Die Sorgen von morgen
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Die Sorgen von morgen

Die nächsten 40 Jahre – Was wird unser Leben prägen? Der Zukunftsforscher wagt eine Prognose.

Wenn ich als Zukunftsforscher die Sorgen von morgen skizziere, könnte der Eindruck entstehen, dass die Zukunft düster wird. Das ist weder meine Absicht noch meine Erwartung. Ich sehe mich nicht als Optimisten oder Pessimisten, sondern als Possibilisten, der die Herausforderungen mit ihren Chancen und Risiken erkennt. Es wird in Zukunft Krisen geben. Aber Krisen sind Wegscheidungen, wie es sie in einem Krankheitsverlauf gibt. Sie können die Krankheit beschleunigen. Oder aber sie sind die Kehrtwendung zur Heilung. Sollten sich die Schweizerinnen und Schweizer also tatsächlich mit den folgenden Themen beschäftigen, würde das im guten Fall bedeuten, dass die Gesellschaft um die Lösungen für künftige Herausforderungen ringt.

Bei der Altersvorsorge kommen die echten Herausforderungen erst noch auf uns zu.

Georges T. Roos 

In den nächsten 10 Jahren

Wir leben in einer abnormen Situation: Wer spart, wird bestraft, wer sich verschuldet, wird zum Gewinner. Die Notenbanken versuchen, mit Negativzinsen Banken und Investoren zu mehr Kreditvergaben zu bewegen, was sie ohnehin tun würden, fänden sie die Risiken vertretbar. In den nächsten zehn Jahren werden die Notenbanken einen Ausstieg aus dieser paradoxen Situation suchen. Bricht dann der Euro auseinander? Schiesst der Franken durch die Decke? Gibt es eine hohe Inflation? Heute haben sich Experten im Dschungel technischer Details verloren. Die naheliegenden Fragen stellt kaum jemand. Aber sie werden eine Antwort brauchen. Tausende stechen täglich mit seeuntauglichen Booten ins Mittelmeer auf der Flucht vor Krieg, Armut, Willkür und Perspektivlosigkeit. Sie wollen Asyl in einem ratlosen Europa. Und ich sehe keine Hinweise, dass sich diese Krise von selbst erledigen wird. Die Aufnahme und Integration von Hunderttausenden in unsere Sozialsysteme und Arbeitsmärkte werden die nächsten Jahre prägen.

In 10 bis 20 Jahren

Bei der Altersvorsorge kommen die echten Herausforderungen erst noch auf uns zu. In etwas mehr als zehn Jahren werden auch die letzten Jahrgänge der Babyboomer im AHV-Alter sein. Das Verhältnis der Rentner zur Erwerbsbevölkerung wird in Schieflage geraten. Auf einen Rentner kommen dann noch zwei Menschen im erwerbsfähigen Alter (1960 lag das Verhältnis noch bei 1:6). Finanzierbar ist möglicherweise alles. Aber nicht jede Lösung ist gerecht. Im 14. Jahrhundert wütete in Europa die Pest-Pandemie, der «Schwarze Tod», der ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel. Heute haben wir Antibiotika, die bei der nach wie vor nicht gänzlich ausgerotteten Pest Heilung bringen, falls sie frühzeitig appliziert werden. Was aber geschieht, wenn in Zukunft ein Erreger kommt, der gegen Antibiotika resistent ist? Bereits heute warnen Fachleute vor dieser Bedrohung. Pandemien sind in einer global vernetzten Welt wahrscheinlicher geworden.

Kollaborative Roboter werden Hand in Hand mit dem Pflegepersonal alte und kranke Menschen betreuen.

Georges T. Roos

In 20 bis 30 Jahren

Insgesamt erwarte ich allerdings von der Zukunft nicht mehr Kranke, sondern eine deutlich bessere Medizin. Vor einigen Jahren ist es gelungen, das Genom des Menschen zu sequenzieren. Nun müssen wir unsere Gene besser kennenlernen. Es ist, als ob wir ein Wörterbuch hätten, bei dem die Definitionen fehlen. In 20 bis 30 Jahren wird das anders sein. Damit werden viel effizientere Therapien möglich werden – mit personalisierten Medikamenten und der Möglichkeit, Körperteile aus dem eigenen genetischen Material im Bioreaktor zu züchten. Schon heute behaupten Visionäre, dass sie bald die «Krankheit Alter» heilen können. Was aber sollen wir überhaupt zulassen? Was soll über die Solidargemeinschaft der Krankenkassen finanziert werden? Lassen wir eine Zweiklassenmedizin zu? Gesundheit könnte nicht trotz, sondern gerade wegen des zu erwartenden Fortschritts der Medizin wieder mehr Bedeutung bekommen im Sorgenbarometer. 

Der Fortschritt in der Medizin hängt mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz zusammen. Lernfähige Maschinen werden in den nächsten Jahren die Arbeitswelt umkrempeln – die sogenannte vierte industrielle Revolution. Diese Automatisation dürfte weit in den Dienstleistungsbereich hineinreichen: Intelligente Maschinen sind die Buchhalter, Schalterbeamten, Controller und Vermessungsingenieure der Zukunft. Kollaborative Roboter werden Hand in Hand mit dem Pflegepersonal alte und kranke Menschen betreuen. Wenn die Vorhersage der Oxford University stimmt, wonach schon in 20 Jahren fast 50 Prozent der heutigen Jobs automatisiert sein werden, ist die Sorge um die Arbeitslosigkeit in einem Ausmass gerechtfertigt wie nie in den vergangenen 40 Jahren (zur Zukunft der Arbeit erfahren Sie mehr im Artikel von Nicole Burth Tschudi, CEO von Adecco Schweiz).

Kommt Afrika auf die Beine, dann wird dort die Musik gespielt werden.

Georges T. Roos 

In 30 bis 40 Jahren

Irgendeinmal wird die künstliche Intelligenz intelligenter sein als der Mensch oder gar als die Menschheit als Ganzes. Der Techno-Papst und Futurist Ray Kurzweil spricht von Singularität: Sie ist erreicht, wenn intelligente Maschinen selbstständig noch intelligentere Maschinen bauen werden – ohne einen Menschen in irgendeiner Weise zu involvieren. Werden diese Superintelligenzen irgendeinmal in ihrer Lageanalyse zum Schluss kommen, dass das grösste Problem des Planeten der Mensch ist? Ich glaube nicht an dieses Szenario – wohl aber an die Verantwortung der Menschheit, sich darüber zu verständigen, inwiefern und in welcher Form sie sich in Abhängigkeit künstlich intelligenter Systeme begeben soll. Auch die künftige Ausgestaltung der Globalisierung könnte im Sorgenbarometer wieder an Bedeutung gewinnen – wenn auch in überraschender Form. Es ist denkbar, dass in 30 oder 40 Jahren nicht mehr Asien und die USA die Motoren der Weltwirtschaft sein werden, sondern Afrika. Afrika hat für die Zukunft betrachtet die günstigste demografische Struktur aller Kontinente. Der Kontinent hat nicht nur viele, sondern immer mehr gut ausgebildete junge Leute. Es hat Rohstoffe. Wenn Afrika auf die Beine kommt, dann wird dort die Musik gespielt werden.