Die Auswirkungen der Unsicherheit auf die Wirtschaft
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Die Auswirkungen der Unsicherheit auf die Wirtschaft

Ein stabiles wirtschaftliches Umfeld begünstigt die Kreditvergabe, die Investitionen und den Konsum. Stabilität ist jedoch eine schwer messbare Grösse und wird stark von der subjektiven Wahrnehmung beeinflusst. Aber was ist mit Instabilität und Unsicherheit? Die Credit Suisse hat die Bedingungen für Unsicherheit und ihre Rolle im Markt analysiert.

Ein objektives Mass für Stabilität stellt der Index für wirtschaftspolitische Unsicherheit dar. Um ihn zu erstellen, zählt eine Gruppe von Ökonomen monatlich die Anzahl Artikel in den bedeutendsten Medien eines Landes, die die Wörter «Wirtschaft» und «unsicher» in Verbindung mit mindestens einem Wort aus einem politischen Zusammenhang enthalten, wie «Initiative», «Parlament» oder «Nationalbank».

Anhand dieser Logik hat die Credit Suisse einen wirtschaftspolitischen Unsicherheitsindex für die deutsch- und französischsprachigen Medien in der Schweiz erstellt (vgl. Grafik oben). Dabei fallen zwei Beobachtungen auf: Erstens ist die monatliche Anzahl Meldungen zu wirtschaftspolitischen Unsicherheiten in den letzten fünf Jahren markant gestiegen. Zweitens kommt es seit 2011 fast im Jahrestakt zu politischen Ereignissen, die Unsicherheit hervorrufen. Die letzten drei grossen Ereignisse dieser Art, nämlich die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative (MEI), die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze durch die Schweizerische Nationalbank und der Brexit-Entscheid in Grossbritannien, lösten regelrechte Fluten von Artikeln aus, die sich mit Unsicherheiten für die Schweizer Wirtschaft befassten.

Ungewisse Auswirkungen

Diese Unsicherheiten schlagen sich in der Stimmung von Finanzanalysten, Konsumenten und Firmen nieder. Die untere Grafik zeigt die kurzfristigen Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten für die Schweiz. Wie aus der Grafik ersichtlich wird, führte die Annahme der MEI zu einer deutlichen Trübung der Stimmung. Wie die Initiative umgesetzt werden sollte, war zum Zeitpunkt der Annahme noch völlig unklar.

Auch die Stimmung der Unternehmen wird durch Ereignisse beeinflusst, die nicht unmittelbar mit der Schweizer Wirtschaft verbunden sind und deren Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft grösstenteils ungewiss scheinen. Dies zeigt der Ausschlag im Geschäftsklima-Indikator der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) nach dem Brexit-Votum in Grossbritannien.

Markant mehr Meldungen

Markant mehr Meldungen

Anzahl Zeitungsartikel zu wirtschaftspolitischer Unsicherheit

Stimmungsschwankungen am Markt

Stimmungsschwankungen am Markt

Stimmungsschwankungen am Markt Stimmungsindikatoren, standardisierte Werte

Quelle: policyuncertainty.com, Factiva, ZEW, KOF, Seco, Credit Suisse

Ebenso zeigt die untere Grafik die Erwartungen der privaten Haushalte für die Zukunft. Diese Erwartungen werden im Rahmen der Konsumentenstimmungsumfrage des Seco nur quartalsweise erhoben, doch dürfte dies nicht der einzige Grund für die weniger starken Stimmungsschwankungen sein: Für die Laune der Konsumenten ist die Einschätzung der zukünftigen Wirtschaftslage schlichtweg weniger bedeutend als die Sicherheit der eigenen Arbeitsstelle.

Wir stellen also fest, dass die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen und an den Märkten stark von der Unsicherheit im wirtschaftspolitischen Kontext geprägt ist. Faktisch lassen sich die Auswirkungen grösserer Unsicherheit jedoch nur an den Finanzmärkten nachweisen. So löste der Brexit-Entscheid einen vorübergehenden Einbruch der Schweizer Aktiennotierungen aus.

In vielen realwirtschaftlichen Entscheidungssituationen überwiegen hingegen andere Effekte. Ein Beispiel sind die Investitionen von Unternehmen: Trotz grosser Unsicherheit in Bezug auf die Umsetzung der MEI sind diese nicht weggebrochen. Ebenso wurden die Haushalte trotz der getrübten Stimmung im Jahr 2015 nicht zurückhaltender bei grossen Anschaffungen, sondern tätigten dank dem starken Franken beispielsweise sogar mehr Autokäufe. Fazit: Wenn es wirtschaftlich darauf ankommt, sind harte Fakten immer noch wichtiger als eine «gefühlte Unsicherheit».