Trümpfe richtig spielen
Artikel

Trümpfe richtig spielen

Überalterung belastet das Sozialsystem, die Digitalisierung schreitet voran, der Fachkräftemangel wird zum Normalfall: Die Arbeitswelt ist im radikalen Wandel. Doch die Schweiz hat gute Karten.

Der Schweizer Arbeitsmarkt, daran kann es keinen Zweifel geben, ist im Umbruch wie seit Generationen nicht mehr. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sind herausfordernd wie selten: Der starke Franken macht der Exportindustrie zu schaffen. Die historisch tiefen Zinsen gefährden das Alterskapital. Die Zustimmung zur Masseneinwanderungsinitiative hat die eh schon schwierige Situation noch zusätzlich verschärft: Für die wichtigsten Branchen der Schweiz sind nämlich Einschränkungen bei der Anstellung qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland langfristig noch gravierender als der starke Franken.

Ohne ausländische Fachkräfte aber schrumpft die Schweizer Wirtschaft. Dafür sorgt nur schon die demografische Entwicklung. Zwischen 2020 und 2035 kommen die geburtenstärksten Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, ins Rentenalter. Der Anteil an Personen über 65 Jahre wird um 84 Prozent zunehmen. Gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) werden 2045 insgesamt 2,7 Millionen Menschen über 65 Jahre in der Schweiz leben. Ende 2014 waren es noch 1,5 Millionen.

Bereits ab 2017 werden mehr Menschen pensioniert, als ins Arbeitsalter kommen. Bis 2030 werden laut einer Studie der Universität Basel 500'000 Arbeitskräfte fehlen, um das bisherige Wirtschaftswachstum von 2 Prozent zu halten. Bis 2060 fehlen 800'000 bis 1,4 Millionen. Die Ökonomen kommen zum Schluss, dass aufgrund dieser demografischen Entwicklung der zukünftige Arbeitskräftebedarf nicht im Inland gedeckt werden kann, selbst wenn die Erwerbsbeteiligung der aktiven Bevölkerung massiv zunehmen würde. In den letzten zehn Jahren konnte der Fachkräftemangel in der Schweiz noch durch Rekrutierung im Ausland gedeckt werden. Doch die bevorzugte Quelle Deutschland versiegt allmählich: Voraussichtlich werden bereits 2017 mehr Menschen nach Deutschland zurückwandern, als in die Schweiz einwandern. Die Schweiz muss daher vermehrt Fachkräfte ausserhalb der deutschsprachigen Länder und auch ausserhalb der EU anwerben.

Das grosse Umdenken

Fazit: Es braucht eine wirtschaftsfreundliche Einwanderungspolitik. Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative muss unbürokratisch gestaltet werden. Eine branchenbezogene Beschränkung bringt nichts, im Zentrum müssen Berufsgruppen stehen. Beispielsweise sucht nicht nur die IT-Branche nach Informatikern, sondern auch Banken und Versicherungen. Hochqualifizierte Kandidaten sind selten sofort verfügbar, sie zu gewinnen, ist zeit- und kostenintensiv. Zudem führen Abwerbungen andernorts zu Vakanzen.

Die Talentmigration ist ein zentraler Standortvorteil der Schweiz.

Nicole Burth Tschudi 

Es braucht aber auch ein Umdenken der Unternehmer. Sie sind gefordert, Frauen, Quereinsteiger, ältere Mitarbeitende und junge Talente zu gewinnen, zu fördern und zu halten – mit innovativen und flexiblen Arbeitsplatzmodellen wie Jobsharing, Homeoffice, Bogenkarrieren oder Teilzeitstellen für Mütter und Väter. Sie müssen Weiterbildungskonzepte entwickeln und umsetzen. Es braucht Diversität in der Belegschaft in Bezug auf Alter, Geschlecht, geografische und kulturelle Herkunft.

Die Unternehmenssteuerreform III sollte die Wirtschaft befeuern. Hightechfirmen aus der Pharma-, Medtech- und Biobranche zieht es in die Schweiz. Diese Unternehmen beschäftigen Spezialisten aus aller Welt. Sie sind es gewohnt, Projektteams international zusammenzustellen, und suchen ständig nach Talenten. Diesbezüglich punktet die Schweiz zum dritten Mal mit Rang 1 bei der aktuellen Ausgabe des «Global Talent Competitiveness Index» der Adecco Group und behauptet sich im Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Die Talentmigration ist ein zentraler Standortvorteil der Schweiz.

Wer fehlt? Was tun?

Der Fachkräftemangel in der Schweiz konzentriert sich vor allem auf die MINT-Fachkräfte (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und das Gesundheitswesen. Im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie fehlen bis 2022 rund 87'000 Fachkräfte. Davon könnten laut der Universität Basel rund 34'000 durch die aktuell prognostizierten Absolventenzahlen gedeckt werden. Bei Fortschreibung der aktuellen Zuwanderungsraten bleibt in diesem Sektor bis im Jahr 2022 eine Fachkräftelücke von 13'800 Arbeitskräften. Im Gesundheitswesen ist die Situation noch dramatischer. Jährlich werden etwa 4'600 Personen zu wenig ausgebildet, um den Bedarf bis 2020 zu decken.

Was ist zu tun? Bereits auf der Primarstufe und im Vorschulalter ist das Interesse an Mathematik und Technik, aber auch die Sprachkompetenz zu fördern. Weiterbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten sind auszubauen. Insbesondere Niedrigqualifizierte (rund ein Fünftel der Schweizer Erwerbsbevölkerung) sind anzusprechen, von denen sich nur ein Drittel weiterbildet. In der Bildung und im Gesundheitswesen sollen Frauen als Teilzeitkräfte einsteigen oder ihr Pensum erhöhen.

In den nächsten Jahren kommt es in den Betrieben zu grundlegenden Umwälzungen. Einfache Jobs mit geringer Qualifikation, wie die des Maschinenbedienens, werden abgebaut. Hochqualifizierte Arbeitsplätze, zum Beispiel im Bereich 3-D-Druck, haben Zukunft. Nach Ansicht des renommierten Unternehmensberaters Roland Berger werden traditionelle Jobs in der Industrie verloren gehen, dafür können in Westeuropa bis zu 10 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – vor allem in den Bereichen Dienstleistung und IT.

60 Prozent der jungen Menschen werden eine Tätigkeit ausüben, die es heute noch nicht gibt.

Nicole Burth Tschudi 

Unter der Digitalisierung und der vierten industriellen Revolution wird die Anwendung von Internettechnologien zur Kommunikation zwischen Menschen, Maschinen und Produkten verstanden. Industrie-4.0-Technologien werden sich in den nächsten Jahren rasant verbreiten. Die Digitalisierung wird deshalb zu einem wichtigen Stellhebel für die Abfederung des demografischen Wandels und ist eine Chance für die Schweiz.

Work-Life-Balance wird wichtiger

Jobverlust und drohende Arbeitslosigkeit werden in den nächsten Jahrzehnten einen anderen Stellenwert bekommen. Jobsicherheit wird neu definiert, die Work-Life-Balance wird wichtiger: Karriere und Familie, Job und Privatleben sind sinnvoll in Einklang zu bringen. Es gibt – anders als zu Zeiten der Babyboomer – keine Jobs mehr auf Lebenszeit. 60 Prozent der jungen Menschen, die 2025 ins Berufsleben einsteigen, werden eine Tätigkeit ausüben, die es heute noch nicht gibt. 2030 wird nach Meinung des Zukunftsforschers Horst Opaschowski jeder zweite Beschäftigte keine Vollzeitstelle mehr haben. Es gibt weniger feste Beschäftigungsverhältnisse. Anstatt Angestellte zu beschäftigen, vergeben Firmen vermehrt Onlinejobs rund um den Globus an Arbeitskräfte, die gerade Zeit haben und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis erbringen.

Alltagserfahrungen mit Computern, Smartphones und Internet haben wesentlichen Einfluss auf «digital skills». Gemäss der Beratungsfirma Accenture nutzen diese Kompetenzen vor allem Frauen, weil sie ihre Zeit besser einteilen können und damit produktiver werden. Tatsache ist, dass die Digitalisierung die Arbeit flexibler und damit zeit- und ortsunabhängig macht. 25 Prozent der Arbeitsplätze profitieren von
«Hyperconnectivity», dem uneingeschränkten Datenverkehr: Es spielt keine Rolle mehr, wann und wo man arbeitet.

Schlüsselfaktor: digitale Kompetenzen

Für eine Festanstellung braucht es selbstständiges Denken, Sozialkompetenz, Überzeugungskraft, Kreativität, Flexibilität, Unternehmergeist, die Einstellung zu lebenslangem Lernen und die Fähigkeit, sich auf Neues einzustellen.

Digitale Kompetenzen avancieren in den kommenden Jahren zum entscheidenden Karrierefaktor. Gemäss Accenture arbeiten 44 Prozent der stark wachsenden Unternehmen mit temporären Teams und bereits 86 Prozent nutzen die verstärkte Kooperation im Betrieb für eine bessere Leistung. Dies bringt den Firmen bessere Feedback-Prozesse, mehr Ideen und Innovationen auf allen Ebenen. Sie sind gefordert, diese Ideen auch umzusetzen, um Frauen, ältere Mitarbeitende und junge Talente gleichermassen mit Weiterbildungskonzepten und innovativen Arbeitsmodellen zu gewinnen, zu fördern und zu halten.

Der Schweizer Arbeitsmarkt steht vor grossen Herausforderungen. Das Land hat aber gute Karten, in einer digitalisierten Welt seinen Wohlstand zu bewahren. Man muss die Trümpfe aber richtig ausspielen, damit der Schweizer Arbeitsmarkt attraktiv bleibt und wir uns im Wettbewerb um die klügsten Köpfe behaupten können.