Der Aufstieg der Robo-Berater

Automatisierte Vermögensanlagedienstleistungen – «Robo-Berater» genannt – stellen eine kostengünstige Alternative im Bereich Vermögensberatung dar und ihr Marktanteil wächst exponentiell. Was genau machen Robo-Berater und was kann das Private Banking von dieser neuen Entwicklung lernen?

Dürfen wir vorstellen: Alex. Alex ist ein «Millennial», ein Kind der 1980er-Jahre. Er arbeitet in der New Economy – genauer gesagt in einem Internet-Start-up, das sich (vielleicht) an der Schwelle zum IPO oder zu einem transnationalen Beratungsunternehmen befindet. Alex ist finanziell gut aufgestellt, beginnt aber, darüber nachzudenken, wie er langfristig finanzielle Stabilität erreichen könnte. Traditionelle Vermögensverwaltungsoptionen, wie Finanzberater, die eine persönliche Anlagestrategie entwickeln, wären eine attraktive Option, die jedoch nicht realistisch ist, da Alex nicht zu den vermögenden Kunden zählt. Das Vermögen von Alex reicht zurzeit noch nicht für ein solides Anlageportfolio. Anlagefonds sind für einen Anleger wie Alex vielleicht geeigneter, haben aber auch ihre Nachteile, wie z. B. die relative Inflexibilität. Alex' Möglichkeiten zum Aufbau eines Anlageportfolios sind begrenzt, wie es scheint.

Alex' Dilemma widerspiegelt eine wachsende Herausforderung für die Vermögensverwaltungsbranche: Wie reagiert die Branche auf die Bedürfnisse einer neuen Generation von Anlegern, die über fundiertes Finanzwissen verfügen, daran interessiert sind, ein langfristiges Portfolio aufzubauen, die jedoch nicht die liquiden Mittel besitzen, um den Grossteil der Private-Banking-Dienstleistungen zu nutzen? Eine Lösung, die auf neuer Technologie basiert, hält Einzug: willkommen in der Welt der automatisierten Anlageberatung und Implementierungsplattformen.

Maschine vs. Mensch – oder passive vs. aktive Anlagestrategien?

Robo-Berater – ein passend futuristischer Ausdruck zur Beschreibung dieser Dienstleistungen – sind Anlagedienstleistungen auf der Basis eines automatisierten Kundendienstes und einer Anlagestrategie, die auf Computeralgorithmen beruht. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Start-ups in diesem Bereich gegründet, überwiegend in den USA, aber zunehmend auch in Europa und Asien. Was sie versprechen, ist polarisierend: Geboten werden nach eigener Aussage personalisierte Portfolioleistungen zu wettbewerbsfähigen Preisen. Kunden und bestehende Dienstleistungsanbieter fragen sich: Können diese Versprechen eingehalten werden? Sind Robo-Berater in der Lage, die Vermögensverwaltungslandschaft zu revolutionieren?

Der Computer schläft nie

Die erste Frage ist am offenkundigsten. Können Algorithmen besser sein als erfahrene Vermögensberater? Adam Nash ist CEO von Wealthfront, einem in Palo ansässigen Start-up-Unternehmen im Bereich Anlageberatung mit einem verwalteten Kundenvermögen von über 2,4 Milliarden US-Dollar. Er weist darauf hin, dass die allgemeine Anlagestrategie seiner Gesellschaft auf soliden, bewährten Prinzipien fusst. «Wealthfront baut auf einem langfristigen, passiven Anlageansatz auf, der von unserem Chief Investment Officer, Dr. Burton Malkiel, vorgegeben wird», erklärt Nash (Malkiel ist ein führender Ökonom und der Autor des einflussreichen Buches A Random Walk Down Wall Street). Nash argumentiert, dass aktive Anlagestrategien selten den Markt schlagen und dass Wealthfronts technologiegestützte Strategie langfristig ausgerichtet ist. «Technologie spielt eine grosse Rolle bei der Automatisierung passiver Anlagestrategien», so Nash. «Gutes Anlegen ist wie ein Marathon, kein Sprint, und der Computer schläft quasi nie. Er beobachtet Ihre Kapitalanlage rund um die Uhr und erledigt die ganzen kleinen, langweiligen Dinge, die gutes langfristiges Anlegen ausmachen, wie zum Beispiel Neugewichtung, Aufteilung der Anlage, Tax Loss Harvesting usw.»

Neue Märkte, neue Bevölkerungsgruppen

Man könnte sagen, dass Robo-Berater zu einer Demokratisierung des Anlageprozesses führen. Zum einen ist es einfacher, an einem Programm teilzunehmen – laut Wealthfront dauert die Eröffnung eines Kundenkontos «weniger als zehn Minuten» –, und zum anderen vereinfachen die geringeren Kosten einer automatisierten Dienstleistung den Einstieg für potenzielle Anleger deutlich. Das exponentielle Wachstum der Robo-Beratungsdienstleistungen bestätigt dies: Die verwalteten Vermögen von digitalen Anlagedienstleistungen sind zwischen 2012 und 2014 von 1 Milliarde US-Dollar auf 5,1 Milliarden US-Dollar angewachsen. Manchen Prognosen zufolge könnte dieser Wert in den nächsten fünf Jahren bis auf 250 Milliarden US-Dollar ansteigen. Dies sei nicht unmöglich, so Christine Schmid, globale Leiterin Equity and Credit Research bei der Credit Suisse. «Prognosen aufzustellen ist sehr schwierig,» warnt sie. «Aber wenn sich Robo-Banking etabliert, insbesondere in der Region Asien-Pazifik, wo die sogenannte Mittelschicht bis 2020 bis zu 1,7 Milliarden Menschen umfassen soll (2009 waren es noch 0,5 Milliarden Menschen), scheinen 250 Milliarden US-Dollar durchaus realistisch.»

Asien als treibende Kraft für reales Wachstum

Die Zunahme und Verteilung von privatem Vermögen wird bei der Entwicklung von automatisierten Vermögensanlagedienstleistungen eine grosse Rolle spielen. Einem neuen Bericht der Boston Consulting Group zufolge entfielen 60 Prozent des weltweiten Anstiegs des privaten Vermögens, der sich im vergangen Jahr auf 17,5 Billiarden US-Dollar belief, auf die Region Asien-Pazifik (ohne Japan). Das reale Wachstum wird im nächsten Jahrzehnt und darüber hinaus mit fast 100 Prozent iger Sicherheit von Asien getrieben. Nicht unberücksichtigt gelassen werden darf auch die Frage, welche Bevölkerungsgruppe die automatisierten Anlagedienstleistungen am wahrscheinlichsten nutzen wird. Diese Gruppe ist mit hoher Wahrscheinlichkeit technologisch versiert, hat sich im vergangenen Jahrzehnt fundiertes Finanzwissen angeeignet und ist somit besonders sensibel im Hinblick auf die Auswirkungen von Finanzturbulenzen. Aufgrund der hohen Kosten und Management Fees war sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Vergangenheit von den traditionellen Vermögensverwaltungsdienstleistungen ausgeschlossen.

Millennials haben ihre Lektion aus zwei Crashs gelernt

Zu den Millennials zählen Menschen wie Alex, den wir zu Beginn vorgestellt haben. «Wir haben festgestellt, dass diese Gruppe eine andere Art von Anlagedienstleistung wünscht – eine Dienstleistung, die voll automatisiert und transparent ist», sagt Nash, von Wealthfront. Diese Generation verfüge über einen Anlageinstinkt, der von zwei Börsencrashs, die sie in ihrer Jugend miterlebt hat, dem Regulierungsversagen und dem Wunsch, ethisch korrekt zu investieren, geprägt ist. «Die Millennials glauben nicht daran, dass ihr Vermögen dadurch zustande kommt, dass der Markt übertroffen wird. Vielmehr wünschen sie eine Dienstleistung, die mit Blick auf eine langfristige Kapitalanlage steuereffizient und kostengünstig ist.»

Schmid sieht die Notwendigkeit, den Bedürfnissen einer neuen Generation von Anlegern wie Alex Rechnung zu tragen. «Die Anzahl der Kunden, die kostengünstige, einfache Banking-Lösungen wünschen, die strengsten Regeln zur Cybersicherheit entsprechen, nimmt zu», stellt Schmid fest. Stellt dies keine Bedrohung für etablierte Vermögensanlagedienstleistungen dar? Überhaupt nicht, so Schmid. «Etablierte Marktteilnehmer können Anlagechancen bieten, die neue Finanztechnologieunternehmen nicht bieten können. Banken müssen in Technologie und digitale Lösungen investieren.»

Eine Chance für Kunden – und für das Banking

Holger Spielberg, Leiter Digital Innovation bei der Credit Suisse, stimmt dem zu und sieht die Entwicklung der automatisierten Anlagedienstleistungen positiv – nicht nur für den Bankensektor. «Letzten Endes dürfen wir nicht die Auswirkungen dieser Dienstleistungen auf den Bankensektor betrachten, sondern was diese für den Kunden – den Empfänger von Finanzdienstleistungen – bedeuten», so Spielberg. «Der Kunde muss an erster Stelle stehen.»

Spielberg stellt fest, dass sich aufgrund der Integration technologischer Neuerungen, insbesondere in den Bereichen Computerkapazität, Datenübertragung und Datenanalyse, zwangsläufig neue Dienstleistungen entwickelt haben. Er ist jedoch der Meinung, dass Elemente von traditionellen Vermögensverwaltungsdienstleistungen weiterhin Relevanz haben werden, insbesondere die menschliche Interaktion. «Der Faktor Mensch ist ein entscheidender Aspekt unserer Strategie», ergänzt er. «Eines ändert sich trotz aller Neuerungen nicht: der Wunsch, einen hochwertigen Service zu erhalten.» Automatisierte Dienstleistungen können auf individuelle Art und Weise die bestehenden Lösungen ergänzen. «Der Kunde erhält mehr Macht. Wir als Bank sind jetzt gefragt, individueller auf den Kunden einzugehen. Dank unserer Erfahrung und Technologie können wir unsere Leistungen ausbauen.» Robo-Berater sind in der Lage, die Vermögensverwaltungslandschaft zu revolutionieren. Statt jedoch eine gesichtslose, starre automatisierte Lösung zu schaffen, können sie für die private Vermögensverwaltung durchaus Mehrwert und Effizienzsteigerungen bedeuten.