Urs Hölzle: «Ruhe? Kenne ich seit 1999 nicht mehr»
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Urs Hölzle: «Ruhe? Kenne ich seit 1999 nicht mehr»

Die digitale Revolution ist… schweizerisch. Ohne den Schweizer Urs Hölzle sähe sie nämlich ganz anders aus: Für «Business Insider» ist der achte Mitarbeiter von Google ein «Tech Guru», für das Schweizer Fernsehen schlicht «der wichtigste Schweizer im Silicon Valley».

Der promovierte Informatiker war von Anfang an ein enger Vertrauter der Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin. Er baute ab 1999 die Computer-infrastruktur hinter der Suchmaschine auf, daraus sind die heute effizientesten Datencenter der Welt geworden.

Credit Suisse: Herr Hölzle, beim Börsengang von Google wurde den zukünftigen Aktionären versprochen, das Leben von so vielen Menschen wie möglich zu verbessern. Das war 2004 – haben Sie das geschafft?

Urs Hölzle: Wir betreiben sieben Applikationen, jede davon wird jeden Monat von einer Milliarde Menschen genutzt. Dazu gehören die Google-Suche, YouTube oder Gmail. Das ist toll und ich hoffe, wir können diesen Nutzerinnen und Nutzern damit helfen. Und doch stehen wir auf eine gewisse Art erst am Anfang.

Bereits um 1900 erlebte die Welt einen enormen Innovationsschub, der dann aber schnell verebbte. Warum wissen Sie, dass es jetzt so weitergeht?

Wir kannten das Internet seit 1995 und 2007 dachten wir, es sei nun erwachsen. «Jetzt passiert nicht mehr viel», war die gängige Meinung. Und dann kam das Smartphone! Ich bin felsenfest überzeugt: Die Veränderungen in den nächsten zehn Jahren werden enorm.

Ist es bei Google im Vergleich zu den legendären Anfangsjahren ruhiger geworden?

Auf Ruhe warte ich seit 1999. Gerade die letzten zwei Jahre waren sehr turbulent. Ein Problem, das zurzeit das ganze Valley beschäftigt, ist das Ende des mooreschen Gesetzes: Lange konnte man sich darauf verlassen, dass sich die Chipgeschwindigkeit alle 18 Monate verdoppelt. Doch das hört langsam auf. Wir haben Glück, wenn wir noch 20 Prozent mehr Speed bekommen. Doch das reicht nicht!

Unsere heutigen Handys haben mehr Rechenleistung als die erste Rakete, die auf den Mond flog – für was brauchen wir noch mehr Leistung?

Zum Beispiel für die Steuerung von Geräten mit Spracheingabe, die zurzeit gross im Kommen sind. Diese Technologie basiert auf künstlicher Intelligenz und kann selbst lernen. Aber das braucht viel Leistung.

Viele Geräte beherrschen heute die Spracherkennung.

Ja, vor etwa vier Jahren erzielten wir einen Durchbruch. Alle waren begeistert. Dann überlegten wir, wie viel Rechenleistung wir benötigen, wenn die damals etwas mehr als eine Milliarde Android-Nutzer das Feature täglich drei Minuten nutzen. Die Antwort: Wir hätten die Anzahl unserer Datencenter verdoppeln müssen. Diese drei Minuten hätten uns so viel gekostet wie alles andere, was Google tut, inklusive YouTube und Gmail. Und das für ein Feature, mit dem wir kein Geld verdienen!

Wir würden gerne öfters auf Bestehendes zurückgreifen, aber bei vielen Dingen waren wir gezwungen, diese selbst zu erfinden, da es schlicht keine Variante B gab.

Sie wählten einen anderen Weg.

Wir bauten neue Computerchips. Ich will Sie nicht mit technischen Details langweilen, aber diese Chips sind wie hochgezüchtete Rennwagen: Sie können etwas irrsinnig gut, sonst aber nichts. Mit diesen Chips geht das sogenannte MachineLlearning 50-mal schneller als mit herkömmlicher Hardware. Hätten Sie mich vor fünf Jahren gefragt, ob wir einmal spezielle Chips bauen für die Spracherkennung, hätte ich gesagt: Nie im Leben.

Google hat in unzähligen Bereichen Neuland betreten. Vieles, was Sie tun, hat vor Ihnen noch nie jemand probiert. Wie fühlt sich das an?

Zunächst einmal klingt das besser, als es ist. Wir würden gerne öfters auf Bestehendes zurückgreifen, aber bei vielen Dingen waren wir gezwungen, diese selbst zu erfinden, da es schlicht keine Variante B gab.

Dieses stete Suchen nach dem nächsten grossen Ding muss Unsummen verschlingen.

In der Informatik sind Experimente gar nicht mal so teuer. Für den Spracherkennungschip reichte vorerst ein Dreierteam, das fünf verschiedene Chipdesigns entwickelte und wusste, dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit eine 20- bis 60-fache Verbesserung herausholen. Erst dann haben wir entschieden, richtig gross in das Projekt zu investieren.

Selbstfahrende Autos und Flugzeuge, ewiges Leben, Lösung des Energieproblems: Bei Google muss die nächste Erfindung immer so revolutionär sein wie die Mondlandung. Warum eigentlich?

Larry Page, der Google-Mitgründer, erklärte einmal: Probierst du etwas Bescheidenes, hast du zwei Probleme. Hast du Erfolg – no big deal, es interessiert niemanden. Hast du aber keinen Erfolg, bist du wirklich gescheitert. Anders beim Moon Shot: Funktioniert er, war er den Aufwand wert und entschädigt er für zehn missglückte Versuche. Gelingt er nicht, hast du vermutlich etwas Wichtiges gelernt. Und zuletzt: Nimmst du dir vor, ein Produkt zehnmal besser zu machen, aber schaffst «nur» eine Verdoppelung, ist das immer noch sehr gut. Nimmst du dir aber eine Verbesserung von 10 Prozent vor und erreichst zwei – well…

Die Welt ist durch den Fortschritt doch immer ein bisschen besser geworden.

Die vierte industrielle Revolution unterscheidet sich grundlegend von der dritten. Die Entwicklung läuft viel schneller.

Die aktuelle Umwandlung mag rascher und tiefgreifender sein als in der Vergangenheit, aber ich bin trotzdem zuversichtlich, dass es gut kommt. Es gab immer schon tiefgreifende Veränderungen – ob in der Landwirtschaft, mit der Dampfmaschine, beim Auto, im Telekom- oder Computerbereich – und bisher haben alle langfristig das Leben verbessert. Auch dieses Mal werden gewisse Sachen schiefgehen, aber es ist fast unmöglich, vorherzusagen, welche. Die zentrale Frage lautet: Sind wir eher optimistisch oder pessimistisch?

Frustriert es Sie, wenn die Menschen Ihrem Zukunftsoptimismus nicht folgen wollen?

Die Welt ist durch den Fortschritt doch immer ein bisschen besser geworden, mit weniger Armut, mit weniger Menschen, die in Kriegen sterben. Ob wir uns die letzten 50 Jahre anschauen – oder 200 Jahre, 2000 Jahre: Wissenschaft und Technik hatten insgesamt einen überwältigend positiven Effekt. Wieso sollte sich das jetzt ändern? Warum sind wir bloss so pessimistisch, insbesondere in Europa? Statistisch betrachtet macht der Pessimismus keinen Sinn. Wir sollten viel optimistischer sein.

Sind Sie am Ende ein Utopist?

Ich bin da gleicher Ansicht wie Larry Page. Er antwortete darauf einmal: «Nein, den Begriff finde ich zu negativ besetzt. Ich bin einfach Optimist. Ist das so schlimm?»

Die meisten grossen Innovationen der Menschengeschichte haben auch ein zufälliges Element.

Die Anzahl an Cyberdelikten nimmt zu, wie auch das virtuelle Mobbing. Autonome Autos können gehackt werden. Die Liste ist lang.

In Kalifornien fühlt es sich manchmal so an, als ob es Europa es eine innovation by permission gäbe. Zuerst stellt man Regeln auf, dann dürfen Sie etwas erfinden. Doch so geht es nicht. Leben Sie im Zeitalter der Kutschen, können Sie keine Regeln für Autos formulieren. Die meisten grossen Innovationen der Menschengeschichte haben auch ein zufälliges Element wie das Penicillin, das in einem Schimmelpilz wuchs, als der Forscher Alexander Fleming in den Ferien war. Man darf den Fortschritt nicht zugrunde regulieren.

Ihr neuestes Projekt ist die Cloud. Schon 2013 prophezeiten Sie, diese habe das grössere Potenzial für Google als das Anzeigenbusiness. Was macht Sie so sicher?

Weil ich überzeugt bin, dass die ausgelagerte IT in wenigen Jahren viel wichtiger sein wird als die IT in den Firmen selbst. Da bin ich 99,9 Prozent sicher.

Was ist das eigentlich genau, diese Cloud?

Das ist eine Welt, in der die Computer sehr klein sind, wie ein Smartphone oder ein simpler Laptop, oder sehr gross, wie ein Datencenter. In der Mitte gibt es nichts mehr, vor allem keine PCs. Haben Sie anspruchsvolle Dinge zu erledigen wie Ihre Foto- oder Videosammlung zu managen, muss das Kleine mit dem Grossen verbunden sein. Die Verbindung ist das Internet. Dann kann das Kleine plötzlich alles, was das Grosse auch kann, und sein Speicherplatz ist fast grenzenlos. Ein weiterer Vorteil ist, dass von allem automatisch eine Sicherheitskopie erstellt wird – sie können das Telefon oder den Laptop also problemlos verlieren. Auch darum ist die Sicherheit höher in der Cloud.

Es ist sicherer, die Daten auszulagern?

Ja. Obwohl viele Leute heute noch das Gegenteil befürchten. Keine fünf Jahre und es wird genau umgekehrt sein: Jeder wird wissen, dass man ein bedeutendes Risiko eingeht, wenn man die Daten nur lokal speichert oder eine Firma einen eigenen Serverraum betreibt.

Warum?

Ich brauche ein Chromebook von uns, aber es gibt auch andere Lösungen. Bei diesen Laptops ist wenig lokal gespeichert und sie laufen auf einer sehr einfachen Software, die automatisch aktualisiert. Beim Aufstarten überprüft der Chip, dass Sie das originale Betriebssystem verwenden, sonst passiert gar nichts – es ist also fast unmöglich, einen Virus zu laden. Sie brauchen keine Virussoftware, aber auch keinen Systemadministrator, das erledigt die Cloud. Und weil diese das für unzählig viele Rechner tut, ist es viel besser und billiger, als das eine einzelne Firma je könnte. 60 Prozent der Schulen in den USA brauchen Chromebooks, da sie einen grossen Kostendruck haben. Der Laptop kostet 300 Dollar und die Unterhaltskosten sind: null. Das Business wird folgen.

Aber diese Cloud-Computer funktionieren doch nur, wenn ein Internetanschluss zur Verfügung steht.

Das ist richtig – nur dann können Sie Daten mit dem Server austauschen. Doch ich möchte noch erwähnen: Die Cloud ist auch aus ökologischer Sicht eine enorme Chance.

In der Cloud sendet man ständig Daten hin und her. Das ist energieeffizient?

IT verursacht rund zwei Prozent des globalen Energieverbrauchs, das ist vergleichbar mit dem gesamten Flugverkehr. Das meiste davon fällt bei den Servern an: Betreibt eine Firma ein eigenes Mailsystem, braucht sie einen Server, der vermutlich etwas zu gross ist und in der Nacht praktisch nichts tut, aber in Betrieb bleiben muss. Und weil das E-Mailen so wichtig ist, betreibt die Firma noch einen Backupserver. Der macht in 99,9 Prozent der Zeit überhaupt nichts. Ein extrem ineffizientes System. In der Cloud teilt man sowohl Auslastung als auch Backup mit allen anderen Benutzern. Gmail braucht um den Faktor 40 weniger Strom als ein eigenes Mailsystem. Je mehr man also in die Cloud verlegt, desto tiefer der Strombedarf der IT-Branche.

Was kommt nun als Nächstes? Ich habe keine Ahnung. Aber klar ist: Wir stehen erst am Anfang.

2017 hat Google das grosse Ziel erreicht, nur noch Strom aus erneuerbarer Energie zu nutzen – auch ein Projekt von Ihnen.

Wir sind das Unternehmen, das mit Abstand am meisten erneuerbare Energie einkauft auf der Welt, wobei der grösste Teil aus Windenergie stammt. Die Kosten für erneuerbare Energieformen haben sich glücklicherweise stark reduziert, bei Fotovoltaik ist der Preis pro Energieeinheit noch 1⁄ von dem, was er 1970 war – eine sehr positive Entwicklung. Ich hoffe, viele weitere Firmen werden unserem Beispiel folgen.

Wo steht Google in zehn Jahren?

Ich weiss es nicht. Man unterschätzt gerne, wie stark sich unsere Welt verändert und wie wenig wir wissen, wie es herauskommt. Vor zehn Jahren arbeiteten wir eher zufällig an Android, unserem mobilen Betriebssystem. Die Gruppe hatte intern einen schweren Stand. Heute laufen drei von vier Smartphones auf Android. Google wäre grundlegend anders, hätten wir das damals nicht getan. Was kommt nun als Nächstes? Ich habe keine Ahnung. Aber klar ist: Wir stehen erst am Anfang.