«Das Ziel von humanitärer Arbeit ist die Abschaffung von humanitärer Arbeit»
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«Das Ziel von humanitärer Arbeit ist die Abschaffung von humanitärer Arbeit»

Kaum eine Schweizer Idee hat die Welt so geprägt wie das Rote Kreuz. IKRK-Präsident Peter Maurer über neue Formen der Finanzierung von humanitären Projekten, moderne Konflikte und die Frage, ob es der Welt heute besser oder schlechter geht.

Herr Maurer, ist die Welt heute besser oder schlechter als 1863 – als Henry Dunant das IKRK gründete?

Peter Maurer: Sie ist paradoxerweise besser und schlechter zugleich. Global betrachtet werden viele Indikatoren wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung oder Bildung besser. So gesehen erleben wir derzeit eine einmalige positive Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Diese Fortschritte verdanken wir im Wesentlichen dem Aufstieg von einem halben Dutzend asiatischen Ländern – China, Indien und einigen Tigerstaaten. Doch gleichzeitig ist die Situation in jenen Ländern, wo es schlecht läuft, extrem schwierig. Und sie wird immer schwieriger.

Inwiefern?

Aus den 15 grössten Einsatzgebieten des IKRK – dazu zählen Länder wie Syrien, Jemen oder Zentralafrika – stammt der Grossteil der über 120 Millionen Menschen, die von humanitärer Hilfe abhängig sind. Aus diesen wenigen Gebieten kommen auch 80 Prozent der weltweit durch Gewalt vertriebenen Flüchtlinge. Diese Migrationsströme führen nicht nur zur Destabilisierung der betroffenen Länder selbst, sondern auch der Nachbarregionen, ja der gesamten internationalen Politik. Unterentwicklung, Perspektivlosigkeit und Korruption nehmen in den Krisenregionen zu und führen zum Legitimationsverlust von politischen Institutionen. Die Folge: Konflikte dauern immer länger, wir sind immer länger vor Ort.

Seit 1946 und speziell seit 1990 hat die Anzahl von Demokratien zugenommen. Bringt dies nicht mehr Frieden?

Das ist ein Trugschluss, eher das Gegenteil trifft zu. Konflikte brechen nicht mehr dort aus, wo die Armut am grössten ist, sondern immer häufiger dort, wo sich ein Mittelstand entwickeln konnte, der nicht adäquat an der politischen Macht beteiligt ist. Der Arabische Frühling ist ein Symbol für diese Entwicklung; er hat letztlich zum Gegenteil jener Freiheit geführt, für die die Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo eingestanden sind – zu einer Konfliktlawine im Nahen Osten.

Generell habe ich auch nicht damit gerechnet, dass wir so bald und so schnell mit Konflikten konfrontiert sind, die durch den Klimawandel verursacht werden.

Seit sechs Jahren sind Sie Präsident des IKRK. Gab es in dieser Zeit Konflikte, die Sie nicht kommen sahen und die Sie völlig überraschten?

Nicht die Konflikte an sich, aber den Zeitpunkt und die Dynamik sahen wir nicht immer genau voraus. Angefangen bei der Ukraine. Ich hätte nicht erwartet, noch einmal mit einer grossen humanitären Hilfsaktion auf dem europäischen Kontinent konfrontiert zu sein. Ich hätte nie diese horrend schnelle Eskalation eines Konflikts erwartet, wie wir sie im Zusammenhang mit den Rohingya in Myanmar erlebten, wo innerhalb eines Monats fast eine Million Menschen flüchten mussten. Und generell habe ich auch nicht damit gerechnet, dass wir so bald und so schnell mit Konflikten konfrontiert sind, die durch den Klimawandel verursacht werden.

Wie wirken sich die modernen Konflikte und Formen der Kriegsführung auf die Arbeit des IKRK aus?

Traditionell bekämpften sich zwei nationale Armeen, heute sind oft mehrere und teils sehr unterschiedliche Akteure involviert: Eine Studie hat ergeben, dass in den vergangenen sechs Jahren mehr bewaffnete Gruppierungen entstanden sind als in den vergangenen sechs Jahrzehnten zusammen. Dadurch ist die Anzahl der Konfliktparteien, mit denen wir verhandeln müssen, förmlich explodiert. Nehmen wir Libyen, dort hat praktisch jede Macht des Nahen Ostens und der grossen internationalen Akteure einen Alliierten oder einen Ableger. Das erschwert nicht nur unsere Arbeit, sondern bekommt auch der UN-Sicherheitsrat zu spüren, dem es kaum mehr gelingt, einen politischen Konsens für Konfliktlösungen zu finden.

Welche Rolle kann Ihre Organisation angesichts dieser Entwicklungen künftig noch spielen?

Erstens müssen wir neue Wege finden, um alle Akteure – auch radikalisierte Splittergruppen – an einen Tisch zu bringen und gemeinsam Arrangements für humanitäre Aktionen zu erarbeiten. Zweitens müssen wir uns strategisch überlegen, welche Aufgaben wir wirklich übernehmen können. Wir sind und bleiben eine humanitäre Organisation und können nicht eine Entwicklungs- oder eine Klimaorganisation werden. Dazu brauchen wir neue Kooperationsformen mit Bildungsspezialisten oder der Weltbank. Das Stichwort heisst: mehr Vernetzung.

Die Situation in Ländern, in denen es schlecht läuft, wird immer schwieriger.

Zu dieser Vernetzung gehört auch die verstärkte Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft. Weshalb setzen Sie sich so dafür ein?

Weil es eine objektive Interessenkonvergenz zwischen der stabilisierenden Funktion humanitärer Arbeit und der Ankurbelung der regionalen Wirtschaft gibt. Die Konflikte haben sich verändert, sie dauern oft viele Jahre und zerstören die lebensnotwendige Infrastruktur für Wasser, Energie oder Gesundheit.

Wo sehen Sie das konkret?

Sobald Krisenregionen ein gewisses Minimum an Stabilität erreicht haben, indem wir der Bevölkerung das Überleben mit humanitären Aktionen ermöglichten, müssen wir versuchen, diese aus der Abhängigkeit herauszuführen, sodass Länder wieder investierbar werden. Das Ziel von humanitärer Arbeit ist die Abschaffung von humanitärer Arbeit. Und das gelingt uns nur, wenn wir es schaffen, minimale Wirtschaftszyklen in Gang zu bringen. Es geht also immer auch um den Wandel von humanitären Ausgaben zu Investitionen in eine nachhaltigere Zukunft. Und dort sind wir am Know-how der Privatwirtschaft interessiert. Welche Instrumente sind in welchem Kontext, zu welchem Zeitpunkt richtig? Das gilt es, gemeinsam zu eruieren und zu testen.

Stellt dies eine Abkehr vom traditionellen Finanzierungsansatz Ihrer Organisation dar? Das IKRK finanziert sein Budget von über 1,7 Milliarden Franken bisher fast ausschliesslich mit staatlichen Beiträgen.

Staatliche und philanthropische Beiträge von Privaten bleiben wichtig. Ganz egal, ob das Geld von Staaten oder von Unternehmen kommt: Was zählt, ist, dass wir unabhängig und neutral arbeiten können – und darauf bestehen wir. Im Übrigen ist die Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor altbewährt. Sie existiert bereits seit der Gründung und ein bekanntes Beispiel sind die erfolgreichen Unternehmenspartnerschaften, wie wir sie auch mit der Credit Suisse* pflegen. Hinzu kommen nun neue Elemente, die auch neuen Herausforderungen entsprechen.

Es geht immer auch um den Wandel von humanitären Ausgaben zu Investitionen in eine nachhaltigere Zukunft.

Ein neuartiges Finanzierungsinstrument sind die «Humanitarian Impact Bonds», mit denen Sie humanitäre Projekte auf den Kapitalmarkt bringen. Was versprechen Sie sich vom Impact Investing, das darauf abzielt, messbare soziale und ökologische Veränderungen zu fördern, und gleichzeitig finanzielle Renditen erzielt?

Die Aufgaben des IKRK werden nicht kleiner, sondern grösser. Und die Staaten werden nie genug Geld bereitstellen, um alle humanitären Herausforderungen zu lösen. Es braucht also zusätzliche Finanzierungsformen, und wir glauben an Investitionen in den humanitären Sektor, die Wirkung erzielen. Ein erstes Projekt sind diese humanitären Anleihen. Sie ermöglichen es privaten Investoren, in Hilfsprojekte zu investieren, um am Ende einer fünfjährigen Laufzeit messbare Resultate und eine Rückzahlung des Kapitals zu erzielen.

Wohin fliessen die Investitionen dieses Pilotprojekts?

Es wurden 26 Millionen Franken von privaten Investoren gesammelt, die in Mali, Nigeria und in der Demokratischen Republik Kongo in drei Rehabilitierungszentren des IKRK investiert werden. Ausserdem ist vorgesehen, damit die Modernisierung des Managements dieser Zentren zu finanzieren. Falls diese Hilfsprojekte erfolgreich sind, garantieren mehrere Länder und eine Stiftung die Rückzahlung des Kapitals und eine minimale Verzinsung. Die Grösse der Rückzahlung hängt von der erreichten Performance der drei Zentren ab. Es wäre auch denkbar, in ein Krankenhaus in einer Krisenregion zu investieren und dieses danach auf messbare Ziele auszurichten. Wir sind also überzeugt, dass es einen Markt für humanitäre Projekte gibt.

Mit den humanitären Anleihen wollen wir im wesentlichen Geld mobilisieren, das sonst nicht für humanitäre Aktivitäten eingesetzt würde.

Humanitäre Hilfe und Rendite – ist das kein Widerspruch?

Das ist ein Missverständnis: Mit den humanitären Anleihen wollen wir im wesentlichen Geld mobilisieren, das sonst nicht für humanitäre Aktivitäten eingesetzt würde. Wir mobilisieren Investitionen, um die Wirkung unseres sozialen Engagements zu stärken, was wiederum positive wirtschaftliche Effekte erzielen dürfte. Es geht uns nicht primär darum, dass einzelne Unternehmen oder Staaten Gewinn machen. Wir zahlen Kapital und einen minimalen Zins zurück, damit sie keine Verluste machen. Wichtig dabei ist, dass wir transparent sind: Die Öffentlichkeit soll wissen, von wem das Geld stammt und welche Rechte und Pflichten damit verbunden sind.

Die Digitalisierung hat die Kriegsführung massiv verändert. Inwiefern gilt dies auch für die humanitäre Hilfe? Kommen dort bald Roboter zum Einsatz?

Das ist zwar noch Zukunftsmusik, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass Roboter dereinst eine Funktion in unserer Arbeit, etwa beim Schutz von Opfern, haben werden. Um den technologischen Wandel zu nutzen, entwickeln wir in einem globalen Labor mit externen Spezialisten neue Instrumente und testen sie im Alltag. So haben wir in Kenia Stethoskope aus dem 3-D-Drucker getestet, die um ein Vielfaches günstiger sind als die herkömmlichen. Und wir haben mit der EPFL neue Prothesen entworfen, damit behinderte Menschen auch im schwierigen Umfeld mobiler sind. Zudem wird gerade ein energiesparendes Stromversorgungssystem für einen mobilen Operationssaal entwickelt.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Roboter dereinst eine Funktion in unserer Arbeit, etwa beim Schutz von Opfern, haben werden.

Digitalisierung bedeutet auch Dezentralisierung und De-Lokalisierung. Welche Bedeutung wird der Hauptsitz in Genf in Zukunft noch haben?

Wir haben in den letzten Jahren gewisse Dienstleistungen ausgelagert. Unsere IT ist in Belgrad, die Buchhaltung und das Reporting in Manila, wir haben die Logistik dezentralisiert. Dadurch haben wir Geld in zweistelliger Millionenhöhe eingespart, mit dem wir mehr Menschen helfen können. Ich gehe aber fest davon aus, dass Genf auf unabsehbare Zeit der Hauptsitz und Identifikationsort des IKRK bleibt. Diese historische Bindung und Symbolkraft ist wichtig.

Die Rotkreuzbewegung war eine urschweizerische Idee von sozial engagierten Geschäftsleuten, für die Henry Dunant 1901 den ersten Friedensnobelpreis erhielt. Wie schweizerisch ist das IKRK eigentlich heute noch?

Unsere Mitarbeitenden kommen aus über 130 Nationen. Wir brauchen dieses kulturelle Know-how, denn als global tätige Institution müssen wir die Diversität der Welt repräsentieren. Aber im Kern sind Schweizer Werte im IKRK noch immer stark verankert: unsere Neutralität, die es uns erlaubt, mit allen involvierten Parteien zu sprechen; die praxisnahe und lösungsorientierte Perspektive; unsere Bottom-up-Organisationskultur – diese Grundsätze zeichnen nicht nur unsere Institution aus, sondern sie sind gewissermassen auch Teil der DNA der Schweiz.

Apropos Mitarbeitende: Den Millennials sagt man nach, die Arbeit müsse für sie sinnstiftend sein. Bedeutet das, dass die Anzahl Bewerbungen beim IKRK seit ein paar Jahren stark zunimmt?

Tatsächlich ist das weltweite Interesse enorm. Für rund 500 Delegiertenjobs haben wir zwischen 15000 und 17000 Anmeldungen. Das erlaubt uns, akribisch zu selektionieren und hoch motivierte junge Menschen zu rekrutieren. Immer schwieriger ist es hingegen, erfahrene Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, in die gefährlichen Krisengebiete zu gehen. Wir mussten ein neues Lohn- und Anreizsystem schaffen für Menschen, die bereit sind, dieses Risiko auf sich zu nehmen.

Ich bin rational überzeugt, dass es nur den Weg der direkten Kommunikation und Konsensarbeit gibt, um humanitäre Räume zu schaffen und letztlich Konflikte zu lösen.

Fällt es Ihnen persönlich schwer, neutral zu bleiben, wenn Sie etwa mit Konfliktparteien verhandeln, die Spitäler bombardieren?

Ich kann das, weil ich rational überzeugt bin, dass es nur den Weg der direkten Kommunikation und Konsensarbeit gibt, um humanitäre Räume zu schaffen und letztlich Konflikte zu lösen. Gewisse Parteien vom Verhandlungstisch auszuschliessen, blockiert jede Lösung. Trotzdem sind Emotionen im Spiel, und ich zeige sie auch. Emotionen bedeuten Authentizität. Die ist wichtig, um Gesprächspartner zu überzeugen.

Hat sich Ihr Menschenbild verändert?

Ich bin immer wieder überrascht und tief beeindruckt, wie widerstandsfähig und innovativ Menschen sind und wie sie unter widrigsten Umständen ihr Leben gestalten. Wie es ihnen bei allem Elend gelingt, ein Minimum an Normalität zu errichten. Sie sind für mich ein Vorbild. Und sie geben mir das Gefühl, eine relevante Arbeit zu machen, die etwas bewirkt.