Bündner Wirtschaft: Vierfach herausgefordert
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Bündner Wirtschaft: Vierfach herausgefordert

Im Kanton Graubünden stehen Tourismus, Exportwirtschaft, Baugewerbe und Wasserkraft vor beträchtlichen Herausforderungen. Dies zeigt die neue Regionalstudie der Credit Suisse.

Ein Blick auf die wirtschaftliche Struktur Graubündens lässt für die konjunkturelle Entwicklung des Kantons wenig Gutes erwarten: Die Frankenstärke schmälert Umsätze und Margen in der Exportwirtschaft und im Tourismus. Aufgrund der starken Ausrichtung auf europäische Touristen, deren Ferien mit dem Frankenschock deutlich teurer geworden sind, sind die Betten der Bündner Hotels nur schwach ausgelastet. Die Hoteliers haben reagiert, indem sie ihre Pforten im Sommer vermehrt schliessen oder 2015 ganz auf die Saison verzichtet haben. Das Baugewerbe leidet unter der Beschränkung des Zweitwohnungsbaus und muss sich in Zukunft auf eine dauerhaft geringere Auftragslage einstellen. Dazu gesellt sich der Preiszerfall in der Elektrizitätswirtschaft. Aktuell liegen die Preise unter den Gestehungskosten neuer Wasserkraftwerke – das einstige "Blaue Gold" hat an Glanz verloren.

Weniger Hotelbetrieb im Sommer

Weniger Hotelbetrieb im Sommer

Veränderung der durchschnittlichen Öffnungstage pro Betrieb und Monat in den acht grössten Tourismusdestinationen*, Sommer 2008-2014, in %

Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse, *gemessen an der Anzahl Logiernächte 2014, ohne Chur

Bündner Rheintal: Zentrumsregion punktet mit Fachkräften

Mit Blick auf die Standortqualität für Unternehmen positioniert sich der Kanton Graubünden gemäss unserem Standortqualitätsindikator unterdurchschnittlich. Die Bündner Topographie mit 150 Tälern und 937 Berggipfeln ist Basis der touristischen Attraktivität des Kantons. Gleichzeitig senkt sie die verkehrstechnische Erreichbarkeit und damit die Standortqualität. Eine Erreichbarkeit nahe dem Landesmittel weist das Bündner Rheintal dank seinen effizienten Verbindungen in die wirtschaftlichen Ballungszentren auf. Aus steuerlicher Sicht erweist sich Graubünden durchs Band überdurchschnittlich attraktiv. Bei der Verfügbarkeit von Fachkräften und Hochqualifizierten zeigen sich dagegen markante innerkantonale Unterschiede: Das Bündner Rheintal und die «Wissensstadt» Davos weisen die höchsten Werte auf.

Bevölkerung und Raum: Wachstum in Talgebieten, Abwanderung in Bergregionen

Die Bevölkerung des Kantons Graubünden ist in den vergangenen Jahren leicht gewachsen. Das Wachstum ist vor allem auf das Bündner Rheintal zurückzuführen. Die Bevölkerung nahm dort in den letzten 14 Jahren fast so stark zu wie jene der Schweiz. Das Wachstum beruht vor allem auf der internationalen Zuwanderung. In den meisten anderen Bündner Regionen stagnierte die Bevölkerungszahl hingegen oder ging zurück: Zahlreiche Randregionen kämpfen mit Abwanderung, und mancherorts wurde seit Jahren keine Geburt mehr verzeichnet. Dies spiegelt sich in einer vergleichsweise tiefen kantonalen Geburtenrate. Ursache der Entvölkerung im Berggebiet ist der wirtschaftliche Strukturwandel: Aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Dienstleistungssektors entstehen Arbeitsplätze vor allem in und um Zentren. Dies trifft die stark landwirtschaftlich geprägten, schwer erreichbaren Bergregionen besonders hart.

Bevölkerung wächst in Zentren

Bevölkerung wächst in Zentren

Durchschnittliches jährliches Bevölkerungswachstum, 2000-2014 (CH: 1.0%)

Quelle: Bundesamt für Statistik, Geostat, Credit Suisse

Zahlreiche Reformen zur Bekämpfung der Strukturschwäche

Neue regionale Entwicklungsstrategien, Gemeinde- und Gebietsreformen, Anpassung des innerkantonalen Finanzausgleichs, Raumkonzept und neues Standortmarketing (Stichwort: «Wissensstadt Davos») – Graubünden hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Reformen aufgegleist, um die Strukturschwäche zu dämpfen. Mit der «Agenda 2030» will der Kanton im Rahmen der neuen Regionalpolitik des Bundes etwa die Förderung von Randgebieten besser koordinieren. Ein anderes Beispiel ist die Anpassung der staatlichen Strukturen: 11 Regionen ersetzen 39 Kreise und 14 Regionalverbände und sollen die Aufgabenteilung vereinfachen. Fusionen sollen die Zahl der Gemeinden von heute 125 langfristig auf 50 reduzieren. Der reformierte innerkantonale Finanzausgleich vereinfacht ab 2016 die Transfers zwischen ressourcenstarken und -schwachen Gemeinden und setzt zielgerichtete Anreize. Gemäss unserer Einschätzung können diese Reformen die Ausgangslage Graubündens verbessern. Gerade die Förderungsinstrumente müssen ihre Nachhaltigkeit aber noch unter Beweis stellen. Chancenreich sind Massnahmen, die bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ansetzen und nicht auf eine punktuelle Förderung einzelner Branchen oder Betriebe abzielen. Graubünden wird langfristig nicht umhin kommen, seine Wirtschaft neu auszurichten, denn der Druck auf wichtige Wertschöpfungspfeiler, wie den Tourismus, die Energiewirtschaft oder die Landwirtschaft dürfte kaum abnehmen.

Projektierung bricht ein

Projektierung bricht ein

Baubewilligungen, gleitender 12-Monats-Durchschnitte

Quelle: Baublatt, Credit Suisse