Denn sie wissen, was sie tun
Latest Articles

Denn sie wissen, was sie tun

Jugendliche und digitale Medien sind ein Phänomen, das Eltern verunsichert und Heerscharen (erwachsener) Spezialisten auf Trab hält. Doch die Jugendlichen wissen ziemlich gut, wie sie ihre Privatsphäre schützen müssen. Nachholbedarf gibt es höchstens bei den Erwachsenen.

Die Frage «Was verstehen Sie unter Privatsphäre und wie schützen Sie sie?» führt erst einmal zu einer Gegenfrage: «Offline oder online?» Freitagnachmittag an der Kantonsschule Wettingen. Im Zimmer 210 unterrichtet Philippe Wampfler das Akzentfach «Digitale Gesellschaft und ihre Medien», kurz DGM. Es ist im Sommer 2015 eingeführt worden, gemäss Fachbeschrieb «weil die Möglichkeiten der Digitalisierung die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, von Grund auf verändern». Und mit dem erklärten Ziel, Jugendlichen dabei zu helfen, zu erkennen, zu reflektieren, «sich in der Welt des 21. Jahrhunderts zu orientieren».

Nicht selten erlebt Wampfler, viel zitierter DGM-Experte, allerdings das Umgekehrte: Seine Schüler öffnen ihm die Augen. Zum Beispiel, als er mit der Klasse über die Aussage eines Fotos reden wollte, auf dem zwei junge Frauen und ein junger Mann abgelichtet waren. «Für mich war klar, es geht um die Beziehung des Mannes zu einer der beiden Frauen», sagt der Lehrer. Seine Schüler sahen das – durchs Band – anders. Für sie war klar: Das Bild ist eine Botschaft der drei an Leute, die sie nicht mögen. Die Message: «Es ist alles ganz anders, als ihr denkt, ihr bringt uns nicht auseinander.» Wampfler lernt: «Es gibt verdeckte Bedeutungsebenen, die ich als Erwachsener nicht kenne, Jugendliche aber sehr wohl.»

Jugendliche und digitale Medien: ein Phänomen, das die Jugend verbindet, Eltern verunsichert, Heerscharen erwachsener Experten auf Trab hält und die Marketing-Abteilungen von Firmen zur Verzweiflung bringt. Sie fragen, mutmassen, messen, forschen und verfassen Studien, Dissertationen, Zeitungsartikel, Blogs, Referate und Ratgeber. Zu jeder These gibt es eine Studie, die die These stützt. Oftmals greifen sie kursierende Vermutungen und Ängste auf, die Resultate sind dann Wasser auf die Mühlen von Sorgenträgern: Tatsächlich lauern in der digitalen Welt viele Gefahren. Es drohen Mobbing, Stress, Einschlafschwierigkeiten, Schlafmangel, Depressionen, Sucht und Missbrauch – falls digitale Medien die Jugendlichen beherrschen statt die Jugendlichen die digitalen Medien.

Die gute Nachricht: Die Kenntnisse und Machtverhältnisse verschieben sich laufend – zugunsten der jungen User. «Sie werden im Umgang mit digitalen Medien immer kompetenter», sagt Gregor Waller, Co-Leiter Fachgruppe Medienpsychologie der ZHAW, die mit Swisscom alle zwei Jahre «James» durchführt, eine grosse Studie bei 12- bis 19-Jährigen zu deren Mediennutzung und Freizeitverhalten. «Und sie machen bereits heute vieles grad so gut oder besser als Erwachsene.» Damit bestätigt er die Vermutung der drei US-Wissenschafterinnen Alexis Hiniker, Sarita Y.Schoenebeck und Julie A.Kientz von der University of Washington und der University of Michigan, die jüngst herausfinden wollten, was für Regeln Familien für den Umgang mit Technik aufstellen und wie der Nachwuchs damit kutschiert. Sie haben Erstaunliches zu hören bekommen. Zum Beispiel beschwerten sich 20 Prozent der Kinder bei einer offen gestellten Frage, dass Eltern Bilder von ihnen posten, ohne vorher zu fragen. Die anwesenden Väter und Mütter sahen darin mehrheitlich null Problem. «Sind Jugendliche in Bezug auf Daten und Privatsphäre inzwischen etwa sensibler als Erwachsene?», fragen die Forscherinnen. Ja, sind sie. 

Jugendliche wissen: Im Netz sind sie für ihren Schutz selbst verantwortlich

Jugendliche wissen: Im Netz sind sie für ihren Schutz selbst verantwortlich

Die Jugendlichen wurden gefragt: «Wie wichtig schätzen Sie die Rolle der folgenden Akteure beim Schutz des Individuums und seiner personenbezogenen Daten ein?» Antworten «sehr» und «eher wichtig», Befragte zwischen 16 und 25 Jahren, N=ca. 1000.

Quelle: Credit Suisse Jugendbarometer 2016

Privatsphäre nicht geschenkt

Zurück an die Kantonsschule Wettingen: «Was ist Privatsphäre offline?», fragt Wampfler und bekommt Antworten wie: «Mein Zimmer», «Meine Schminksachen», «Ich im Bad», «Was ich anziehe», «Mit wem ich ausgehe», «Wofür ich mein Taschengeld ausgebe». Analoge Privatsphäre bedeutet Rückzugsräume und Selbstbestimmung. Geschützt wird sie mit klaren Statements wie: «Niemand darf in mein Zimmer», «Das geht dich nichts an» oder «Lass mich in Ruhe», und mit der Erwartung, respektiert zu werden. Und wenn nicht? Die ganze Klasse lacht, als einer die Faust macht, und nickt, als eine sagt, sie werde stinksauer. Verständlich: Schliesslich wird Privatsphäre Jugendlichen meist nicht geschenkt, sondern sie müssen sie sich erst erkämpfen und dann verteidigen.

Und in virtuellen sozialen Gefügen? Eine Studie des Pew Research Centers und der Harvard University offenbart, dass insbesondere junge Frauen recht bewusst mit privaten Informationen umgehen und keineswegs naiv, wie ihnen von Erwachsenen gern unterstellt wird. In Wampflers Klasse mit lauter 17-Jährigen gibt es zwei Lager: Die einen schützen ihre Accounts, halten sie privat, Zugang bekommt nur, wer anfragt und genehm ist. Die andern posten öffentlich, aber nur Fotos, die jeder sehen darf, gar soll. Niemand im Raum sorgt sich nicht um diese Privatsphäre.

Wer ist verantwortlich? Ich!

Damit schwebt Wampflers Klasse über dem Schweizer Durchschnitt, was nicht überrascht: Dass Bildung auch im Bereich Social Media wirkt, ist wissenschaftlich belegt. Privatsphäre hat sich inzwischen aber ganz unabhängig von Schulkarriere als bewahrenswert in jugendliche Köpfe eingegraben. Laut «James»-Studie (Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz) sind 940 der 1000 befragten Jugendlichen zwischen 12 und 19 bei mindestens einem sozialen Netzwerk angemeldet, drei Viertel davon haben die Privatsphäre-Einstellungen des Profils aktiviert. Das Credit Suisse Jugendbarometer 2016 bestätigt den Eindruck, dass die Jugendlichen sehr wohl wissen, was sie tun: Dort geben 88 Prozent der 16- bis 25-Jährigen an, sie seien für den Schutz im Netz selbst verantwortlich.

«Ein gewaltiger Schritt», sagt Waller, «die Sorglosigkeit, mit der Teenager Ende der nuller Jahre auf Facebook teils unterwegs gewesen sind und die den Jugendlichen nach wie vor gern unterstellt wird, ist verflogen.» Das gilt übrigens auch für das Interesse an Facebook als Kommunikationsplattform. Facebook ist out: «Ich habe einen Account, bin nicht aktiv», sagt ein Schüler. Ein anderer: «Auf Facebook bin ich einzig, weil ich nur dort von gewissen Events erfahre.» Austausch findet unter Jugendlichen auf dieser Plattform kaum mehr statt, nicht nur hier an der Kantonsschule Wettingen, sondern weltweit: Gemäss Statista waren Ende Januar 52,8 Prozent der User zwischen 25 und 34 Jahren alt, von 13- bis 17-Jährigen bespielen nur 5,9 Prozent Facebook-Profile.

Auch gemäss Jugendbarometer ist Facebook nicht mehr in, hat aber eine neue Daseinsberechtigung gefunden: Als «Newskanal» nutzen es 47 Prozent. Damit hat das soziale Netzwerk bereits das Radio (42 Prozent) und bezahlte Tageszeitungen (17 Prozent) überholt.

Der Niedergang von Facebook habe damit begonnen, dass Mütter und Götti Freundschaftsanfragen schickten, sagt der Zürcher Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Statt Verbindung herzustellen, haben sie den Nachwuchs damit in die Flucht geschlagen.

Jugendliche haben ein realistisches Bild von Online-Kommentaren

Jugendliche haben ein realistisches Bild von Online-Kommentaren

Die Jugendlichen wurden gefragt, ob sie verschiedenen Aussagen, die ihnen vorgelegt wurden, zustimmen oder nicht. Antworten «voll» und «eher einverstanden», Befragte zwischen 16 und 25 Jahren, N=ca. 1000.

Quelle: Credit Suisse Jugendbarometer 2016

Snap: zu kompliziert für die Eltern

Zu Snapchat zum Beispiel. Hier können Schnappschüsse an ausgewählte und bestätigte Freunde verschickt werden. Sie bleiben nur einige Sekunden sichtbar und verschwinden dann wieder – ganz. Diese App mit so anderer als gewohnter Funktions- und Bedienweise, neudeutsch Usability, ist für Erwachsene schwierig zu händeln und daher vor allem ein Tummelfeld für Menschen unter 25. Der Zulauf ist enorm. 2011 in Los Angeles gegründet, verzeichnete die App Ende 2016 158 Millionen User. Warum der Hype? «Wenn es eine Angst bei der Internetnutzung gibt, dann die, dass die eigenen digitalen Spuren nicht verschwinden», sagt Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei der Swisscom.

Auch in der Schweiz nutzen gemäss Credit Suisse Jugendbarometer bereits 52 Prozent der 16- bis 25-Jährigen den Kommunikationsdienst, der Anfang März an die Börse ging und sogleich mit 33 Milliarden Dollar bewertet wurde. Ganz sicher sind Postings zwar auch auf Snapchat nicht. Es können Screenshots gemacht, archiviert oder in Umlauf gebracht werden. Das gilt aber als No-Go: «Screenshots sind ein Vertrauensbruch», sagt Waller, «wer das macht, bekommt keine Snaps mehr.»

Anwendungen wie Snapchat treiben einen Keil, auch als Generationenkonflikt bekannt, zwischen Heranwachsende und ihre ewig jungen Eltern und sorgen für Spannungen. Diese seien normal, wünschenswert und gar Voraussetzung, «damit Jugendliche die eigene Identität finden», sagt Psychologe Allan Guggenbühl. Und Digitalprofi Philippe Wampfler sieht es so: «Jugendliche nutzen das Internet nicht anders, weil sie als Digital Natives aufwachsen, sondern weil sie aufgrund ihres Alters ein eigenes Beziehungsnetz knüpfen müssen.»

Das Ziel ist, mehr Abstand zu den Erwachsenen zu gewinnen, und der Abstandhalter ist das Smartphone, diese multifunktionale Kommunikationszentrale; gemäss «James»-Studie haben 99 Prozent der Schweizer Jugendlichen eines.

Die Gadgets wie auch die Apps sind für die Teenager nicht primär Technologie, sondern Teil ihrer Populärkultur, der Gegenwart. Und diese ist eine Bildwelt. Bilder sind ein zentrales Mittel der Kommunikation geworden und Jugendliche spielen bei dieser Entwicklung die Vorreiterrolle. Ihre Ansprüche ans Material sind hoch, da stecken sie viel Energie hinein – und Bedacht. «Im Bikini im Schwimmbad zu sein, ist ganz etwas anderes, als auf Instagram ein Bild von sich im Bikini in der Badi zu posten», sagt eine von Wampflers Schülerinnen. Ihre Kollegen sehen das auch so. Einer Meinung ist die Gruppe auch bezüglich des Umgangs mit Bildern, auf denen Freunde mit abgebildet sind: Zuerst fragen, dann posten.

Auch dass nicht alles stimmt, was im Netz steht, ist den Jugendlichen bekannt. Online-Kommentare scheinen sie gut einordnen zu können, 88 Prozent wissen gemäss Credit Suisse Jugendbarometer, dass es Trolle im Netz gibt.

Die ausgeschlossenen Eltern

Alles super, alles im Griff? «Es ist unglaublich, wie viel Zeit man auf Instagram und Co. verbraucht», meldet sich einer. «Mir ist das am Verleiden, ich bin zwar noch aktiv, aber nur noch, wenn ich will.» Ein anderer erzählt, er habe seinen alten Account mit vielen Hundert Followern, die auf News von ihm warteten, gelöscht und einen neuen eröffnet, «mit nur noch knapp 50 Followern, total stressfrei und easy».

Instagram, seit 2012 in Besitz von Facebook, ist eine grosse Bühne der Selbstdarstellung mit klaren Inszenierungsregeln: Es geht um Schönheit; Fotos, die dort hochgeladen werden, müssen perfekt sein; Likes sind die Währung, Vorsicht ist die Versicherung und die Privatsphäre der Tresor. Medienpsychologe Waller weiss von ungeschriebenen Gesetzen: etwa, dass auf Instagram nichts gepostet wird in alkoholisiertem Zustand und nichts während des Ausgangs, sondern, wenn überhaupt, erst am Morgen danach.

Echte Welt, virtuelle Welt – für die meisten Jugendlichen gibt es nur eine, online ist so real wie offline. Sie sind geübte User und schlau, wenn es darum geht, das Feld, das sie bereit sind, mit anderen zu teilen, abzustecken – oft zum Leidwesen von ausgeschlossenen Eltern. Sie stelle bei Snapchat Bilder grundsätzlich nur für zwei Sekunden zur Schau, erzählt eine Schülerin, «zu kurz für einen Screenshot». Und zu kurz für ein elterliches «Lass mal sehen». Der Pausengong ertönt, eine letzte Geschichte: Sie erzählt von einem 15-jährigen Jungen, dessen Eltern es zur Bedingung machten, dass er eine App mit GPS-Ortungssystem aufs Handy lädt, falls er ausgehen will. Er hat akzeptiert und das GPS installiert. Seither deponiert er sein Smartphone jeweils bei einem Freund, bevor er loszieht.