«Der Euro ist eine Ehe, bei der keine Scheidung möglich ist»

Es gibt keinen Fluchtweg aus dem Euro, so Jean-Pierre Roth. «Das Chaos wäre zu gross.» Der ehemalige Präsident der Nationalbank im grossen Gespräch über die Schweiz, die Eurokrise und die Zukunft der Banken.

Herr Roth, am 15. Januar beschloss die Schweizer Nationalbank, die Euro-Franken-Kursuntergrenze aufzuheben. Ist Ihnen ein ähnliches Vorkommnis in der Geschichte bekannt?

Jean-Pierre Roth: Ja, es ist schon früher vorgekommen, dass unser Währungsregime angepasst wurde. Beispiel: 1973 entschied die SNB, die Anbindung des Frankens an den Dollar aufzuheben. Innerhalb von sechs Monaten verlor der Dollar mehr als 25 Prozent seines Wertes.

Wie wird sich die Aufhebung des Mindestkurses bis Ende Jahr auswirken?

Die Anpassungsfähigkeit unserer Wirtschaft ist gross. Erste Schätzungen zeigen, dass eine Konjunkturabflachung kommen wird, was verkraftbar ist. Die Exportwirtschaft muss noch mehr auf Innovationen und hohe Qualität setzen. Gewisse Aktivitäten werden wohl ins Ausland transferiert.

Wie sind die momentanen Verwerfungen in der Geldpolitik einzuordnen?

Ich sehe Parallelen zu den siebziger Jahren: Die Schweiz ist eine Insel der Stabilität in einem turbulenten monetären Umfeld. Sie leidet darunter und kann sich kaum dagegen wehren.

Wie wichtig ist der harte Franken für die Identität und den Zusammenhalt der Schweiz?

Die Hartwährung ist eine wirtschaftliche Realität. Sie widerspiegelt den gesunden Stand unserer öffentlichen Finanzen, die hohe Sparquote der Schweiz, die starke Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportindustrie, die tiefe Inflation. In einem Wort: Sie ist keine Strafe, sondern eine Auszeichnung!

Ist der harte Franken gut oder schlecht für den Finanzplatz Schweiz?

Der Erfolg des Finanzplatzes ist vor allem das Resultat von guten Dienstleistungen; der Schweizer Franken spielt hier nur eine sekundäre oder indirekte Rolle: Ich lasse mein Geld schliesslich lieber von Menschen verwalten, die ihre eigenen Angelegenheiten im Griff haben.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Wenn das Geldsystem nicht funktioniert, ist die Wirtschaft am Ende – dann gibt es nur noch den Austausch von Waren. Geld ist eine absolute Notwendigkeit.

Und für Sie persönlich?

Mit Geld spare ich und sorge für die Zukunft vor. Deshalb ist es so wichtig, dass Geld seinen Wert behält.

Womit wir gleich beim Thema sind: Ist die Eurokrise endlich vorbei?

Nein. Eurokrise ist auch das falsche Wort. Die Finanzminister haben es erfunden, um von sich abzulenken. In Wahrheit ist es eine Krise der öffentlichen Finanzen. Die Staatsschulden in Europa sind hoch und die Perspektiven düster: Die Bevölkerung wird immer älter; das Verhältnis zwischen arbeitender Bevölkerung und Rentnern wird sich weiter verschlechtern, die Gesundheitskosten steigen. Ausserdem wächst die Wirtschaft langsam, doch die Sozialmodelle der europäischen Länder basieren auf vier, fünf Prozent Wachstum pro Jahr. Das kann nicht funktionieren.

Gibt es einen Ausweg?

Man muss länger und effizienter arbeiten. Die Diskussion über das Pensionsalter muss geführt werden, überall. Gott sei Dank ist es in der Schweiz einigermassen hoch. Aber auch bei uns sollte man noch länger arbeiten können.

Haben wir denn genügend Arbeit?

Natürlich. Es ist eine Illusion, dass die Arbeitsmöglichkeiten auf eine feste Grösse beschränkt sind. Der Kuchen kann wachsen, das haben wir mit dem starken Bevölkerungswachstum der letzten Jahre ja gesehen – der Kuchen wird immer grösser.

Was braucht es neben einem höheren Pensionsalter, um die Krise zu bewältigen?

Die Sozialausgaben müssen gedrosselt werden. Den Menschen wurde zu viel versprochen und garantiert. Heute fehlt den Politikern der Mut, das zu sagen, geschweige denn, etwas dagegen zu tun. Das gleiche Bild bei den Arbeitsmarktreformen: Die Arbeitsmärkte müssen flexibler werden – alle wissen das, doch die Politiker wollen es nicht angehen.

Ist die Einheitswährung auch ein Problem?

In der Dynamik der europäischen Konstruktion war der Euro notwendig.

Sie klingen nicht gerade euphorisch.

Der Fehler war, dass zu viele Länder in den Euroraum aufgenommen respektive die Beitrittskriterien nicht genügend strikt angewendet wurden.

Um das zu korrigieren, wurde schon darüber nachgedacht, teilweise zu Landeswährungen zurückzukehren oder den Euro aufzuspalten.

Das geht nicht. Der Euro ist eine Ehe, bei der keine Scheidung möglich ist.

Jede Ehe lässt sich scheiden.

Nein. Die Europäer haben eine Realität geschaffen, die man nicht rückgängig machen kann. Das Chaos wäre zu gross.

Warum kamen die USA viel schneller aus der Krise als Europa?

Ihr Arbeitsmarkt ist flexibler, ihr Steuersystem ist einfacher, sie haben relativ offene Grenzen: Zuwanderung ist möglich und kein Tabu. Die Bevölkerung ist jünger. Die Politiker haben weniger versprochen und sind bereit, weitere Reformen anzugehen. Im Allgemeinen sind die USA wirtschaftsfreundlicher als Europa. Und klar, mit dieser enormen Binnennachfrage kann das Land auch als geschlossene Wirtschaft funktionieren.

Wie steht die Schweiz da?

In vielen Dingen besser als der Rest von Europa. Unser Arbeitsmarkt ist relativ flexibel, wir sind dem freien Handel gegenüber offen, und wir sind globaler aufgestellt als unsere Nachbarn. Aber die Krise in Europa betrifft uns natürlich. Dass es den umliegenden Ländern schlecht geht, ist das schlimmste Szenario für uns.

Die Wirtschaftskrise hat sich auch zu einer Krise des Vertrauens in die Banken entwickelt.

Wenn Roger Federer nicht mehr gewinnt, nimmt sein Salär relativ rasch ab. Für viele Menschen war nicht nachvollziehbar, dass ein Bankier trotz schlechter Arbeit viel Geld bekam. Das verstehe ich.

Haben die Banken und die Bankiers ihre Lektion gelernt?

Die Zeit wird zeigen, wo wir stehen. Aber man muss auch sehen, dass wir hier über eine Branche sprechen, bei der das Geld im Zentrum steht, anders als beispielsweise in der Maschinen- oder Uhrenindustrie. Der Beruf der Financiers ist nun einmal, die Rendite zu maximieren – auch für die Kunden. Die Krise hat aber viel verändert, auch im gesetzlichen Rahmen.

Es wurde in letzter Zeit viel reguliert – bereits zu viel?

Manchmal frage ich mich tatsächlich, ob es all die neuen Regeln braucht, ob noch jemand den Überblick hat und ob klar ist, was das für Kosten nach sich ziehen wird. Vermutlich wurde etwas übersteuert, das wird man wieder korrigieren müssen.

Im Zentrum stehen höhere Anforderungen an das Eigenkapital. Das ist doch ein einfaches, unbürokratisches Mittel, nicht?

Sie machen Witze, n'est-ce pas? Als Präsident einer Kantonalbank kann ich Ihnen sagen: Unbürokratisch oder einfach ist hier gar nichts. Wie Sie die Eigenkapitalquote messen, wie Sie das Risiko der Aktiven gewichten – das ist furchtbar kompliziert. Für die Politik ist es einfach zu sagen, die Eigenkapitalquote müsse bei 10, 12 oder 15 Prozent liegen. Wichtiger ist aber die Führung einer Bank. Wenn da die Qualität nicht stimmt, werden auch 15 Prozent nicht ausreichen.

Führung lässt sich nicht regulieren.

Nein, das ist unmöglich.

Was dann?

Das wahre Problem ist die «Too big to fail»-Thematik: Wenn es einer Firma schlecht läuft, geht sie unter. Das ist natürlich ein soziales Problem, aber keine Katastrophe. Man kann die Mitarbeiter unterstützen, sie können neue Stellen suchen. Im Bankensektor aber hat man Angst, eine Kettenreaktion auszulösen. Banken müssen aber untergehen können wie alle anderen Firmen auch.

Wo liegt die Zukunft des Swiss Banking?

Wir haben im operativen Bereich sehr gute Karten. Schweizer Banken sind effizient, da ist der Unterschied zu ausländischen Banken frappant. Und unsere Qualität ist hoch. Wir gehen mit der Zeit, neben vielen anderen Innovationen waren wir die Ersten mit dem automatischen Clearing-System. Ausserdem pflegen wir eine Kultur der Offenheit, der Mehrsprachigkeit – das alles ist gut.

Kommen wir zu den Notenbanken. Ihre Bedeutung hat markant zugenommen in den letzten Jahren, fast kein Tag vergeht, an dem sie nicht in den Medien sind.

Das ist für mich ein Zeichen, dass die Politik ihre Arbeit nicht richtig macht. Die Notenbanken müssen sie erledigen.

Wie meinen Sie das?

Die Notenbanken haben schnell und beherzt reagiert und mit ihrer Geldpolitik verhindern können, dass sich die Finanzkrise zu einer grossen Depression auswuchs. Strukturreformen aber müssten von der Politik getrieben werden. Es ist nicht gut, was ich zurzeit sehe: Notenbanken machen viel, die Politik verspürt wenig Druck, selber etwas zu unternehmen.

Um die Untergrenze zum Euro zu halten, musste die SNB Hunderte von Milliarden an Devisen kaufen. Es gibt Beobachter, die jetzt vor Inflation warnen. Eine reale Gefahr?

Nein, denn es ist nicht so, dass die Notenbank Geld ins Leere druckt. Es gibt eine riesige Nachfrage nach Liquidität, die wird von der Nationalbank bedient. Die Finanzinstitute wollen mehr Liquidität in ihren Büchern, genauso wie viele Anleger zurzeit eine hohe Cash-Position halten. Das ist die Passivseite der Nationalbank und auf der Aktivseite hat man alle fremden Währungen. Wenn das Vertrauen wiederkommt, wird sich die Nachfrage abschwächen und die SNB progressiv die Liquidität zurückfahren: Sie emittiert Bonds und absorbiert das Geld.

Man könnte die Währungsreserven in einem Staatsfonds investieren wie Norwegen. Das forderten viele bürgerliche Politiker sowie Bankiers von Vontobel oder Pictet.

Eine schlechte Idee! In Norwegen – einem Erdöl fördernden Land – wurde der Fonds nicht mit Interventionen am Devisenmarkt gebildet, die Mittel stammen aus dem Überschuss der Ertragsbilanz. Auf gut Deutsch: Norwegen investiert so sein gespartes Geld. Bei uns sind die Währungsreserven aufgrund einer monetären Entwicklung zustande gekommen. Würde die Schweiz diese Reserven investieren und sie kurzfristig wieder brauchen, zum Beispiel, weil der Franken attackiert wird, was sollte man dann tun? Den Gotthardtunnel verkaufen? Das geht nicht. Diese Mittel müssen liquide bleiben – und unter der Kontrolle der Notenbank.

Was für Möglichkeiten haben Kleinanleger?

Diversifikation ist wichtig, und ich würde einen guten Teil der Mittel liquide halten.

Halten Sie das mit Ihrem Geld auch so?

Ich bin sehr passiv im Portfolio-Management. Mein Konto ist bei einer guten Bank: Sie produziert Banknoten und macht keine Werbung. [Die Nationalbank, wo auch ehemalige Angestellte Depotkonten halten können. Anm. d. Red.]

Drohen Blasen?

Wenn der Zins so tief ist, werden gewisse Anlageklassen überbewertet, weil Anleger nicht wissen, wo sonst investieren. Das ist eine Realität, die zu Blasen führt. Warum ging es der Börse so gut im vergangenen Jahr? In der Ukraine brach beinahe ein Krieg aus, der Ölpreis war am Boden, die chinesischen Wachstumszahlen waren tief, Europa in der Stagnation gefangen. Aber die Börsen boomten. Das kann doch nicht stimmen! In einer Nullzins-Welt wird vieles verzerrt.

Universitäre Forschung, SNB, Genfer Kantonalbank, verschiedene hochrangige VR-Mandate – was ist eigentlich der rote Faden in Ihrer Laufbahn?

Mein Engagement ist immer das gleiche geblieben: Ich arbeite ein Leben lang für die Schweiz. Nach der SNB war die Position bei einer Kantonalbank etwas Akzeptables, ich wollte nicht zu weit weg von der öffentlichen Hand. Und meine anderen Mandate sind in grossen internationalen Firmen, wo ich meine Vision der Schweiz einbringen kann.

Sie stammen aus Saxon bei Martigny – warum kommen eigentlich so viele erfolgreiche Schweizer aus dem Wallis?

Weil der Kanton arm ist! Wir sind gezwungen, den Kanton zu verlassen und uns an einem anderen Ort durchzusetzen. Wenn man in Zürich geboren ist, kann man einfach in Zürich bleiben – das ist viel zu einfach.

Das Interview wurde am 5. Dezember 2014 geführt und am 19. Januar 2015 ergänzt.