Digitales Universum

Das Internet durchdringt immer mehr Lebensbereiche der Menschen – und jene der Digital Natives ganz besonders. Wie lebt es sich im digitalen Universum? Erstaunlich differenziert! Denn nicht alles, was analog ist, ist automatisch out bei den heute 16- bis 25-Jährigen.

Ende der 1990er Jahre schrieben die Maturanden in der Schweiz noch Deutschaufsätze zum Thema «Das Internet: masslos überschätzt?». Heute wäre diese Fragestellung etwa so kontrovers wie «Ist die Erde rund?». Für über 85 Prozent der Jugendlichen in allen vier untersuchten Ländern spielt das Internet eine wichtige oder gar unverzichtbare Rolle. Das zeigt sich auch in der Nutzungsdauer: Bis auf die Schweiz verbringt die Mehrheit der Jugendlichen täglich über zwei Stunden im Netz, wohlgemerkt für private Zwecke, also zusätzlich zu Schule oder Arbeit.

Anteil Jugendlicher, die das Internet für private Zwecke mehr als zwei Stunden an einem durchschnittlichen Tag nutzen

39

Schweiz

63

Brasilien

59

USA

56

Singapur

Doch obwohl – oder vielleicht gerade weil – diese Generation das Leben ohne Internet gar nicht kennt, wird stark differenziert. Je nach Dienstleistung, Transaktion und Prozess wählen die Jugendlichen den virtuellen oder den analogen Weg: Gerne bezahlt man online und auch gesellschaftlich-politische Aktivitäten, Hobbys und die Stellensuche werden sehr oft online erledigt. Zu Hobbys zählen alle Freizeitaktivitäten der Jugendlichen, also sowohl Gamen und Chatten (online) als auch Fussballspielen oder zu den Pfadfindern gehen (offline). Eher für offline geeignet sind: Flirten und Daten, Arbeiten, die Finanzberatung, der Kleidereinkauf, die Freundschaftspflege und – bis auf die Schweiz – der Produktevergleich.

Lifestyle online vs. offline

So weit die generellen Ergebnisse, doch der Globalisierung zum Trotz gibt es grosse regionale Unterschiede: Die brasilianische Jugend ist äusserst online-affin, während in der Schweiz je nach Situation entschieden wird. Wählen und Abstimmen, politisches und gesellschaftliches Engagement sowie Hobbys bleiben analog; also die Lebensbereiche, die stark mit der sogenannten politischen Kultur zu tun haben. Dazu passt, dass sich 60 Prozent der hiesigen Jugendlichen einem Verein zugehörig fühlen, vor vier Jahren waren es erst 52 Prozent. Klar in den digitalen Raum gehören für die Schweizerinnen und Schweizer dagegen transaktionelle Tätigkeiten wie die Stellensuche oder der Produktevergleich.

Die «Digital Natives» sind dem Internet gegenüber nicht vorbehaltlos positiv eingestellt.

Überaschenderweise sind die «Digital Natives» dem Internet gegenüber nicht vorbehaltlos positiv eingestellt. Zwischen 72 Prozent (USA) und 86 Prozent (Brasilien) sehen Vorteile für sich persönlich, aber weit weniger sind sich sicher, ob die immer grössere Vernetzung auch für die Gesellschaft gut ist (60 Prozent USA bis 83 Prozent Brasilien). Die Diskrepanz zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Vorteilen wird in keinem anderen Land stärker wahrgenommen als in der Schweiz (13 Prozent).

impact of digitalization personally and for society

Will man die Jugend verstehen, muss man untersuchen, wie sie kommuniziert. Die Erkenntnisse: 1. Das Mobiltelefon ist zentral für diese Generation, das Festnetz fristet nur noch ein Schattendasein. 2. Es gibt auch hier grosse Unterschiede zwischen den Ländern – so ist beispielsweise der überall sonst so beliebte Nachrichtendienst WhatsApp in den USA fast nicht verbreitet. Warum? Das Senden von SMS war dort von Anfang an grösstenteils gratis, es gab also nie einen Grund, auf einen anderen Dienst umzusteigen. Die Amerikanerinnen und Amerikaner sind denn auch die Einzigen, die heute noch regelmässig simsen. 3. Facebook spielt bei allen digitalen Themen eine zentrale Rolle – mehr als die Hälfte der Befragten finden gar, das soziale Netzwerk verändere die Welt. Für die Kommunikation ist Facebook erstaunlicherweise nicht so wichtig (die Erklärung dazu bei  Trends und Medien).

Zum Abschluss eine positive Meldung. Die Eltern mögen die Lebenswelt ihrer digital sozialisierten Kinder nicht immer verstehen, doch das bedeutet nicht, dass diese kein Verantwortungsbewusstsein hätten: Für über 78 Prozent ist klar, dass sie sich selber schützen müssen im Internet. Und 69 Prozent wünschen sich, der Staat würde hier eine wichtigere Rolle einnehmen.

Videointerview mit Nationalrat Andrea Caroni

«Ich bin selber genauso süchtig nach Smartphone und Internet wie die Jugendlichen.»