«Die Show des Jahrzehnts» – Goya: The Portraits

«Die Show des Jahrzehnts» – Goya: The Portraits

Der Verkauf der Tickets für die bahnbrechende Ausstellung «Goya: The Portraits» in der National Gallery hatte kaum begonnen, als die Kritiker sie bereits als die «Show des Jahrzehnts» priesen.

Goyas ersten Porträts

Passenderweise beginnt die Ausstellung in einem Raum, der ausschliesslich «Goyas ersten Porträts» gewidmet ist. Diese lassen bereits erkennen, wie talentiert er darin ist, realitätsgetreu zu malen; und sie sind Ausdruck seiner Fähigkeit, sowohl den Charakter seiner Motive als auch seine eigene Reaktion auf sie als Menschen auf der Leinwand darzustellen.

Das eindrucksvolle Gemälde «Porträt Karls III. im Jagdanzug» sagt ebenso viel über Goya wie über den spanischen König aus. In der Regel werden Könige in Rüstung oder offiziellen Roben abgebildet. Auf diesem Gemälde hat der Künstler jedoch zugunsten einer vergleichsweise bescheidenen Kleidung auf diesen Prunk verzichtet. Karl, der gleichermassen für seine spektakuläre Hässlichkeit wie für seine egalitären Ansichten bekannt war, wird hier als eine durchaus sympathische, wettergegerbte, onkelhafte Persönlichkeit dargestellt.

Porträtmaler des spanischen Adels

Im zweiten Raum kann der Besucher die beginnende Beziehung Goyas zur spanischen Aristokratie erforschen. Das Familienporträt «Der Herzog und die Herzogin von Osuna und ihre Kinder» ist ein wohlwollendes und weiches Bildnis einer der aufgeklärtesten Familien Spaniens. Ein Hinweis darauf ist die Tatsache, dass die Herzogin ein Buch in der Hand hält, womit sie als ihrem Ehemann intellektuell ebenbürtig dargestellt wird. Der Herzog, ein Mann von hohem Stand und hoher Statur, beugt sich auf dem Bild leicht vor, um die Hand seiner Tochter Josefa Manuela zu halten, was seine private, familiäre Seite erahnen lässt.

Obwohl dieses Porträt eine Abwendung von Goyas früherem ernsthaften Realismus darstellt, offenbart es doch auf ausdrucksvolle Art und Weise die starken familiären Bande zwischen ihm selbst und den dargestellten Personen, die sowohl Mäzene als auch als Freunde waren.

Die Darstellung der spanischen Aufklärung

Die französische Revolution im Jahr 1789 führte zu einer Reihe von Reformen und politischen Ernennungen durch die spanische Monarchie, die so versuchte, blutige Unruhen in ihrem Land abzuwenden. Da viele seiner Mäzene und Freunde Ämter in der Regierung übernahmen, stieg auch Goya selbst am Hof auf und wurde zum Direktor für Malerei an der königlichen Akademie von San Fernando ernannt.

Anlässlich der Ernennung seines Freundes «Gaspar Melchor de Jovellanos» zum Minister der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit porträtierte Goya ihn als einen Mann, der anscheinend ernsthaft bemüht ist, seiner Verantwortung gerecht zu werden. Gaspar sitzt an einem Schreibtisch, stützt seinen Kopf mit seiner linken Hand ab und blickt dem Betrachter mit einem Anflug von Melancholie entgegen. Die auf dem Schreibtisch liegenden Regierungsunterlagen und das Dokument in seiner rechten Hand deuten auf gewichtige Angelegenheiten hin, die seine tiefe Kontemplation erfordern.

Offizieller Porträtmaler des spanischen Hofs

In Raum 4 sieht der Besucher dann eines der fesselndsten Bilder der Ausstellung, das wohl die wichtigste Frau in Goyas Leben darstellt: «Die Herzogin von Alba». Goya malte sie in einer öden Landschaft – eine Kulisse, die in einem starken Kontrast zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Ruf steht. Die Herzogin stellt einen gewissen Hochmut zur Schau. Sie stützt eine Hand in die Hüfte und deutet mit einem Finger der anderen Hand auf den staubigen Grund zu ihren Füssen. Dort steht ‹Solo Goya› (Nur Goya) im Sand geschrieben. 

Die Porträts von «Karl IV. in Jagdkleidung» und seiner Frau «Maria Luisa mit Mantilla», die erst zum zweiten Mal ausserhalb Spaniens ausgestellt werden, sind äusserst spezielle Beiträge zu der Ausstellung. Die königlichen Porträts, die von wesentlicher Bedeutung für das künstlerische Erbe Spaniens sind, befinden sich in exzellentem Originalzustand in ihren ursprünglichen, vergoldeten Holzrahmen. Seitdem sie von dem ikonischen spanischen Maler geschaffen wurden, hängen sie im Palacio Real in Madrid.

Karl zeigt eine angenehme, offene und zugängliche Miene. Dennoch sind einige Experten der Meinung, dass Goya den König in einem weniger vorteilhaften Licht malte, um auszudrücken, dass er mehr an der Jagd als an Staatsangelegenheiten interessiert war. Interessanterweise trägt der den König anhimmelnde Spaniel jedoch ein Halsband mit den Worten «Ich gehöre unserem König», was wiederum als Beweis für Goyas Loyalität zu seinem König interpretiert werden könnte.

Maria Luisa malte Goya mit grossem Wohlwollen. In einer seltenen, schmeichelnden Geste füllte Goya die hohlen Wangen der Königin aus (zu dieser Zeit hatte sie bereits alle ihre Zähne verloren) und betonte ihre jugendlichen Arme, auf die sie so stolz war. Goya stellt auch ihr meisterhaftes, traditionelles Mantilla-Kleid detailliert dar. Aufgrund dieses Kleids mit seiner unfassbar teuren belgischen Spitze wurde Maria Luisa beschuldigt, sie hätte mehrere adlige Familien von Hofdamen in den Ruin getrieben, die versuchten, den Stil der Königin nachzuahmen.

Liberale und Despoten

Kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag wurde Goya an den Hof bestellt, um den Nachfolger Karls IV. zu malen, «Ferdinand VII. in Hofkleidung». Das entstandene Bild – ein Glanzstück in Raum 5 – ist sowohl ein Triumph der Kunst des Maestros als auch eine Studie der Tyrannei.

Ferdinand, der 1814 aus dem Exil zurückkehrte, war erpicht, sein Land mit eisernem Griff zu führen. Goya deutet raffiniert darauf hin, indem er den König so malt, dass er mit seiner rechten Hand ein Zepter, ein Symbol der Hoheitsgewalt, umklammert, während seine linke Hand fest auf dem Griff seines Schwerts in der Scheide ruht. Die schweren Brauen, die knollenartige Nase und das hervorspringende Kinn vermitteln keine positive Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Motiv. 

Die Niederlage Napoleons, die Ferdinands Rückkehr an die Macht ermöglichte, war dem «Herzog von Wellington» zu verdanken, der Goya im Jahr 1812 Motiv stand. 

Nachdem der britische Held Madrid vom Joch der französischen Kräfte befreit hatte, malte Goya ihn nicht triumphierend, sondern als einen kampfesmüden Veteran. Wellingtons Gesicht ist eine Studie der Auswirkungen des Krieges. Nichtsdestotrotz verleihen dem Herzog seine «Schultern-zurück-und-Brust-raus»-Haltung und sein militärischer Uniformrock mit Medaillen (von denen einige zwei Jahre, nachdem das Bild ursprünglich gemalt worden war, hinzugefügt wurden) ein heroisches, seinem Sieg angemessenes Auftreten. 

Goya und seine Vertrauten

In der Gesellschaft seiner Familie und Freunde drückte sich Goya auf eine Art und Weise aus, die seine tiefe Zuneigung, seinen Ideenreichtum und seine unheimliche Fähigkeit, ein zweidimensionales Bild wie echtes Fleisch und Blut aussehen zu lassen, übermittelte. In Raum 6 finden sich zwei bemerkenswerte Gemälde.

Das wunderschöne Bildnis der «Marquise von Santa Cruz» bezeugt Goyas lange Beziehung zu seinen Motiven. Das erste Mal hatte er sie im Alter von vier Jahren auf dem Osuna-Familienporträt gemalt. Siebzehn Jahre später präsentiert Goya sie in einem offenherzigen weissen Kleid mit einem Kranz aus Weinblättern und Trauben auf dem Kopf. Dieser Kopfschmuck und die Lyra, die sie in der Hand hält, kennzeichnen sie als Erato, die Muse der Liebesdichtung. Das Gemälde ist sowohl sinnlich als auch intim.

Der ovale Rahmen um das Antlitz von «Martin Zapater» symbolisiert die besonders enge Freundschaft Goyas mit seinem Motiv. Goya verleiht diesem Gemälde seines Kindheitsfreundes eine bemerkenswert lebensechte Qualität. Zapaters auffallende Nase und funkelnde Augen vermitteln eine anziehende Direktheit; und wenn man an dem Bild vorbeigeht und Zapater dabei in die Augen blickt, scheint er seinen Kopf zu drehen und dem Betrachter zu folgen.

Die Privatperson Goya

In Raum 7 werden dem Besucher seltene Einblicke in Goyas eigenes Familienleben gewährt – beispielsweise mit dem liebevollen Porträt seines Sohnes «Javier Goya y Bayeu».

Obwohl er so verehrt wurde und erfolgreich war, bewahrte sich Goya einen Sinn seiner eigenen Sterblichkeit und Dankbarkeit gegenüber anderen für sein Glück. Nirgendwo ist dies deutlicher in seinem Werk zu sehen als in seinem «Selbstbildnis mit Dr. Arrieta».

Ein schwächlicher Goya umklammert seine Betttücher und lehnt sich in die stützenden Arme Arrietas zurück, während in den Schatten hinter ihnen mysteriöse, gespenstische Figuren stehen. Das volle Ausmass von Goyas Beziehung zu seinem Arzt ist nicht bekannt, diese Hommage Goyas an Arrieta, dem er dieses Porträt schenkte, zeugt jedoch von einer engen Verbindung zwischen den beiden und von der Menschlichkeit des Künstlers. Arrieta reiste später nach Westafrika, um die Beulenpest zu studieren, und kehrte nie zurück. 

In diesem Raum ist auch das letzte Gemälde, das Goya malte, zu sehen. Es stellt seinen einzigen, geliebten Enkel «Mariano Goya» dar. Dieses Porträt, das nur wenige Monate vor Goyas Tod am 16. April 1828 entstand, zeugt von dem Genie, den Fertigkeiten und der unbändigen Kreativität eines Künstlers, der sich bis zum letzten Atemzug seiner Kunst verschrieben hatte.