Der unwiderstehliche Charme des «Familienfaktors»
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Der unwiderstehliche Charme des «Familienfaktors»

Familienbetriebe sind häufig performancestärker als Vergleichsunternehmen, die nicht in Familienbesitz sind. Diese allgemeine Feststellung trifft auf alle Regionen, Branchen und Unternehmensgrössen zu. In den vergangenen zehn Jahren erzielten Familienunternehmen im Jahresdurchschnitt eine um 5 Prozent höhere Rendite. Der jüngste Bericht «The CS Family 1000» des Credit Suisse Research Institute analysiert dieses Phänomen.

Egal ob Sie im kleinen Café an der Ecke einen Kaffee trinken, einen BMW fahren oder in einem IKEA-Sessel sitzen und dabei Obst vom Lebensmittelladen Ihres Vertrauens essen: Sie nutzen Produkte und Dienstleistungen von Familienunternehmen. Gross, klein, alt, neu, lokal und global – es gibt viele Arten von Familienbetrieben. Und auch wenn dies nicht unbedingt offensichtlich ist: Diese Unternehmen machen einen Grossteil der Weltwirtschaft aus. Laut European Family Businesses, dem EU-Dachverband der nationalen Interessenverbände der Familienunternehmer, liegt der Anteil der Familienbetriebe in den meisten Ländern weltweit zwischen 70 und 95 Prozent.

Die Credit Suisse begleitet dieses Phänomen seit einem Jahrzehnt. Der jüngste Bericht des Credit Suisse Research Institute (CSRI), des hauseigenen Thinktanks der Bank, trägt den Titel «The CS Family 1000». Er bewertet frühere Erkenntnisse neu und rückt das Thema Familienbetrieb anhand neuester, umfassender Analyse und Recherche in ein neues Licht.

Die Marktführer

Daten, die im Laufe der vergangenen Jahre erfasst wurden, haben durchgängig aufgezeigt, dass Familienbetriebe jenen Unternehmen, die sich nicht in Familienbesitz befinden, überlegen sind. Ein früherer, im Jahr 2015 publizierter Bericht des CSRI kam zum Schluss, dass Familienbetriebe den Index MSCI AC World in den vergangenen neun Jahren im Jahresdurchschnitt um 4,5 Prozent überflügelten. Die aktualisierte Analyse bestätigt diesen Befund. Seit Anfang 2006 haben die untersuchten Unternehmen eine kumulative Rendite von 126 Prozent erzielt und schnitten damit um 55 Prozent besser ab als der Index MSCI AC World.

Dieser Befund ist allgemein gültig, es gibt jedoch einige Unterschiede in Bezug auf Regionen und Branchen. Zum Beispiel wird die Performance eines Familienunternehmens im Wesentlichen durch seine Grösse und sein Alter bestimmt.

Eine genauere Betrachtung

Die Spitzenreiter im Universum der Familienunternehmen finden sich in den USA und in Asien (ohne Japan). Interessanterweise sind die USA auch die einzige Region, in der Large-Cap-Unternehmen besser abschneiden als Small Caps.

Regionale Performancevergleiche von Familienunternehmen und Nicht-Familienunternehmen bestätigen den «Familienfaktor» für alle Standorte. Sie zeigen zudem, dass Europa mit 5,1 Prozent die höchste Outperformance aufweist, verglichen mit 4,3 Prozent in den USA und 3,1 Prozent in Asien.

Die Research-Spezialisten erkannten auch einen Zusammenhang zwischen dem Aktienkurs und dem Alter eines Unternehmens. Es gibt klare Hinweise, dass jüngere Unternehmen, die in erster oder zweiter Generation geführt werden, besser abschneiden als ältere Familienunternehmen. Dies lässt sich mit dem «Kleinunternehmen-Effekt» und ihrem frühen Entwicklungsstadium erklären. In der Regel sind jüngere Unternehmen kleiner und bieten höheres Wachstumspotenzial.
Zusätzlich wurde geprüft, ob der «Familienfaktor» branchenspezifisch ist. Die Resultate legen jedoch nahe, dass Familienbetriebe in allen Sektoren besser abschneiden als Nicht-Familienunternehmen. Die meisten Familienbetriebe sind in den Branchen Energie, Finanzen und Technologie anzutreffen.

Optimismus, Vorsicht und langfristige Planung

Was aber haben Familienunternehmen – abgesehen vom «Familienfaktor» – sonst noch gemeinsam? Was unterscheidet sie von Vergleichsunternehmen, die nicht in Familienbesitz sind? Dies galt es zu untersuchen, um die Gründe hinter der höheren Leistungsfähigkeit aufzudecken. Um Erkenntnisse aus erster Hand zu gewinnen, befragten die Research-Spezialisten mehr als 100 Familienunternehmen.

Sie ermittelten drei Kernkriterien von Familienunternehmen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für die starke Performance verantwortlich waren: grössere Verbundenheit der Führungskräfte mit dem Unternehmen, eine stabilere Strategie sowie die Konzentration auf langfristiges, hochwertiges Wachstum statt auf kurzfristige Gewinne. Diese drei Punkte widerspiegeln sich in der Führung und in der Performance der Unternehmen.

Viele Geschäftsinhaber schauen optimistisch in die Zukunft. In der Regel verfolgen sie einen äusserst zurückhaltenden Ansatz bei der Finanzierung von Wachstum. Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer nutzt dazu lieber organisch erwirtschaftetes Kapital anstatt Kredite aufzunehmen, Schulden zu machen oder neue Anteile auszugeben. Interessanterweise ist diese Einstellung bei Unternehmen aller Altersgruppen vorzufinden und ist bei älteren Unternehmen, die in der vierten oder einer späteren Generation geführt werden, sogar noch leicht ausgeprägter.

Die weit verbreitete Meinung, dass die Nachfolgeplanung die grösste Sorge von Familienbetrieben sei, konnte durch die Studie nicht erhärtet werden. Als grösste Problembereiche stellten sich vielmehr der zunehmende Wettbewerb, der Zwang zur Innovation und disruptive Technologien heraus. Familienunternehmen in den USA und in Asien (ohne Japan) reagieren darauf, indem sie die Investitionen in Forschung und Entwicklung erhöhen.

Den Finger stets am Puls der Firma

Die Analyse ergab auch, dass die direkte Beteiligung von Familienmitgliedern an den Entscheidungsprozessen im Unternehmen ein zentraler Erfolgsfaktor ist. Im Durchschnitt sitzen bei fast 70 Prozent der befragten Unternehmen zwei oder mehr Familienmitglieder im Verwaltungsrat. Und der Grad der Familienbeteiligung geht mit zunehmender Reife des Unternehmens nicht wesentlich zurück. Tatsächlich gaben nur gerade 5 Prozent der in der vierten Generation geführten Unternehmen an, dass die Familie nicht direkt engagiert sei oder über kein Verwaltungsratsmandat verfüge.

Ein hohes Engagement der Familie, das unter anderem auf einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl gegenüber vergangenen und zukünftigen Generationen beruht, gilt als klarer Mehrwert von Unternehmen in Familienbesitz. Und dies dürfte sich auch so schnell nicht ändern. 75 Prozent der befragten Unternehmen gehen nicht davon aus, dass die Beteiligung der Familie in absehbarer Zukunft zurückgehen wird.

Anleger profitieren sowohl von der unternehmerischen Einstellung der Familien als auch von ihrem generellen Geschäftsverständnis. Da Firmeninhaber ihre dereinstigen Nachfolger nicht enttäuschen wollen, konzentrieren sie sich typischerweise auf die langfristige Nachhaltigkeit ihres Unternehmens. Und wie die Ergebnisse des jüngst veröffentlichten Berichts erkennen lassen, dürften auch die Anleger von familiengeführten Unternehmen nicht enttäuscht werden.