Die Fintech-Revolution – eine Chance für Kunden und Banken?
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Die Fintech-Revolution – eine Chance für Kunden und Banken?

Die Fintech-Branche sorgt für Umbrüche im Finanzsektor. Greg Grimaldi, Co-Manager eines Credit-Suisse-Fonds mit Schwerpunkt auf wachstumsorientierten Fintech-Firmen äussert sich zur Branche, ihrer Zukunft und ihren Auswirkungen auf den Finanzsektor.

Dorothée Enskog: Wie definieren Sie die Finanztechnologiebranche (Fintech)?

Greg Grimaldi: Es gibt keine allgemein verbindliche Definition für die «Fintech»-Branche. Im Asset Management der Credit Suisse verwenden wir eine eher breite Definition und beziehen sämtliche Produkte oder Dienstleistungen ein, die Folgen für Finanzinstitute haben. Das Spektrum reicht von Handelsplattformen und Kreditmarktplätzen bis zu Datensicherheits- und Datenbankmanagement. Auf den ersten Blick wirken diese Produkte und Dienstleistungen nicht wie Finanztechnologieprodukte; sie werden aber alle von der Finanzdienstleistungsbranche genutzt und haben Folgen für ihre Geschäftstätigkeit.

Im weiteren Sinne bezeichnet Fintech die online oder anderweitig automatisierte Bereitstellung von Finanzdienstleistungen für Konsumenten, Unternehmen oder Institute. Dazu zählen z. B. digitale, algorithmenbasierte Berater («Robo Adviser») oder auch Online-Plattformen zum Kreditkartenmanagement, über die Sie Ihre eigene Kreditwürdigkeit steuern können.

Welche konkreten Fintech-Bereiche sind für Sie gerade besonders interessant?

Mit den Veränderungen im regulatorischen Umfeld ergeben sich zahlreiche Anlagechancen für Finanzinstitute wie die Credit Suisse. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass traditionelle Finanzinstitute bei normalen Transaktionen keine Rolle mehr spielen.

Kreditmarktplätze zum Beispiel sind in den USA auf dem Vormarsch, da Banken keine unbesicherten Kredite für Kunden gewähren. Konsumenten, die keine Sicherheiten stellen können, müssen auf Kreditkarten zurückgreifen. Der Einbruch im traditionellen Kreditgeschäft hat somit nichts mit den Kreditmarktplätzen zu tun.

Im institutionellen Bereich hat der zunehmende regulatorische Druck viele Banken bewogen, ihr Market Making in bestimmten Anlageklassen abzubauen. In den Finanzmärkten klafft nun eine entsprechend grosse Lücke, die von unregulierten Nichtbanken gefüllt wird.

Diese Lücken im Kreditgeschäft und im institutionellen Geschäft sind für uns äusserst interessant. Traditionelle Kreditgeber verzichten heute wegen der regulatorischen Auflagen oder aus internen Gründen darauf, bestimmte Finanzprodukte oder Dienstleistungen weiterhin anzubieten. 

Gregory Grimaldi (left) and Alan Freudenstein, co-heads of Credit Suisse's fintech investment fund

Gregory Grimaldi (left) and Alan Freudenstein, co-heads of Credit Suisse's fintech investment fund

Quelle: Financial News

Was muss ein Unternehmen bieten, damit Sie investieren?

Wir sehen uns die Marktchancen an und fragen uns: «Von welchen Dimensionen sprechen wir hier?» Wir sind auf der Suche nach Wachstum, d. h. grossen Marktchancen mit grossem Wachstumspotenzial. Das Wettbewerbsumfeld sorgt natürlich für eine gewisse Relativierung. Es stellen sich einige Fragen: Wie viele andere Akteure versuchen sich auf diesem Gebiet, und mit welchen Massnahmen schützt sich das Unternehmen vor der Konkurrenz? Gilt das Unternehmen als Trittbrettfahrer oder als Marktführer?

Vor jeder Anlage befassen wir uns auch mit der Geschäftsleitung. Wir wollen uns langfristig engagieren, daher müssen wir uns auf das Management verlassen können. Wir suchen nach zuverlässigen Führungsteams mit den richtigen Charaktereigenschaften und relevanter Erfahrung.

Wie reagieren Ihre Kunden auf diese neuen Fintech-Dienste?

Vor allem bei den Konsumenten ist die Nachfrage nach neuen Konzepten im Kreditgeschäft gross. Nehmen wir zum Beispiel Online-Kreditmarktplätze, über die Unternehmen ohne Mitwirkung von regulierten Finanzinstituten unbesicherte Kredite vergeben: Dieses Konzept ist auf grosses Interesse gestossen und verzeichnet rasche Erfolge. Der Bedarf am Markt ist enorm. Bei revolvierenden Kreditkartenschulden ist ein Zinssatz von über 20 Prozent durchaus gängig. Bei einer Kreditaufnahme an einem Kreditmarktplatz sind Einsparungen von bis zu einem Viertel möglich. Konsumenten können von den aktuellen Entwicklungen nur profitieren.

Auf der institutionellen Seite wurden bestimmte Fintech-Dienste fast selbstverständlich übernommen, sofern sie Lösungen für unmittelbare Bedürfnisse darstellen. Der Devisenmarkt ist in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel. Wir gehen davon aus, dass sich Devisenmarktplätze entwickeln und zu unabhängig betriebenen Devisenbörsen werden. Anders als am Aktienmarkt sind strukturelle Innovationen am Devisenmarkt eher selten. Wir haben uns in Unternehmen engagiert, die einige der am Aktienmarkt erfolgreichen Neuerungen mit grossem Erfolg auf den Devisenmarkt übertragen. In anderen Märkten hat sich Fintech nicht durchgesetzt, im Bereich Festverzinsliche etwa: Der elektronische Handel gestaltet sich hier sehr schwierig, gewinnt aber eindeutig an Dynamik.

Wie wirkt sich die strengere Regulierung auf die Fintech-Branche aus?

Für die Fintech-Branche sind strengere Regulierungen eindeutig eine Chance. Da Banken bestimmte Dienstleistungen nicht länger anbieten dürfen, treten andere Unternehmen auf den Plan. Die Aufsichtsbehörden wollen die Geschäftstätigkeit der boomenden Fintech-Branche nicht einschränken. Ihre Aufgabe ist es, Banken zu überwachen, damit diese keine nach Ansicht der Regulatoren übermässigen Risiken eingehen. Vor der Finanzkrise konnten Banken mit den Einlagen ihrer Kunden Anlagen mit massiven Hebelwirkungen tätigen. Dies ist nicht länger möglich. 

Für Anleger gilt Fintech derzeit als Branche mit grossem Potenzial, in der sie sich engagieren wollen.

Gregory Grimaldi

Wie dürfte sich die Fintech-Branche in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Die Branche entwickelt sich rasant. Wir können nicht davon ausgehen, dass Regulierungen abgeschafft werden. Im Gegenteil, sie dürften eher noch einschneidender ausfallen. Diese Entwicklung drängt die gesamte Fintech-Branche an Marktplätze. Auf diesen Marktplätzen ist ein anhaltender Trend zu mehr Transparenz zu beobachten.

Wenn Sie grosse Märkte wie die Renten- und Devisenmärkte anschauen, sehen Sie, dass Geschäfte dort nach wie vor grösstenteils ausserbörslich stattfinden und daher nur wenig Transparenz bieten. Es lässt sich nicht feststellen, was in einem bestimmten Produktsegment vor sich geht. Wenn man das Marktvolumen und die Liquidität des Aktienmarkts anstrebt, muss sich dies ändern. Die strengere Regulierung schränkt nebenbei auch die Liquidität ein – ein entscheidender Faktor für die Finanzmärkte.

Die Konsumenten tendieren immer mehr dazu, bei Hypotheken, Darlehen oder Autoversicherungen automatisierte Online-Dienste zu nutzen. Die Frage ist, ob Online-Plattformen letztlich die Vermittler und ihre Märkte ablösen. Schaffen sie wirklich Mehrwert? Im Endeffekt ist dies der kritische Faktor für Erfolg oder Misserfolg.

Liefern sich die Risikokapitalgeber im Fintech-Bereich ein hartes Anlagewettrennen mit anderen Anlegern?

Der Konkurrenzdruck ist massiv. Für Anleger gilt Fintech derzeit als Branche mit grossem Potenzial, in der sie sich engagieren wollen.

Wer hat den grössten Wettbewerbsvorteil?

Die Banken. Banken investieren schon seit langem in Technologie-Dienstleistungen und wenden massiv Mittel für Technologien auf. Andererseits wollen die Fintech-Unternehmen neue Kunden gewinnen. Wenn man eine Bank als Kunden hat und die Kunden der Bank daher ebenfalls zu Kunden des Unternehmens werden, sind diese potenziellen Direktkunden für das Fintech-Unternehmen äusserst wertvoll. So erhalten Fintech-Unternehmen auch Zugang zu Führungskräften, die eventuell für eine interne Position in Frage kommen, sowie zu potenziellen Partnern.

Was müssen Unternehmen auf der Suche nach Investoren beachten?

Bemühen Sie sich um Investoren, die Ihrem Unternehmen am meisten Mehrwert bieten können. Bei Fintech-Unternehmen ist es sehr wahrscheinlich, dass Finanzinstitute am ehesten in Frage kommen. Die Gründe hierfür habe ich bereits genannt. Suchen Sie nach dem Investor, der den grössten Mehrwert liefert und möglichst wenige Bedingungen stellt.

Auf welchem Renditeniveau bewegen sich Fonds mit dem Schwerpunkt Private Growth Equity?

Insgesamt lässt sich die Performance mit derjenigen von Risikokapitalanlagen vergleichen. Die Renditeaussichten sind hoch, da dieser Markt trotz des starken Wettbewerbs ein enormes Wachstumspotenzial aufweist.