US-Arbeitsmarkt: Mehr Arbeitsplätze, jedoch kaum Lohnwachstum

Trotz eines deutlichen Rückgangs der US-Arbeitslosenquote seit 2010 blieb das Wachstum der Nominallöhne in den vergangenen zwei Jahren mit rund 2 Prozent bemerkenswert stabil.

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) verfolgt zwei Hauptziele: eine maximale Beschäftigungsquote und Preisstabilität. Daher sind die Bewertung des anhaltenden Stillstands auf dem Arbeitsmarkt und der entsprechende Ausblick für die Lohninflation wichtige Faktoren für die Festlegung, in welche Richtung die Geldpolitik der Fed gehen wird und insbesondere für die Entscheidung der Fed über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung.

Der Offenmarktausschuss der Fed (FOMC) senkte in seiner Sitzung im März die Median-Prognose für die langfristige Arbeitslosenquote (oder auch Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment, NAIRU). Die Korrektur der NAIRU, also der inflationsstabilen Arbeitslosenquote, nach unten, lässt vermuten, dass der FOMC von einer anhaltenden, erheblichen Flaute auf dem Arbeitsmarkt ausgeht. Dies lässt darauf schliessen, dass die Fed kaum Aufwärtsdruck auf die Inflation erwartet; tatsächlich haben die Mitglieder des FOMC ihre Inflationsprognosen ebenfalls nach unten korrigiert.

Weiterer Rückgang der Arbeitslosenquote wahrscheinlich

In einem aktuellen Research Alert haben wir aufgezeigt, dass breiter gefasste Arbeitsmarktmessgrössen, wie beispielsweise die Unterbeschäftigung (U6-Arbeitslosigkeit), nach wie vor auf einen Stillstand auf dem Arbeitsmarkt hinweisen. Trotz der erheblichen Verbesserung blieb das Ergebnis dieser Messgrösse, welche die Anzahl der (gänzlich) Arbeitslosen mit der Anzahl der Menschen, die lediglich Teilzeitarbeit finden, und der Anzahl der sogenannten Gruppe der «marginally attached workers», die derzeit nicht aktiv nach einem Arbeitsplatz suchen, aber arbeiten können und wollen, zusammenfasst, deutlich unter den Werten vor der Rezession.

Wir schätzen, dass insgesamt weitere rund 2,5 Millionen Menschen zur Erwerbsbevölkerung zurückkehren könnten, wenn der derzeitige konjunkturelle Aufschwung anhält. Das grösste Potenzial für eine Rückkehr auf den Arbeitsmarkt besitzen die Gruppe der gerade nicht Arbeitssuchenden und die Personen, die derzeit eine Aus- oder Weiterbildung machen. Deren Anzahl stieg während der jüngsten Rezession sprunghaft an und liegt deutlich über dem langjährigen Trend. Unter Annahme eines graduellen Wiedereinstiegs dieser Personen im Lauf der nächsten zwei Jahre gehen wir von einem weiteren Rückgang der Arbeitslosenquote von derzeit 5,5 Prozent auf schätzungsweise 5,2 Prozent Ende 2015 und auf ca. 4,7 Prozent Ende 2016 aus.

Bislang verhaltene Lohnsteigerungen

Grundsätzlich sollten sich Lohnsteigerungen und Arbeitslosigkeit entgegengesetzt entwickeln, da ein angespannterer Stellenmarkt die Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern stärkt, was einen hohen Druck zugunsten von Lohnsteigerungen bedeutet. Trotz eines deutlichen Rückgangs der US-Arbeitslosenquote seit 2010 blieb das Wachstum der Nominallöhne, das anhand des durchschnittlichen Stundenlohns gemessen wird, in den vergangenen zwei Jahren mit rund 2 Prozent jedoch bemerkenswert stabil und wies keine signifikante Erhöhung auf. Für dieses verhaltene Lohnwachstum gibt es mehrere Gründe.

Beschäftigungszuwächse grösstenteils in Niedriglohnbereichen

Der Löwenanteil der Beschäftigungszuwächse ausserhalb des Agrarbereichs stammte 2013 und 2014 aus arbeitsintensiven Sektoren wie Freizeit/Gastgewerbe und Einzelhandel. Da für diese Sektoren jedoch keine Fachkenntnisse erforderlich sind, verfügen die in diesen Sektoren Beschäftigten lediglich über geringe Verhandlungsmacht, was wiederum zu geringem Lohnwachstum führt. Der Zustrom von Arbeitskräften in die Niedriglohn-Sektoren wurde wahrscheinlich zusätzlich vom Beschluss des Kongresses (vom Dezember 2013) befeuert, die Arbeitslosenunterstützung zeitlich zu kürzen. Personen, die zuvor arbeitslos waren und keine Zuschüsse mehr erhalten, sind wahrscheinlich eher gewillt, niedrigere Löhne zu akzeptieren.

Im Gegensatz dazu wurden die höchsten Lohnstufen und die grösste Lohnsteigerung in den hochqualifizierten Sektoren wie Finanzdienstleistungen und IT verzeichnet, die nur geringfügig zu den Beschäftigungszuwächsen beitrugen. Da ein wesentlicher Anteil an Arbeitsplätzen in Sektoren mit durchschnittlichen Löhnen, wie professionelle Dienstleistungen und im Bildungssektor, geschaffen wurde, kann das verhaltene Lohnwachstum im Allgemeinen nicht ausschliesslich der Schaffung von Arbeitsplätzen in Niedriglohn-Sektoren zugeschrieben werden.

Nach unten starre Löhne belasten Lohndynamik

Eine weitere Erklärung für die verhaltene Dynamik des Lohnwachstums während der derzeitigen Wirtschaftserholung sind die nach unten starren Nominallöhne. In Zeiten von schwachem Wirtschaftswachstum akzeptieren Arbeitskräfte keine Lohnkürzungen und die Arbeitgeber können keine Lohnkürzungen durchsetzen. Dies führt zu einer erheblichen Anhäufung von «angestauten» Lohnsenkungen, die Lohnsteigerungen noch lange nach einer Rückkehr zu normalen Arbeitslosenquoten belasten.

Wird die Lohninflation 2015 ansteigen?

Angesichts des prognostizierten weiteren Rückgangs der Arbeitslosenquote ist es wahrscheinlich, dass sich 2015 nach und nach ein Lohndruck aufbaut. Jedoch gehen wir davon aus, dass die Kurve des Lohnwachstums flacher verlaufen wird als in früheren Konjunkturzyklen. Eine der grössten Einschränkungen für Lohnsteigerungen ist die immer noch verhaltene «Fluidität» des Arbeitsmarktes (gemessen anhand der Arbeitsmigration zwischen Arbeitgebern). Dies lässt sich auch am Verhältnis von Einstellungen zu Stellenangeboten nachvollziehen, das seit 2010 erheblich gesunken ist und sich bislang auf historisch niedrigem Niveau bewegt (siehe Abbildung). Letzteres deutet auf ein Vertrauensniveau bei den Arbeitgebern hin, das niedriger ausfällt als üblich, sowie auf den anhaltenden Stillstand auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig zögern jedoch auch die Arbeitskräfte, zu einer besser geeigneten Stelle zu wechseln. Da ein Arbeitgeberwechsel eine Möglichkeit für Lohnverhandlungen bietet (insbesondere für jüngere Arbeitskräfte), verhindert eine geringere Wechselquote auch das Lohnwachstum. 

Das historisch niedrige Wachstum der Arbeitsproduktivität stellt die zweite Hürde auf dem Weg zu stärkerem Lohnwachstum dar. Eine niedrige Wechselquote dämpft das Wachstum der Arbeitsproduktivität durch geringere «kreative Zerstörung» und Faktorumverteilung, zwei wichtige Innovationstreiber.

Angesichts der oben erwähnten Faktoren deuten die aktuellen Arbeitsmarktbedingungen darauf hin, dass die Fed wahrscheinlich vorsichtig und langsam auf eine Normalisierung der Geldpolitik hinarbeiten wird. Wir gehen davon aus, dass die erste Zinserhöhung im September 2015 stattfinden wird.