Vertrauen und Überzeugung sind Schlüssel zum Erfolg

Martina Voss-Tecklenburg, Trainerin des Schweizer Frauen-Fussballnationalteams, über Leadership und wie man erfolgreich mit Druck umgeht.

Anfang Mai hat Campus Relations Switzerland an einem Rekrutierungsanlass ausgewählten Studentinnen verschiedener Schweizer Hochschulen die Chance gegeben, mehr über die Erfolgsfaktoren für Karriereeinstieg und -entwicklung zu erfahren. Vier Karrierefrauen aus verschiedenen Branchen haben bei einer Podiumsdiskussion über die wesentlichen Erfolgsfaktoren ihrer beruflichen Laufbahn diskutiert. Eine der Teilnehmerinnen war Martina Voss-Tecklenburg, die Trainerin des Schweizer Frauen-Fussballnationalteams. In einem Interview mit der Credit Suisse hat sie Einblicke in ihre Karriere gewährt und den Mitarbeitenden nützliche Tipps und Tricks für das berufliche Vorankommen mit auf den Weg gegeben.

Juliana Bon: Frau Voss-Tecklenburg, wie sind Sie bei Ihrer persönlichen Karriereplanung vorgegangen?

Martina Voss-Tecklenburg: Meine Ziele habe ich sehr früh gesetzt und stets den Weg verfolgt, der in der jeweiligen Situation der Beste war. Neben der Schule habe ich in der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gespielt. Nach dem Abitur habe ich eine kaufmännische Ausbildung beim Landessportbund gemacht, wo ich viel gelernt habe. Die Institution hat mich sehr  auf meinem Karriereweg unterstützt, zum Beispiel mit unbezahltem Urlaub für den Fussball. Mir wurde jedoch ziemlich schnell klar, dass ich nicht am Computer sitzen und in der Buchführung arbeiten, sondern als Trainerin auf dem Fussballplatz stehen möchte. Dieses Ziel habe ich bis Ende 20, also während meiner aktiven Fussballkarriere, nie aus den Augen verloren. Parallel zum Fussballspielen, meiner Berufsausbildung und meiner Mutterrolle – mit 26 bin ich Mutter geworden – habe ich die Trainerausbildung gemacht.

Was halten Sie neben der Zielplanung für wichtig?

Zwei Dinge: Einerseits Leidenschaft, andererseits aber auch eine gewisse Disziplin. Wer sagt, «das ist mir jetzt zu anstrengend», wird seine Ziele nicht erreichen. So bin ich jahrelang morgens um sechs Uhr aufgestanden, ins Büro gefahren, um halb vier aus dem Büro gegangen, ins Auto gestiegen und 160 Kilometer zum Training gefahren, und nach dem Training wieder 160 Kilometer zurück. Um halb zwölf war ich dann zuhause, bin ins Bett gegangen und am nächsten Morgen ging es dann wieder los.

War das nicht ziemlich aufreibend?

Ich habe das nicht so empfunden. Für mich war es einfach klar, dass ich das so machen will. Natürlich habe ich auch auf Dinge verzichtet; allerdings eher deswegen, weil sie mir einfach nicht wichtig genug waren. Mit Mitte 30 konnte ich dann als Trainerin arbeiten. Mit 40 habe ich eine neue Herausforderung gesucht und bin bewusst ein Risiko eingegangen: Ich habe einen sehr sicheren Job beim deutschen Fussballverband aufgegeben, für einen Vereinsjob, bei dem man auch einmal herausgeworfen werden kann. Und seit drei Jahren bin ich jetzt Schweizer Nationaltrainerin. Viele sagen, das sei schon fast so etwas wie der Zenit, das Höchste, was man in einer Trainerkarriere erreichen kann. Aber ich gebe mich damit noch nicht zufrieden. Ich brauche immer wieder neuen Input und neue Herausforderungen und bin offen für Neues und Spannendes. Dabei möchte ich aber das, was ich jetzt tue, nicht aufgeben – das mache ich mit ganz viel Leidenschaft.

Was ist Ihr Geheimrezept, wenn es darum geht, Ihr Team zu motivieren?

Ich habe kein Geheimrezept, sondern vielmehr eine Philosophie. Wenn ich meine Spielerinnen dazu motivieren müsste etwas zu tun, dann wäre das verkehrt. Ich versuche mit Überzeugung zu arbeiten. Die Spielerin muss mit der Einstellung kommen: Ich möchte sechs bis sieben Mal die Woche trainieren, weil ich davon überzeugt bin, dass es mich besser macht und nicht, weil die Nationaltrainerin es gesagt hat. Nur dann kann sie im Nationalteam spielen. Das ist eine elementare Voraussetzung. Sonst kann ich noch so sehr versuchen zu motivieren, es wird nicht funktionieren. Vertrauen, Kommunikation, Überzeugung und Selbstbewusstsein sind die Schlüssel zum Erfolg.

Welche Tipps möchten Sie Frauen mit auf den Karriereweg geben?

Mein Tipp ist, herauszufinden, wo man sich wohlfühlt und was einem Spass macht. Ich denke, es macht keinen Sinn, einen Job zu machen, weil man innerhalb kürzester Zeit vielleicht sehr viel Geld verdienen kann. Wenn man sich mit dem, was man tut, nicht wohlfühlt, sollte man den Mut und die Kraft aufbringen, etwas zu verändern. Ganz wichtig dabei ist, dass man ein Umfeld hat, das einen unterstützt. Würden meine Tochter und mein Mann mich nicht in allem, was ich tue, unterstützen, wäre es doppelt so schwer für mich. Dazu braucht es auch viel Offenheit. Ich muss meinem Gegenüber erklären und mit ihm besprechen, was ich gerne möchte und was nicht und wo meine Leidenschaft liegt. Das ist ganz wichtig.

Welche Parallelen sehen sie zwischen Frauenkarrieren im Sport und im Beruf?

Im Sport und in der Berufswahl gelten eigentlich immer die gleichen Prinzipien: Finde deine Leidenschaft, sei gleichzeitig diszipliniert und verfolge Deinen Weg konsequent. Ein guter Beginn braucht Leidenschaft, ein gutes Ende braucht Disziplin. Wenn du die Disziplin und die Bereitschaft, besser zu werden nicht hast, dann kommst du im Sport nicht weiter und im Beruf ebenso wenig. Du kannst dich entscheiden und einer von vielen sein und dich damit zufrieden geben. Du kannst aber auch sagen: Ich will nach vorne, ich will mehr. Und das ist legitim. Für mich ist klar: Wenn Du versuchst, Dich irgendwo durchzuschlängeln, leidest Du irgendwann darunter oder wirst dem, was gefordert wird, nicht mehr gerecht. Daher habe ich grossen Respekt vor Spielerinnen, die zu mir gekommen sind und gesagt haben: «Martina, ich kann das, was du einforderst, nicht leisten», sei es weil sie studieren, weil sie einen Beruf haben, der es nicht zulässt, weil sie diesen inneren Antrieb nicht haben oder Ihnen andere Dinge mindestens genau so wichtig oder wichtiger sind. Das zeigt Grösse.