«Blue Economy»: eine nachhaltige Zukunft für die Weltmeere
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«Blue Economy»: eine nachhaltige Zukunft für die Weltmeere

Ein Gespräch mit Fabian Huwyler, Leiter Green Solutions, Impact Advisory and Finance (IAF), über die Anlagechancen, die die Weltmeere bieten, und warum wir alle davon profitieren können.

Für Nichtfachleute: Was bedeutet «Blue Economy»

Um diese Frage wird in der Branche eine konstruktive Diskussion geführt. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition des Begriffs «Blue Economy». Folgt man jedoch einer engen Auslegung des Begriffs, sind damit nachhaltige Geschäftsmodelle gemeint, die sich langfristig positiv auf den Zustand der Weltmeere auswirken. Legt man eine allgemeinere Definition zugrunde, umfasst der Begriff sämtliche Branchen, die direkt oder indirekt mit dem Meer zu tun haben. Wenn wir die Meeresressourcen wiederherstellen, schützen und nachhaltig bewirtschaften wollen, damit wir ihr volles Potenzial zur Unterstützung der menschlichen Entwicklung ausschöpfen können, brauchen wir meiner Meinung nach einen ganzheitlichen Ansatz, der beide Definitionen umfasst.

Letztes Jahr feierte die Credit Suisse 15 Jahre Impact Investing. Ist die «Blue Economy» bereits ein Teil davon?

Auf jeden Fall. Die Entwicklung neuer Initiativen, die zu «Blue Economy» beitragen, liegt im Interesse der Credit Suisse und unserer Kunden. Durch das neu gegründete Departement Impact Advisory and Finance (IAF) wollen wir das Bewusstsein weiter stärken, mit innovativen Transaktionen vorangehen und eine Schlüsselrolle bei der Ausrichtung von Veranstaltungen in diesem Bereich einnehmen.

Um dem zunehmenden Interesse von Kunden, insbesondere im UHNWI-Segment, an diesem Thema gerecht zu werden, arbeiten wir mit den verschiedenen Divisionen zusammen, um aktiv Anlagechancen auszuloten, die sich positiv auf die Weltmeere auswirken und gleichzeitig eine finanzielle Rendite abwerfen. Tatsächlich war die Credit Suisse wohl die erste Emittentin, die das nachhaltige Entwicklungsziel Nummer 14 der Vereinten Nationen («Leben unter Wasser») in ihr eigenes Green Bond Framework aufgenommen hat. Im Rahmen unseres Virtual-Volunteering-Programms unterstützte
eine Gruppe von Mitarbeitenden aus verschiedenen Divisionen unseren NGO-Partner Environmental Defense Fund bei der Entwicklung eines Open-Source-Tools. Es bewertet das Anlagerisiko in Verbindung mit nachhaltiger Fischerei. Und was Veranstaltungen betrifft, richtet IWM Europe in Lissabon am 18./19. Mai. einen Impact Roundtable – der erste dieser Art – aus, der sich schwerpunktmässig mit den Weltmeeren beschäftigt.

Es gibt viele Themen, die es anzupacken gilt: Überfischung, Umweltverschmutzung und Schifffahrt, um nur einige zu nennen. Können Sie ein wenig auf die Prioritäten und Lösungen eingehen bei der Bewältigung der dringlichsten Aufgaben?

Die Belastungen der Weltmeere sind gut dokumentiert: Die Biodiversität ist rapide zurückgegangen, Lebensräume werden geschädigt, der Säuregehalt steigt, immer mehr Plastikmüll und sonstige Abfälle landen im Meer und die Temperatur nimmt zu. Es ist unerlässlich, dabei das Gesamtsystem im Blick zu behalten, um die Ursachen und die möglichen Lösungsansätze zu erfassen.

Ich nenne Ihnen zwei Beispiele: Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird sich die Menge an Plastikmüll bis 2025 verdoppeln. Wenn man von einer guten Nachricht sprechen will, dann lautet diese, dass die schlimmsten Folgen der Plastikverschmutzung der Weltmeere noch abgewendet werden können. Was können wir tun? Wir können den Einsatz wiederverwertbarer Materialien beschleunigen und ihre Nutzung ausweiten. Wir können die Wiederverwendung von Produkten und Verpackungsmaterial fördern.
Und wir können vorgezogene Entsorgungsgebühren sowie technische Verfahren zur Verfolgung und Sortierung nutzen, um die Recycling-Quote zu erhöhen. Jede dieser Strategien kann eine wichtige Rolle spielen bei der Verringerung der Plastikbelastung des Meeres.

Selbst mit den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen, Kooperationen und politischen Leitlinien können wir ohne ausreichende Finanzierung das Ziel der langfristigen Sanierung der Meere nicht erreichen.

Ein zweites Beispiel ist die Fischerei: 90 Prozent der weltweiten Bestände sind entweder überfischt oder bis an ihre biologischen Grenzen befischt. Es handelt sich dabei um ein Umweltthema: Fische nehmen eine zentrale Rolle ein bei der Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts der Meere. Aber es spielen auch andere Aspekte eine Rolle, da eine Milliarde Menschen ihren Eiweiss-Bedarf in erster Linie mit Fisch deckt. Und nicht zuletzt handelt es sich um ein wirtschaftliches Problem: Aufgrund geänderter Ernährungsgewohnheiten in den Schwellenländern wird bis 2030 mit einer steigenden Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten um bis zu 50 Prozent gerechnet. Investitionen in den Übergang zur nachhaltigen Fischerei tragen zur Verbesserung der Fischerei bei, sowohl in kleinem als auch in industriellem Massstab, indem sie die Produktivität steigern. Investitionen in ein Fangquotensystem senken den Druck auf die Fischbestände und sorgen für eine Erholung der Fischpopulationen. Und schliesslich machen Investitionen in Dock- und Verarbeitungskapazitäten den Vertrieb effizienter und senken die Abfallmenge.

Viele der zentralen Massnahmen erfordern längerfristige Impact Finance statt kurzfristiger Zuschüsse, um die Interessengruppen beim Übergang zu nachhaltigen Praktiken zu unterstützen.

Im Idealfall müssten wir eigentlich alle von der «Blue Economy» profitieren Aber wie können wir die Interessen von so vielen beteiligten Gruppen unter einen Hut bringen: ortsansässige Gemeinschaften, Touristen, Grossunternehmen, die die Weltmeere für die Schifffahrt oder die Energieproduktion nutzen, und Anleger?

Die «Blue Economy» nimmt in der Tat Bezug auf viele grosse und miteinander vernetzte Wirtschaftssektoren. Heutzutage engagiert sich die internationale Gemeinschaft zunehmend stärker und trägt zur Sicherung einer nachhaltigen Zukunft für die Weltmeere bei. Die zentrale Rolle der Finanzbranche und der Anleger kann dabei nicht genug betont werden. Selbst mit den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen, Kooperationen und politischen Leitlinien können wir ohne ausreichende Finanzierung das Ziel der langfristigen Sanierung der Meere nicht erreichen. Viele der zentralen Massnahmen erfordern längerfristige Impact Finance statt kurzfristiger Zuschüsse, um die Interessengruppen beim Übergang zu nachhaltigen Praktiken zu unterstützen. Im Rahmen des bevorstehenden Marine Roundtable wollen wir nachhaltige Effekte erzielen durch konkrete Massnahmen und den Aufbau eines Netzwerks von einflussreichen Persönlichkeiten und Institutionen rund um die Welt, die sich für die Weltmeere einsetzen und sich aktiv an der Finanzierung entsprechender Projekte beteiligen.

Laut OECD-Schätzungen könnte die «Blue Economy» bis 2030 stärker wachsen als die Weltwirtschaft als Ganzes, sowohl was die Wertschöpfung als auch die Beschäftigung betrifft.

Wo steht die «Blue Economy» Ihrer Meinung nach in zehn Jahren?

Anleger und politische Entscheidungsträger entdecken in zunehmendem Masse die neuen Chancen und Ressourcen der Weltmeere. Laut OECD-Schätzungen könnte die «Blue Economy» bis 2030 stärker wachsen als die Weltwirtschaft als Ganzes, sowohl was die Wertschöpfung als auch die Beschäftigung betrifft. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir einen Rahmen für meeresbezogene Anlagen entwickeln, der die Prinzipien grösstmöglicher Nachhaltigkeit beachtet und durch politische Anreize unterstützt wird. Wenn wir das erreichen, bin ich zuversichtlich, dass wir dank des technologischen Fortschritts, des sich verändernden Konsumverhaltens und innovativer Finanzprodukte die Wende in Richtung einer nachhaltigen und gesunden «Blue Economy» schaffen werden.