Die National Gallery: Tradition und Wandel

«Die National Gallery repräsentiert und verkörpert die Kunstgeschichte, und diese ändert sich laufend», so Sir Nicholas Penny, Direktor der National Gallery. Im Gespräch mit Garrett Curran, CEO UK & Ireland bei der Credit Suisse, erklärt er, wie er diesen Wandel als Chance nutzen möchte.

Garrett Curran: Nick, wie würden Sie Ihre Rolle als Direktor der National Gallery beschreiben? 

Nicholas Penny: Ich repräsentiere die Institution und sehe mich gewissermassen als Botschafter. Unsere bedeutende Partnerschaft mit der Credit Suisse hat es uns ermöglicht, eindrucksvolle Ausstellungen durchzuführen. Es ist wunderbar, wenn die Leute denken, dass ich sie organisiert habe, aber in Wahrheit sind natürlich die Kuratoren für die Ausstellungen verantwortlich. Wir haben ein talentiertes Gestalterteam und hervorragende Registrare, aber die Ideen stammen von den Kuratoren.

Welche Ziele hatten Sie sich selbst und der National Gallery gesetzt, als Sie Ihr Amt antraten? Und glauben Sie, dass Sie Ihre Ziele erreicht haben?

Ich habe durchaus Ziele für die National Gallery, aber sie sind sehr langfristig ausgelegt. Ich gehe davon aus, dass einige von ihnen erst lange nach meiner Amtszeit erreicht werden. Ich wollte immer erreichen, dass die National Gallery weiterhin und noch mehr als bisher ein Zentrum der Wissenschaft ist, und ich glaube, das ist mir gelungen.

Ich denke viel über die ferne Zukunft nach, besonders darüber, inwieweit die National Gallery wachsen und sich verändern sollte. Sie repräsentiert und verkörpert die Kunstgeschichte, und diese ändert sich laufend. Sollte die National Gallery beispielsweise auch amerikanische Gemälde zeigen? Sind sie wirklich Teil der westeuropäischen Gemäldetradition? Erweitern sie sie und führen sie sie fort? Ich bin davon fest überzeugt und freue mich daher sehr, dass es uns gelungen ist, ein wirklich eindrucksvolles amerikanisches Gemälde von Bellows aus dem frühen 20. Jahrhundert zu erwerben. Damit hat sich die Ausrichtung der National Gallery bedeutend verändert.

Im Zeitalter der sozialen Netzwerke haben Sie neue Initiativen gestartet, um Wahrnehmung und Bekanntheitsgrad der National Gallery weiter zu steigern. Waren die Nutzung von sozialen Medien oder die Kinovorführungen eine direkte Reaktion auf einige dieser Veränderungen?

Die Integration der sozialen Medien in unsere Angebote war sehr wichtig und äusserst erfolgreich. Auf diese Weise konnten wir beispielsweise diejenigen erreichen, die unsere grossen Ausstellungen wie die Leonardo-Ausstellung nicht selbst besuchen konnten, und letztendlich Menschen rund um die Welt an dem Kunsterlebnis teilhaben lassen.

Es geht darum, dass Menschen ihre Erfahrungen teilen. Ich erinnere mich an folgende Begebenheit: Als wir erstmals das Fotografieren in den Ausstellungsräumen erlaubten, ging ich in die National Gallery und sah, dass viele Leute davon gehört hatten. Um den Van Gogh herum drängten sich Massen von Menschen und ich dachte «Ohje, wenn das so weitergeht, wird es schwer sein, die Gemälde zu sehen.» 

Aber dann sah ich Whistlejacket, unser herausragendes Gemälde eines Pferdes von Stubbs. Es war früh am Morgen und es waren noch nicht so viele Menschen in der National Gallery. Da war nur dieses kleine Mädchen, das unter dem Gemälde mit dem Pferd stand und von seinen stolzen Eltern fotografiert wurde. Dagegen kann man nichts haben, denn die Menschen verschicken und posten Bilder mit ihren Erlebnissen in der National Gallery rund um die Welt, und sie verstärken auch ihre eigenen Erinnerungen an die National Gallery. Wir werden zwar jetzt ein paar Postkarten weniger verkaufen, aber wir bekommen Publicity, was für uns in gewisser Weise wichtiger ist. Und wir verbessern auch die Erfahrung der Besucher in der National Gallery, solange das Ganze in geregelten Bahnen verläuft.

Nun zum Thema Ausstellungen. Sie sind sehr erfahren und hoch qualifiziert und organisieren seit Jahrzehnten Ausstellungen. Können Sie uns erzählen, wie das abläuft? Denn mir war nicht bewusst, dass Sie nicht nur der Leiter einer der renommiertesten Kunstinstitutionen der Welt sind, sondern dass Sie auch Teil eines Netzwerks sind, das zusammenarbeitet und kooperiert, um diese Ausstellungen zu verwirklichen. Wie ist es, mit diesen unterschiedlichen Galerien und Museen zusammenzuarbeiten, um Ausstellungen zu organisieren?

Nach einer Weile stellt man zwei Dinge fest: Zum einen müssen wir, wie alle grossen Institutionen, etwa der Prado in Madrid, die Eremitage in St. Petersburg oder natürlich der Louvre, sicherzustellen, dass unsere Dauerausstellung bestehen bleibt, Integrität hat und dass unsere Besucher die grossen Kunstwerke sehen können, die sie hier erwarten. Gleichzeitig zeigen wir Wechselausstellungen mit Leihgaben. Wir alle müssen also ständig auf das richtige Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen achten, aber uns allen stellt sich dasselbe Problem. Wirklich wichtig ist daher, dass man diese Institutionen bei den Verhandlungen dazu bekommt, dass sie über ihre Zukunft nachdenken und darüber, was sie von uns haben wollen.

Zum anderen sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass die Bitte um eine Leihgabe für kleinere Institutionen, die vielleicht ein oder zwei bedeutende Kunstwerke haben, die man leihen möchte, eine wirklich grosse Bitte darstellt. Ich halte es für einen grossen Fehler, wenn die Direktoren von Institutionen wie der unsrigen glauben, dass die Gewährung einer Leihgabe einfach ist oder dass solche kleineren Einrichtungen einfach zustimmen müssen.

Und manchmal erlebt man auch Überraschungen. Ein Beispiel: Als wir zusammen mit der Credit Suisse die grosse Veronese-Ausstellung hier veranstalteten, suchte ich die Kirche San Giorgio in Braida in Verona auf. Der Pfarrer von San Giorgio war so hilfsbereit und entgegenkommend wie kaum ein anderer, er freute sich richtig, dass ich mich für Vieles in seiner Kirche interessierte. Für ihn war es natürlich ein grosser Verlust, dass das eindrucksvolle Altargemälde die Kirche verliess, aber er sah es auch als grosse Ehre an.

Sie sprachen von der Herausforderung von Verhandlungen, doch eine erfolgreiche Bitte um die Leihgabe eines Kunstwerks erfordert auch eine ganze Menge Überzeugungskraft und Charme. Können Sie uns erklären, was zu diesen finanziellen und logistischen Herausforderungen gehört?

Bei der Organisation einer Ausstellung kann es zu allen möglichen Komplikationen kommen. Da ist natürlich die Frage des staatlichen Versicherungsschutzes. Unsere Ausstellungen werden erst dadurch möglich, dass wir für Leihgaben einen staatlichen Versicherungsschutz erhalten, und das ist für uns ein wirklich wichtiger Faktor. Aber es gibt Situationen, in denen das möglicherweise nicht funktioniert, oder einige der Beteiligten sind nicht vollständig überzeugt, dass dies die beste Vorgehensweise ist. In einigen Fällen mussten wir tatsächlich die Hilfe des Staates selbst in Anspruch nehmen.

Wie erreicht die National Gallery die nächste Generation der Kunstliebhaber?

Wir haben ein sehr grosses Programm für Schulen, das von der Credit Suisse unterstützt wird. Allerdings halte ich es für sehr wichtig, dass wir nicht warten, bis die Schulen auf uns zukommen, sondern dass wir den Lehrern zeigen, wie sie unsere Einrichtungen nutzen können. Ich meine nicht nur, wie man zur National Gallery kommt, sondern wie man all die Programme und Bilder, die wir anbieten können, nutzt. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir auch versuchen, die Kinder in den Schulen zu erreichen, die nicht in die National Gallery kommen. Daher interessiere ich mich sehr für das neue Programm «City Year UK», an dem wir beteiligt sind und das wir in Zusammenarbeit mit der Credit Suisse umsetzen.

Damit kommen wir zu meinem Highlight unserer Partnerschaft: die Veranstaltung von Teach First, die wir hier im Februar 2014 ausgerichtet haben. Ich fand es sehr passend, dass eine der führenden britischen Kunstinstitutionen als Plattform für den Start der STEM (Science, Technology, Engineering and Mathematics) Challenge diente. Die Veranstaltung hatte viel Symbolkraft und sprach auch Unternehmer an. Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft waren gemeinsam vertreten.

Ja. Dahinter steckte mehr als bloss der Gedanke «Das ist ein herrlicher Rahmen». Es legte die Einsicht nahe, dass Kultur nicht separat betrachtet werden sollte. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen und war aus meiner Sicht eine Veranstaltung mit herausragendem Erfolg.

Welche Rolle spielt die National Gallery in der britischen Kunstszene?

Wir haben pro Jahr knapp 6,5 Millionen Besucher, das sind, glaube ich, zwei Millionen mehr als im Jahr 2008, als ich Direktor wurde. Ich glaube, wir sind landesweit die Kunstinstitution mit der zweithöchsten Besucherzahl und natürlich eine der wichtigsten Touristenattraktionen. Die Herausforderung besteht natürlich darin, Menschen zu vermitteln, dass die Kunst der Vergangenheit auch heute noch relevant und auch heute noch aktuell und reizvoll ist. Daher müssen wir neue Wege finden, genau das zu tun.

Sie haben Besucher aus dem Ausland erwähnt: Ausländische Besucher hatten einen wesentlichen Anteil am Anstieg der Besucherzahlen um zwei Millionen Menschen während der letzten sieben Jahre.

Die Zahl der inländischen Besucher steigt auch, aber natürlich sind wir einer der Gründe, warum Menschen nach London kommen, die National Gallery zusammen mit ihren grossen Schwesterinstitutionen ist eine riesige Attraktion für ausländische Besucher. Und wir müssen uns laufend neue Möglichkeiten überlegen, damit sie die National Gallery optimal geniessen können – beispielsweise fremdsprachige Führer.

Wie sehen Sie die Rolle der National Gallery mit Blick auf die Zukunft?

Wirklich beeindruckend ist, dass die Trustees einen ehemaligen Kollegen von mir zu meinem Nachfolger ernannt haben: Gabriele Finaldi, den stellvertretenden Direktor des Prado in Madrid, der massgeblich an der Modernisierung dieses wunderbaren Museums beteiligt war. Er hat hier einst als Kurator gearbeitet. Ich kenne ihn recht gut und daher bin ich einer der wenigen glücklichen Direktoren, die wissen, dass ihre Institution in wirklich gute Hände übergeben wird. Ich weiss, dass er vieles ändern wird, und ich bin ganz dafür, denn ich weiss, dass sich in einer sich verändernden Welt auch die National Gallery verändern muss. Um in ihrem Kern dieselbe zu bleiben, muss sie sich in vielen anderen Aspekten verändern. Es ist eine sehr dynamische Institution und ich hoffe, dass sie das auch bleiben wird. Und ich hoffe auch, dass die Credit Suisse sie weiterhin dabei unterstützen wird, auch in Zukunft dynamisch zu sein.

Was hat das Sponsoring der Credit Suisse für Sie bedeutet und was waren Ihre Höhepunkte der Partnerschaft zwischen den beiden Institutionen?

Für mich war das Highlight der Partnerschaft mit der Credit Suisse die Tatsache, dass sie mir ganz plötzlich in den Schoss viel. Ich wusste, dass sehr viel Arbeit von vielen anderen geleistet worden war, aber vor allem, dass es eine Anerkennung der National Gallery war, denn der Credit Suisse war sehr daran gelegen, Partner der National Gallery zu werden. Das was 2008 – ich war neu als Direktor und es war wunderbar zu wissen, dass inmitten der weltweiten Finanzkrise die Credit Suisse da war, um mir die Hand zu halten, das gab mir enormes Vertrauen und Zuversicht.

Nun, wir fühlen uns sehr geehrt, zur Präsenz dieser Tizians an der Wand einen kleinen Beitrag geleistet zu haben. Zuletzt möchte ich Ihnen im Namen aller bei der Credit Suisse für die erfolgreiche Leitung dieser symbolträchtigen Institution und für Ihr Engagement danken, und ich wünsche Ihnen alles Gute für das nächste Kapitel in Ihrer Karriere.

Vielen Dank, Garrett.