Heimat ist ein Gefühl
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Heimat ist ein Gefühl

Wo sind die Schweizerinnen und Schweizer zu Hause? Wie schätzen sie die eigene wirtschaftliche Situation ein? Und was gefährdet ihre Identität? Überraschende Antworten zur Gefühlslage der Befragten.

Seit 1990 sind in der Schweiz nicht weniger als 707 Gemeinden – fast ein Viertel der Gesamtzahl – durch Fusionen verschwunden. Diese Zusammenschlüsse könnten, verbunden mit einer generell erhöhten Mobilität, ein Grund dafür sein, warum die Gemeinden nicht mehr das unbestrittene Zentrum der Identifikation darstellen. Hatten sich im Jahr 2011 44 Prozent der Stimmbürger in erster Linie der Gemeinde zugehörig gefühlt, so sind es heute nur 19 Prozent (+2 Prozentpunkte [pp] seit 2014).

Die Swissness-Kurve der letzten Jahre steigt laut Sorgenbarometer nicht weiter an: Das Zugehörigkeitsgefühl zur Schweiz als Ganzes hat 2015 um 2pp auf 26 Prozent abgenommen. Mit 24 Prozent liegen die Sprachregion (+5 pp) und der Kanton (+2pp) praktisch gleichauf. Die Resultate werden aussagekräftiger, wenn man auch noch hinzunimmt, wem sich die Befragten in zweiter Linie zugehörig fühlen: Die Schweiz (50 Prozent, -6pp) und die eigene Sprachregion (47 Prozent, +12pp) liegen nun deutlich vor dem Wohnkanton (36 Prozent, -5pp) und der Wohngemeinde (31 Prozent, +3pp). Europa mit 15 Prozent (-2pp) und die Welt mit 9 Prozent (-2pp) bieten nur für wenige eine Identifikationsmöglichkeit.

Hauptsorge 2015 nach Siedlungsart

Der Trend zu grösseren Einheiten

Werden die Sprachregionen also zunehmend wichtiger? Der langjährige Trend ist klar: 2007 fühlten sich nur 8 Prozent in erster Linie der Romandie, dem Tessin oder der Deutschschweiz zugehörig, heute sind es dreimal mehr.

Dieser Trend zu grösseren Einheiten beinhaltet anscheinend auch die Gefahr der Entsolidarisierung. Mittlerweile wird der Egoismus mit 71 Prozent (+4pp) als ebenso grosse Gefahr für die Schweizer Identität angesehen wie das Verhältnis zur EU; in der Romandie wird der Egoismus als noch etwas grössere Gefahr wahrgenommen (75 Prozent) als in der Deutschschweiz (71 Prozent). In dieses Bild passt, dass bei der offenen Befragung nach den Hauptproblemen der Schweiz das Desinteresse an wichtigen politischen Themen (14 Prozent) praktisch gleich oft genannt wurde wie die Altersvorsorge (16 Prozent). Zugenommen hat auch die Identitätsgefährdung durch Reformstau (67 Prozent, +4pp) und Polarisierung (58 Prozent, +4pp).

Steuern weniger selbstverständlich

Auch bei der Frage nach Steuergerechtigkeit scheinen gewisse individualistische Tendenzen erkennbar. Natürlich zahlt niemand gerne Steuern, doch im Jahr 2011 bezeichneten immerhin 40 Prozent die Steuerbelastung als gerade richtig. Jetzt sind es noch 27 Prozent. Dementsprechend beklagten sich vor vier Jahren nur 54 Prozent über zu hohe Steuern, jetzt sind es 70 Prozent. Nimmt das Zusammengehörigkeitsgefühl ab, werden wohl auch Steuern weniger selbstverständlich.

Doch es gibt allenfalls auch einen Zusammenhang zwischen Steuerfragen und der Beurteilung der allgemeinen und der individuellen Wirtschaftslage. Hier lässt sich, auf sehr hohem Niveau, eine etwas pessimistischere Einschätzung der Zukunft feststellen, obwohl nur 8 Prozent (+1pp) konkret befürchten, im Laufe der nächsten zwölf Monate die Arbeitsstelle zu verlieren. 63 Prozent (+3pp) bezeichnen ihre aktuelle wirtschaftliche Situation als gut oder sehr gut. Und dass sie im nächsten Jahr besser oder zumindest gleich gut sein wird, glauben 86 Prozent (-6pp). Umgekehrt beklagen sich zwar nur 6 Prozent (-1pp) über eine finanziell schlechte Situation; aber 13 Prozent (+6pp) befürchten eine Verschlechterung – so viele wie seit 2002 nicht mehr (1 Prozent gab keine Antwort).

Nur 20 Prozent glauben an Aufschwung

Noch etwas düsterer wird die allgemeine Konjunkturentwicklung gesehen. 28 Prozent (+11pp) haben eine Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage festgestellt, und 23 Prozent (+8pp) gehen davon aus, dass eine weitere Verschlechterung eintreten wird. Das ist zwar noch nicht beängstigend, aber an einen wirtschaftlichen Aufschwung glauben derzeit unverändert lediglich 20 Prozent.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist der Ansicht, dass es der Schweiz in zehn Jahren besser gehen wird in Bezug auf den Zusammenhalt der Sprachregionen (65 Prozent, -8pp), die Umwelt (61 Prozent, +8pp) sowie die Zusammenarbeit der wichtigsten Parteien (51 Prozent, -4pp). Von einer Verschlechterung gehen die Befragten hinsichtlich der Verbreitung von Armut (64 Prozent, +0pp) und der Altersstruktur der Gesellschaft (57 Prozent, +2pp) aus. Eine Pattsituation gibt es bei der Frage, ob sich das Zusammenleben mit den Ausländerinnen und Ausländern verbessern (48 Prozent, -2pp) oder verschlechtern (48 Prozent, +3pp) wird.