noch verhandelt. Auch an mehreren regionalen Freihandelszonen wie beispielsweise der RCEP beteiligt sich der Staat. Die Vietnamesen begrüssen die Liberalisierung ihrer Wirtschaft, laut einer Pew-Umfrage unterstützen 95 Prozent der Bevölkerung das System der Marktwirtschaft. Das sind so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Die Spannung zwischen Sozialismus und liberaler Marktwirtschaft prägt das Leben in Vietnam. Die Menschen stehen vor Ho Chi Minhs Mausoleum in der Hauptstadt Hanoi Schlange, aber auch vor Starbucks – und sind davon so begeistert, dass sie Selfies vor der Filiale machen.

Die Markt-Rebellin

Thuy Dam hat den Systemwechsel persönlich miterlebt – und ihn genutzt. Bevor die 56-Jährige Präsidentin der Fulbright University Vietnam wurde, gehörte sie zu den bekanntesten Managerinnen in der Finanzindustrie des Landes, unter anderem war sie CEO für die Mekong-Region der ANZ Bank. Von ihrem gläsernen Büro in einem der Wahrzeichen von Ho-Chi-Minh-Stadt, dem Bitexco Financial Tower, aus sieht sie hinunter auf das Gewusel der Metropole.

Ein starker Kontrast zu ihrer Kindheit, als sie noch um drei Uhr morgens aufstehen musste, um Lebensmittelmarken zu erhalten. Im Dezember 1972 erlebte sie als junges Mädchen die Operation Linebacker II, auch bekannt als die «Christmas Bombings», hautnah. Aus zwanzig Kilometern Entfernung musste sie ansehen, wie Hunderte von taktischen Bombern der amerikanischen Streitkräfte Hanoi in Schutt und Asche legten.

Doch Thuy Dam (der Familienname wird in Vietnam vorangestellt) zeichnet eine Eigenschaft aus, die viele Vietnamesen haben: eiserne Disziplin. Thuy lernte im Schein von Öllampen, studierte später Englisch und ergatterte 1986 einen begehrten Posten im Wissenschaftsministerium. Ihre Karriere begann genau zu jener Zeit, als sich das Land langsam öffnete. Im Ministerium war sie für Patente und Lizenzen zuständig – und plötzlich meldeten Unternehmen wie Citibank oder Coca-Cola ihre Handelsmarken an. «Da wussten wir: Es bewegt sich etwas», sagt sie.

Mit vier Kollegen aus dem Ministerium machte Thuy die erste Unternehmensberatung Vietnams auf, spezialisiert auf den Markteintritt ausländischer Firmen. «Ich war eine Markt-Rebellin», sagt sie heute über diese Zeit. 1989 lud ihr Beratungsunternehmen die Chefs europäischer Börsen auf den Opernplatz von Ho-Chi-Minh-Stadt zu einer öffentlichen Diskussion darüber ein, wie ein vietnamesischer Handelsplatz aussehen könnte. Das Interesse war riesig, Tausende von Vietnamesen versammelten sich auf dem Platz. «Die Leute hatten so etwas noch nie gesehen», erzählt Thuy.

Auch für die Kommunistische Partei in Vietnam war es etwas Neues. Die Regierung machte Thuys Unternehmensberatung für sechs Monate dicht. «Wir waren vielleicht ein bisschen zu stürmisch», sagt sie heute. Auch die Idee, zwei riesige Coca-Cola-Flaschen vor dem Opernhaus in Hanoi aufzubauen, kurz nachdem die Amerikaner 1994 das Embargo aufhoben, gefiel den Parteikadern weniger. Dafür wurde sie wenig später in eines der härtesten MBA-Programme der Welt aufgenommen, jenes von Wharton in Philadelphia.

Wertschöpfung zu gering?

Noch heute ringt die Führung der Partei mit der Frage, wie weit die Liberalisierung gehen soll. Weiterhin wird ein Fünfjahresplan beschlossen, der die Grundzüge der Wirtschaftspolitik vorgibt. Die Preise werden teilweise reguliert und noch immer beherrschen grosse Staatsbetriebe die Wirtschaft. «Nach innen betont die Regierung ihre sozialistische Ausrichtung», sagt Le Dang Doanh, einer der bekanntesten Ökonomen Vietnams, «nach aussen kommuniziert das Land, es sei eine Marktwirtschaft.»

Das hat seinen Grund, denn ausländische Direktinvestitionen sind noch immer das Lebenselixier der Wirtschaft des Landes. Vietnam lockt Firmen mit üppigen Subventionen und einem Heer an günstigen Arbeitskräften. Im Jahr 2014 betrug der Durchschnittslohn gerade einmal 214 US-Dollar monatlich, laut einer Studie der Weltarbeitsorganisation (ILO). Das ist rund ein Drittel weniger als in China. Zuletzt bauten beispielsweise die Technologiekonzerne Panasonic, Microsoft und Intel ihre Produktionen deutlich aus. Auch der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung nutzt den Standort Vietnam: Die Koreaner lassen in Vietnam 40 Prozent ihrer Mobilgeräte zusammenschrauben.

Doch das Wachstumsmodell könnte schon bald an seine Grenzen kommen. Denn die eigene Wertschöpfung bleibt weiterhin gering, bemängeln Kritiker. Die Geräte werden oft nur zusammengesetzt, die Technologie und Software importiert. «Wir müssen in der Wertschöpfungskette weiter nach oben klettern», sagt Ökonom Le. Ansonsten drohe Vietnam das Schicksal vieler Schwellenländer und es bleibe in der sogenannten «Middle Income Trap» gefangen.

Steigende Ungleichheit

Die Mischung aus Kapitalismus und einer mächtigen Parteielite macht das Land zu einem harten Pflaster. «Hier herrscht teilweise der Gedanke, Geschäfte seien ein Nullsummenspiel, bei dem es immer einen Verlierer und einen Gewinner gibt», sagt Fulbright-Präsidentin Thuy.

Sicherlich fordert der Kapitalismus Vietnam auch heraus. Die Liberalisierung hat die Armut zwar entschieden reduziert. Doch gleichzeitig steigt die Ungleichheit rapide an. Zwischen 1992 und 2012 stieg der durchschnittliche tägliche Konsum der ärmsten zehn Prozent zwar um 1,3 US-Dollar, bei den reichsten zehn Prozent jedoch um mehr als 17 US-Dollar. Dennoch gilt Vietnam als politisch stabil.

Solange es allen besser geht, stellt kaum jemand die Verhältnisse prinzipiell infrage. Stattdessen bemühen sich die Vietnamesen, in der auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich auf der angenehmeren Seite zu stehen. 

Doch der zunehmende Individualismus setzt auch kreative Energien frei: Gerade junge Unternehmer hoffen, das Land durch wirtschaftlichen Erfolg auch politisch öffnen zu können. «Was ist die Identität Vietnams?», fragt der junge Unternehmensgründer Son Ha. «Lange war es der gewonnene Krieg, aber das zieht jetzt nicht mehr.» Stattdessen glaubt er, das neue Vietnam müsse sich durch wirtschaftliche Stärke definieren – und durch den Unternehmergeist seiner Bürger.