Der Aufstieg afrikanischer Unternehmerinnen

«Mama Benz» Maggy Lawson, ist durch den Handel mit bunt bedruckter Baumwolle reich geworden. Die brillante Geschäftsfrau ist kein Einzelfall. Nirgendwo gibt es so viele Unternehmerinnen wie in Afrika.

Madame Lawson thront hinter einem Tresen aus Tropenholz, regungslos wie ein Denkmal, die Augen halb geschlossen. Vor dem Fenster ihrer Boutique bleibt ein Motorrad knatternd in der Menschenmenge stecken. Auf der Rue de la Cathédrale in Togos Hauptstadt Lomé ist Markt. Ohne Körperkontakt kommt man keinen Schritt vorwärts. Einzig Maggy Lawson muss sich nicht ins Getümmel stürzen. Die Händlerinnen kommen zu ihr. Sie ist Grossistin und verkauft bunt bedruckte Baumwollstoffe, sogenannte Pagnes, aus denen sich die Westafrikaner Kleider schneidern lassen. Obwohl in Togo auch Jeans und T-Shirts zum Alltag gehören, sieht man überall traditionelle Textilien. Pagnes sind so essenziell wie Reis oder Bananen. Dementsprechend hoch ist der Umsatz von Lawsons Firma Manatex. Mit Stoff lässt sich hier richtig gut Geld verdienen.

Mama Benz

Ein Handy klingelt. Lawson setzt sich die goldumrandete Brille auf die Nase, wühlt bedächtig in ihrer Chanel-Tasche, telefoniert, steht auf und sagt: «Die neue Kollektion ist angekommen. On y va.» Maggy Lawson ist eine Mama Benz. So nennt man in Westafrika Frauen, die durch den Handel mit Stoff reich geworden sind. So wohlhabend, dass sie sich einen Mercedes-Benz leisten können. Maggy Lawson besitzt Wohnungen in Dallas, Washington, Paris, Monaco und eine Villa am Stadtrand von Lomé mit Marmorböden und Teak-Täfer. Sie ist reich und einflussreich, sitzt im Parlament von Togo, als Abgeordnete der Küstenregion, und berät den Arbeitsminister in wichtigen Wirtschaftsfragen.

Afrika hat laut Weltbank die höchste Wachstumsrate von weiblichen Unternehmerinnen. Während in der Schweiz ein Viertel der Unternehmen von Frauen geführt wird, ist es in Ländern wie Ghana und Botswana jedes zweite. Über die Hälfte aller Afrikanerinnen arbeitet selbständig. Sie betreiben Marktstände, Restaurants oder selbstgezimmerte Boutiquen. Die meisten können sich und die Grossfamilie mit ihren Kleinstunternehmen gerade so über Wasser halten. Wenigen gelingt eine Karriere wie Mama Benz.

Das Potenzial der Frauen

Doch die Geschichten der erfolgreichen Selfmade-Afrikanerinnen häufen sich, werden weitererzählt und auf Facebook geteilt. Bethlehem Tilahun Alemu hat vor zehn Jahren im äthiopischen Slum angefangen, Schuhe zu nähen, und exportiert heute in die ganze Welt, Divine Ndhlukula hat in Zimbabwe eine Sicherheitsfirma mit mehreren tausend Angestellten aufgebaut – obwohl in der männerdominierten Branche keiner an sie geglaubt hat: Adenike Ogunlesi verkaufte aus ihrem Kofferraum Pyjamas und produziert heute Kinderkleider in Nigeria. Solche Biografien sind der narrative Treibstoff für die Visionen einer neuen, selbstbewussten Generation. Für Mädchen, die im Schein der Kerosinlampen bis in alle Nacht Hausaufgaben machen, weil sie Ärztin oder Ingenieurin werden wollen. Für Frauen, die mit einem Mikrokredit eine Bäckerei eröffnen oder einen Kosmetikkonzern aufbauen. Die Frauen sind der Schlüssel für das Wirtschaftswachstum auf dem Kontinent. Nicht, weil sie die besseren Menschen sind, sondern weil ihr Potenzial bisher weitgehend brachliegt. Nirgend-wo sonst auf der Welt machen Frauen aus so wenig so viel. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die weibliche Bevölkerung besitzt nur ein Prozent des Vermögens, stellt aber zum Beispiel zwei Drittel aller landwirtschaftlichen Güter her. Gleichberechtigung ist deshalb wichtig für Afrika, denn, so schreibt etwa die Weltbank, mehr Gleichberechtigung bedeutet mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Stilvoll: Die beiden Studentinnen Sika und Essie (ganz rechts) sparen für schöne Stoffe.

Gleichberechtigung oder Tradition?

Gleichberechtigung bedeutet auch, dass Traditionen aufgegeben werden müssen. Meist erben in Afrika die Söhne den ganzen Besitz. Mama Benz hat mit diesem Brauch gebrochen. Sie hat das Unternehmen von der Mutter übernommen und wird es dereinst ihrer Tochter Esther vermachen. Die Mutter von Maggy Lawson war die erste Grosshändlerin, die sich das deutsche Luxusauto angeschafft und den Begriff der «Mama Benz» geprägt hat. Heute ist Mama Benz – oder Nana Benz – in ganz Westafrika ein geflügeltes Wort, von Senegal über die Elfenbeinküste bis nach Kamerun. Den Mercedes konnte sie sich dank des holländischen Textilriesen Vlisco leisten, mit dem sie von jeher eng zusammengearbeitet hatte.

Maggy Lawson führt nun dieses Erbe weiter. Auch in ihrer Garage steht ein Mercedes, und auch sie bezieht Stoff von Vlisco. Was Chanel in Europa ist Vlisco in Westafrika, eine Luxusmarke mit hohem Prestige. Das Unternehmen stellt bunt bedruckte Textilien her, die vor allem in der Ober- und Mittelschicht sehr beliebt sind. Vlisco-Stoffe werden in den Niederlanden produziert und seit über hundert Jahren nach Westafrika verschifft. Dort ist das Unternehmen Marktleader und hat von Beginn weg einheimische Marktfrauen eingespannt, um die Stoffe zu verkaufen.

Der Handel basiert auf Vertrauen

Den Mercedes lässt Maggy Lawson in der Garage stehen. Für die knapp hundert Meter von der Boutique Manatex bis zum Geschäftshaus von Vlisco nimmt sie ihren Hover-Geländewagen. Sie sei nicht mehr die Jüngste, sagt sie. Fünfzig? Sie zieht die gezupften Brauen hoch: «So lange war ich mit meinem Mann verheiratet. Gott hab ihn selig.» In den Lagerhallen beladen ihre Angestellten drei Autos mit den bunten Textilien. Die Ware wird in der Boutique zwischengelagert. Meistens nur für ein paar Stunden, höchstens einige Tage. Maggy Lawson verkauft ihre Textilien an ausländische Händlerinnen weiter. Frauen aus Benin, Burkina Faso und Nigeria haben bereits Anzahlungen geleistet. Die Marktfrauen von Lomé werden in den nächsten Stunden ihre Bündel abholen. Die meisten beziehen auf Pump und bezahlen dafür Zinsen. Der Handel basiert auf gegenseitigem Vertrauen, jahrelangen Beziehungen und einem Netzwerk, das sich über ganz West- und Zentralafrika spannt.

Von der Analphabetin zur Millionärin

«Kommt, kommt.» Madame Lawson steht auf der Treppe, die von der Boutique ins Obergeschoss führt. Sie öffnet die Tür zu ihrem privaten Museum: 200 Fotografien, postergross und goldgerahmt, dokumentieren das Leben ihrer verstorbenen Mutter: eine Analphabetin, die sich zur Multimillionärin hinaufgearbeitet hat. Lawson zeigt auf eine stämmige Afrikanerin mit aufwendig geföhntem Haar und üppigem Goldschmuck: «Das ist meine Mutter. Bis zu ihrem Tod vor elf Jahren stand sie jeden Morgen um vier Uhr auf.» Maggy Lawson erzählt langsam, betont jedes zweite Wort. Ihre Mutter wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf dem Land auf, in einer unübersichtlichen Schar von Geschwistern. Als junge Frau zog sie in die Hauptstadt Lomé, wo sie Stoffe verkaufte. Sie brachte sich Französisch und Englisch bei, speicherte Hunderte Stoffdessins in ihrem fotografischen Gedächtnis und erlangte mit ihrem Ehrgeiz die Privilegien der Grossistinnen. «Sie hatte ein gutes Händchen und sicherte sich das exklusive Verkaufsrecht auf ein paar gute Muster.» Manch eines entwickelte sich vom Kassenschlager zum Klassiker.

Afrikanische Schweiz

Bis in die Achtzigerjahre nannte man das stabile und florierende Togo afrikanische Schweiz. «Nichts ist mehr wie damals.» Maggy Lawson lässt den Blick über die vergilbenden Fotos gleiten. Zu Beginn der Neunzigerjahre mündeten politische Unruhen in eine starke Geldentwertung. Innert kürzester Zeit waren die Waren doppelt so teuer. «Die meisten können sich seither keinen Vlisco mehr leisten», sagt sie. Deshalb und um der Abhängigkeit vom niederländischen Konzern zu entkommen, vertreibt sie heute zusätzlich ihre eigene Kollektion: Manatex, made in China. «Viermal billiger als Vlisco.» Auf Anhieb erkennt man keinen Unterschied, aber man spürt ihn: Die Ware aus China ist dünner und auf der Rückseite deutlich blasser. Sie legt sich ein zitronengelbes Tuch über die Schultern. Es ist bedruckt mit den Porträts aller ehemaligen Präsidenten Togos. Allein mit diesem Stoff, sagt sie, habe sie mehrere hunderttausend Franken Umsatz gemacht.

Mit ihrer eigenen Manatex-Produktion emanzipiert sich die Mama Benz von Vlisco. Sie versucht, etwas wettzumachen, was ihre Mutter verpasst hat. In den Siebzigerjahren hätten die Grossistinnen genügend Kapital gehabt, um eine eigene Stoffproduktionsfirma zu kaufen und mit den postkolonialen Strukturen zu brechen. «Aber sie haben es sich nicht zugetraut», sagt Maggy Lawson und kneift sich in den nackten Unterarm: «Sie waren nur schwarz, nur Frauen.» Maggy Lawson ist selbstbewusster als ihre Mutter. Und die schlechteren Marktbedingungen zwingen sie, ihre Verkaufsstrategie anzupassen. «Vlisco produziert für die Elite, ich fürs Volk», sagt sie. Und mit einer Geste, als würde sie Banknoten zählen, reibt sie den asiatischen Stoff zwischen Daumen und Zeigfinger.