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Der Schweizer Arbeitsmarkt in 15 Jahren

Das schweizerische Gesundheits- und Sozialwesen dürfte bis 2030 nach dem Bereich Handel, Verkehr und Logistik der grösste Arbeitgeber im Land sein. Die Industrie wird laut unseren Simulationen um 100'000 Stellen schrumpfen.

Ende 2014 waren in der Schweiz umgerechnet 3.6 Millionen Vollzeitstellen besetzt. Jeder Sechste war in der Industrie beschäftigt, und jeder Achte arbeitete im Gesundheits- und Sozialwesen. In den kommenden 15 Jahren dürften sich diese Gewichte markant verändern, genauso wie sie sich in den vergangenen 15 Jahren verändert haben. Zur Jahrtausendwende befand sich beispielsweise erst jede zehnte Stelle im Gesundheits- und Sozialwesen, und noch jeder Fünfte war in der Industrie beschäftigt.

Wir schätzen, dass 2030 nur noch jeder Achte in der Industrie arbeitet und stattdessen jeder Sechste im Gesundheits- und Sozialwesen angestellt ist. Unser Prognosemodell basiert nebst der vergangenen Beschäftigungsentwicklung auch auf unseren Annahmen zur Entwicklung der Gesamtbevölkerung und der Erwerbsquote bis 2030. Im Falle des Gesundheits- und Sozialwesens schätzen wir eine Zunahme um knapp 200'000 Stellen oder rund 40 Prozent. Für die Industrie prognostiziert unser Modell eine Reduktion um 100'000 Stellen. Eine relativ starke Expansion ist nach dem Modell auch bei Dienstleistungen wie Unternehmensberatung sowie in der Informationstechnologie (IT) und im Finanzwesen zu erwarten.

Finanzdienstleister dürften weniger stark wachsen

Für die Finanzdienstleister prognostiziert unser Modell eine positive Entwicklung. Zumindest mittelfristig spricht jedoch die qualitative Chancen/Risiken-Bewertung unserer Branchenexperten für eine weniger dynamische Entwicklung. Nur schon die fortschreitende Digitalisierung von Bank- und Versicherungsdienstleistungen dürfte das Stellenwachstum gegenüber der Modellprognose hemmen. Für die Administrativen Dienste schätzt das Modell einen Zuwachs um knapp 10'000 Stellen bis 2030. Dies erachten wir für realistisch, zumal der wichtigste Treiber des Stellenwachstums, das Bevölkerungswachstum, sich in den kommenden 15 Jahren abschwächen dürfte. Die eingangs erwähnten Modellprognosen für das Gesundheits- und Sozialwesen sowie die Industrie erachten wir angesichts des Chancen/Risiken-Profils unserer Branchenexperten zumindest mittelfristig für plausibel. In den nächsten 15 Jahren sind jedoch in diesen und anderen Branchen grundlegende Umgestaltungen nicht auszuschliessen; sie könnten sogar notwendig sein, um das Fortbestehen einer Branche zu garantieren.

Versicherungsbranche steigerte Wertschöpfung einzig durch Produktivität

Einen eindrücklichen Wandel hat beispielsweise das Versicherungswesen durchlaufen. Infolge der Marktliberalisierung in den 1990er-Jahren stieg der Druck auf die Versicherer, die dank Fortschritten in der Informationstechnologie und teils auch dank Auslagerungen von Teilaufgaben enorme Produktivitätssteigerungen realisieren konnten. Die Wertschöpfung in der Versicherungsbranche ist zwischen 1990 und 2014 um rund 170 Prozent gestiegen, während die Beschäftigung um 15 Prozent zurückging. Das Wachstum der Bruttoertragsschöpfung der Versicherungsbranche ist also einzig auf Produktivitätsgewinne zurückzuführen.

Für das Gesundheitswesen wird das Arbeitsangebot zu knapp

Demgegenüber gab es im Gesundheits- und Sozialwesen im selben Zeitraum nur geringe Produktivitätsfortschritte. Wie die Abbildung zeigt, erklärt sich die Wertschöpfungssteigerung in der Vergangenheit zum grossen Teil durch die gestiegene Beschäftigung. In diesem stark auf Arbeitskräfte abgestützten Wirtschaftsbereich sind Produktivitätssteigerungen zumindest mittelfristig nicht im selben Ausmass möglich wie beispielsweise in der Industrie. Indes wird das Arbeitsangebot bei gleichbleibend hoher Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen zu knapp, was eine Umgestaltung der Branche erfordern würde. Bereits heute kann laut Bundesamt für Statistik rund ein Viertel der Stellen für Personen mit höherer Berufsbildung und Hochschulabgänger nur schwer oder gar nicht besetzt werden. Nicht zuletzt mit der Annahme der Initiative gegen Masseneinwanderung dürfte sich diese Knappheit noch weiter verschärfen. Durch den entstehenden Arbeitskräfte-Engpass werden Produktivitätssteigerungen im Gesundheits- und Sozialwesen langfristig unumgänglich.