«Technologie verleiht uns übermenschliche Fähigkeiten»
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«Technologie verleiht uns übermenschliche Fähigkeiten»

Computer und Roboter nehmen uns repetitive Tätigkeiten ab, wir können uns auf den interessanten Teil des Lebens und der Arbeit konzentrieren. Das begann bei der Erfindung des Pfluges und gilt besonders für das Zeitalter der Technologie, sagt Sebastian Thrun, ein Vordenker der digitalen Welt.

Herr Thrun, eine einfache Frage zum Einstieg: Was macht den Menschen aus?

Sebastian Thrun: Sie meinen das natürlich ironisch – aber die Antwort ist tatsächlich überraschend einfach: Der Mensch ist das Zentrum unserer Welt. Kreativität und Wertesysteme machen uns aus. Und für jeden von uns sind die Mitmenschen die wichtigsten Elemente unseres Lebens.

Wenn wir über digitale Technologien wie etwa die «künstliche Intelligenz» nachdenken, denken wir also auch über die Natur des Menschen nach?

Ganz genau. Mit jeder Technologie sprechen wir auch über die conditio humana, die menschliche Existenz und das menschliche Selbstverständnis. Es geht immer um das Gleiche: den Menschen übermenschliche Kräfte zu verleihen. Noch vor 150 Jahren hätten wir nicht miteinander reden können, weil unsere Stimmen nicht von Amerika in die Schweiz gereicht hätten. Wir hätten auch nicht durch den Atlantik schwimmen können, so stark sind wir nicht gebaut. Heute aber telefonieren wir übers Internet – oder könnten in 12 Stunden von Los Angeles nach Zürich fliegen.

Der Begriff «künstliche Intelligenz» wurde 1956, vor exakt sechzig Jahren, geprägt. Seither waren die Erwartungen an diese neue Disziplin jeweils enorm, doch bis auf eine Handvoll Hollywood-Filme hat sie sich nie durchgesetzt. Ist das jetzt anders?

Ja, es ist definitiv anders. In der Vergangenheit versuchte man, einer Maschine Regeln beizubringen, indem man ihr möglichst jede denkbare Situation einprogrammierte. Das ist natürlich unmöglich. Heutzutage verfolgt man eine andere Methode: Man lässt den Computer selber lernen. Man programmiert ihn nicht mehr, indem man ihm Regeln vorgibt, sondern indem man ihm Beispiele gibt. Konkret: Man zeigt einem Computer hundert Millionen Websites und er extrahiert von sich aus die Regeln des guten Webdesigns.

Ist das so ein grosser Unterschied?

Ja, das ist ein fundamental anderer Ansatz! Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihrem Kind jede Regel dieser Erde erklären, Sie wären ganz schön lange dran. Auch Computer kommen schneller voran, wenn sie selber lernen – genau wie wir. Das ist neu. Es gibt eine ganze Welle von selbstlernenden Systemen, wie beispielsweise Watson von IBM, das sich beibrachte, «Jeopardy!» zu spielen, ein in den USA populäres Quiz – und die besten Spieler der Welt schlug. Watson, AlphaGo von Google und andere solche Programme ziehen aus sehr grossen Datenmengen ihre eigenen Schlüsse. Sie können beispielsweise innert Sekundenbruchteilen 100 Millionen MRI-Bilder «anschauen» und so Ihr Kreuzband mit einer riesigen Sample-Gruppe vergleichen. Das kann kein Mensch.

Mit jeder Technologie sprechen wir auch über die conditio humana, die menschliche Existenz und das menschliche Selbstverständnis.

Wie wird sich das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine entwickeln?

Da stehen wir erst ganz am Anfang. Schauen Sie vergangene Errungenschaften an, ein gutes Beispiel ist die Landwirtschaft. Der Pflug, der Mähdrescher oder der Traktor machten uns kräftiger. Der Geist des Menschen wurde sozusagen gepaart mit der physikalischen Stärke der Maschine. Gleiches galt später für Autos oder Flugzeuge. Heute kommen wir an den Punkt, wo uns die Maschinen nicht mehr nur bei fehlender Muskelkraft oder motorischen Fähigkeiten ergänzen, sondern uns fast alle repetitiven Tätigkeiten abnehmen können. Denken Sie nur an das selbstfahrende Auto.

Können Sie ein weiteres Beispiel nennen, das Sie beeindruckt?

Sehr grosse Fortschritte macht die Technologie etwa bei medizinischen Diagnosen. Künstliche-Intelligenz-Systeme können bestimmte Hautkrankheiten bereits besser erkennen als Ärzte. Hoch interessant ist auch die synthetische Biologie, mit der man schon heute Zellen erschaffen kann. Ich glaube, dass wir es schaffen werden, die meisten Krebs- und Kreislauferkrankungen in den Griff zu bekommen. Und wir werden in absehbarer Zeit unsere Lebenserwartung verdoppeln können. Dies ist erst der Anfang der Weltgeschichte! 99 Prozent der interessanten Dinge sind noch nicht erfunden. Die künstliche Intelligenz wird uns von geistig anspruchslosen Tätigkeiten erlösen. Wir können uns künftig auf kreative Arbeiten konzentrieren. Auf das, was wirklich interessant ist.

Viele Menschen fürchten, Roboter bedrohten ihre Arbeitsplätze. Zu Recht?

Schauen wir noch einmal in die Vergangenheit. Noch vor 300 Jahren haben fast alle Menschen in Europa in der Landwirtschaft oder im Haushalt gearbeitet. Sie haben Felder gepflügt, Kühe gemolken, gewaschen, geputzt und gekocht. Das verschlang unglaublich viel Zeit. Es gab keinen Strom und keine Motoren. Die Hygiene war miserabel und die medizinische Versorgung schlecht. Die Lebenserwartung betrug in Europa nicht einmal 30 Jahre. Wenn man sich diese Zeiten zurücksehnt, kann ich verstehen, dass einem der technologische Fortschritt Sorgen bereitet…

Das klingt ironisch.

Dann ernsthaft: Ich glaube, die Geschichte unterstützt meine optimistische Haltung, dass neue Technologien das Leben der Menschen einfacher machen. Sogar wenn man gefährliche Technologien in die Gleichung aufnimmt, stimmt die Bilanz: Heute sterben viel weniger Menschen im Krieg als vor 100 Jahren. Weniger Leute leiden Hunger und die Lebenserwartung nimmt stetig zu. Natürlich, es gibt immer noch eine grosse Anzahl Menschen, die in Armut oder gar Sklaverei leben. Das wird sich nicht auf einen Schlag ändern. Aber durch das Internet wird mehr Leuten die Chance gegeben, am Fortschritt der Menschheit zu arbeiten – und auch davon zu profitieren. Vor 500 Jahren konnten die meisten Menschen nicht einmal lesen und schreiben. Heute hat dank dem Internet zumindest die Hälfte der Menschheit Zugriff auf das gesamte, oder auf fast das gesamte, Wissen. Die Welt wird tatsächlich flacher und flacher.

Ihre Mission ist die «Demokratisierung des Wissens». Was meinen Sie damit?

Es stört mich in meinem Gerechtigkeitsempfinden, dass exzellente Ausbildung sehr ungleich verteilt ist. Einige wenige Menschen haben die Chance, an die besten Unis der Welt zu kommen; den allermeisten bleiben sie indes verwehrt. Dabei gibt es kaum etwas, was in der Wissenschaft so gut belegt ist wie die Wirksamkeit von Bildung: Wer besser gebildet ist, führt ein besseres Leben, hat mehr Geld, weniger Krankheiten, eine höhere Lebenserwartung und vieles mehr. Deshalb haben wir die Online-Bildungsstätte Udacity gegründet, mit der wir Menschen eine Chance geben können, die zuvor keine Chance hatten, indem wir ihnen eine qualitativ hochstehende Ausbildung anbieten. Wir sehen Bildung nicht im Sinne einer teuren Rolex, sondern im Geist von Ikea: Wir wollen so viele Leute wie möglich richtig gut ausbilden.

Was ist Ihr schönstes Beispiel dafür?

Da gibt es so viele. Wenn ich nur eines nennen darf, ist es die amerikanische Mutter, die zwanzig Jahre lang Hausfrau war und sich um ihre drei Kinder kümmerte. Sie machte bei Udacity einen Programmier-Lehrgang – und konnte dann bei Google als Programmiererin einsteigen. Wir haben eine grosse Box mit Zuschriften von Menschen, die uns danken, dass wir ihr Leben positiv verändert hätten. Diese Briefe klingen immer sehr ähnlich: Es sind Leute, die ihre erste Karriere hinter sich haben und nun eine zweite anfangen wollen. Wir ermöglichen das.

Udacity wird heute auf einen Wert von einer Milliarde Dollar geschätzt. Am Anfang bezeichneten Sie Ihr eigenes Angebot als lausig. Wieso?

Wir haben mit kostenlosen Onlinekursen begonnen, sogenannten Massive Open Online Courses. Die Abschlussraten waren allerdings sehr schlecht. Nur 5 Prozent der Teilnehmer beendeten die Kurse erfolgreich. Heute haben wir eine Erfolgsquote von 90 Prozent. Wir gingen bewusst den Weg, dass wir etwas Unfertiges lancierten. So spürten wir den Markt von Anfang an und konnten Udacity konsequent auf die Bedürfnisse der Menschen ausrichten.

Was haben Sie geändert?

Wir sehen Ausbildung nicht mehr nur als Inhaltsvermittlung an, sondern als Service, zum Teil geben wir sogar eine Garantie ab: Findet der Absolvent keine Arbeit, erstatten wir die Kursgebühr zurück. Generell bieten wir heute mehr als nur Onlinekurse. Wenn man zu Udacity kommt, lernt man nicht nur durch Bücher oder Videos, sondern durch ganz konkrete Projekte aus der Praxis. Es geht darum, selber etwas zu machen, um learning by doing. Und unsere Experten geben dann für jede Arbeit ein individuelles Feedback. Es ist ein bisschen wie beim Sport: Man verliert kein Gewicht, wenn man anderen dabei nur zuschaut. Genauso wenig lernt man wirklich etwas, wenn man Professoren nur zuschaut, ohne selber aktiv zu werden.

Udacity hat eine soziale Mission, trotzdem möchten Sie damit Geld verdienen – warum eigentlich?

Es mag komisch klingen, aber wir haben realisiert, dass es die Dinge einfacher macht: Wir verlieren keine Ressourcen beim Fundraising, müssen 100 Prozent auf unsere Kunden ausgerichtet sein und behalten auch die Kosten im Blick. Wir geben uns aber grosse Mühe, das Angebot für unsere Kunden so billig wie möglich zu machen. Wir sind ungefähr fünfzigmal billiger als die Stanford-Universität.

Udacity ist rund um die Welt präsent – wie äussern sich die kulturellen Unterschiede zwischen den Studenten?

In der Schweiz oder in Deutschland wird Bildung als fast oder ganz kostenlos angesehen, während es in den USA normal ist, dafür zu bezahlen. Und in Europa ist es im Unterschied zu Amerika noch nicht üblich, dass man in der Mitte der Karriere nochmals an die Uni zurückgeht, um einen weiteren Abschluss zu machen. Unsere Ableger in China und Indien sind erst gerade aufgegangen. Was ich dort sehe: Die Nachfrage ist unglaublich hoch. Die Menschen nehmen ihre Karriere in die eigene Hand und fragen weniger nach Staatshilfe. Sie bezahlen ihre Fortbildung selber, weil sie – zu Recht – denken, dass sie damit ihre Chancen erhöhen und sich das Investment lohnt.

Die Fähigkeit und auch die Bereitschaft, seine Sicht auf die Dinge den sich wechselnden Umständen anzupassen, sind wichtiger als der jeweilige Wissensstand.

Ihre Firma geht davon aus, dass das traditionelle Bildungsschema «Primarschule – Hochschule – lebenslange Arbeitsstelle» passé ist. Warum?

In den USA ist es bereits so, dass sich 26 Prozent der Arbeitskräfte von Job zu Job bewegen, quasi on demand arbeiten. Der durchschnittliche Arbeitnehmer hält dort einen Job nur viereinhalb Jahre lang. Man wird sich auch in der Schweiz oder Deutschland noch stärker von der Idee lösen müssen, im Leben einen Job zu haben. Firmen sind immer mehr gezwungen, sich dem Wandel der Zeit anzupassen.

Es kommt zu Stellenabbau.

Ja. Aber es gibt auch einen positiven Teil: Die Menschen können sich immer weiterentwickeln; ihnen eröffnen sich neue Gelegenheiten. Die Ausbildung wird mit der Arbeit einhergehen. Die Menschen leben länger und werden sich fortbilden müssen, während sie altern.

Das Prinzip der Universität ist von gestern.

Es kann doch nicht sein, dass die beste Art, Menschen zu unterrichten, vor etwa tausend Jahren erfunden wurde, oder? Doch der Markt für Unis und andere Bildungsinstitutionen wird grösser, denn sie müssen nicht nur auf Gymnasium-Absolventen fokussieren, sondern auf die ganze Gesellschaft. In anderen Bereichen ist das genauso: Meine Versicherung, meine Wasser- oder Stromfirma ist ein Leben lang für mich da – nur meine Universität nicht. Obwohl das Bedürfnis da ist, lebenslang zu lernen.

Sie haben einen achtjährigen Sohn. Was ist Ihnen in seiner Erziehung wichtig?

Ich lege viel Wert auf das, was wir hier in Kalifornien ein growth mindset nennen. Wir begreifen das Gehirn wie einen Muskel, der trainiert werden und wachsen kann. Mir ist wichtig, dass mein Sohn die Fähigkeit hat, der Welt gegenüber neugierig zu sein und Neues auszuprobieren. Diese Fähigkeit und auch die Bereitschaft, seine Sicht auf die Dinge den sich wechselnden Umständen anzupassen, sind wichtiger als der jeweilige Wissensstand. Der Mensch von morgen muss kontinuierlich lernen und sich verbessern. Das ist eine Denkweise, eine Mentalität, die ich meinem Sohn mitgeben möchte.

Funktioniert es?

Jasper geht auf eine neue experimentelle Schule, die Projekte und das Lernen nach eigenem Rhythmus in den Vordergrund stellt. Er geht so gerne zur Schule, dass er Ferien nicht leiden kann.

Welche Jobs sind gefragt, wenn Jasper erwachsen ist?

Mit Verlaub, diese Frage ist falsch gestellt, sie negiert die Entwicklung: Vor zwanzig Jahren war nicht abzusehen, dass heute zum Beispiel Suchmaschinenoptimierer, Mechatroniker oder Datenanalysten sehr gefragt sind. Und die Geschwindigkeit des Wandels nimmt zu! Man kann sicher sagen, kreative Menschen haben in Zukunft bessere Chancen. Technologie-Jobs werden eine grosse Rolle spielen, gerade auch in Bereichen, die klassisch nicht so viel mit Technologie zu tun haben. So hat sich die Biologie bereits stark in Richtung Datenwissenschaft verändert. «Big Data» wird auch die Medizin, das Rechtswesen, vielleicht sogar die Geschichtsforschung verändern.
Für alle Bereiche gilt: Ohne Technologie-Affinität hat man geringere Chancen auf dem Jobmarkt.

Deswegen sorgen sich nicht nur die Gewerkschaften: Die Digitalisierung bedroht viele heutige Arbeitsmodelle. Steuern wir auf ein «technologiefernes» Proletariat zu, das aus dem Arbeitsmarkt fällt?

Es ist sinnlos, den Fortschritt aufhalten zu wollen, das hat noch nie funktioniert. Viel wichtiger wäre es für die Gewerkschaften, die stetige Fortbildung ihrer Mitglieder zu fördern, damit die Leute für neue Technologien gewappnet sind. Man sollte nicht den Status quo zementieren wollen, sondern sich auf den immer schnelleren Wandel vorbereiten.

Mit der Digitalisierung wächst nicht nur die Angst vor Jobverlust, sondern auch die Angst vor dem Verlust der Privatsphäre.

Das macht mir keine grossen Sorgen. Schauen Sie: Es ist doch nicht im Interesse irgendeiner Firma, das Wissen gegen den Willen ihrer Kunden einzusetzen. Die grossen Technologiekonzerne basieren alle auf dem Vertrauen ihrer Kunden. Wird es missbraucht, sind die Kunden schnell weg. Ich sehe in viele dieser Firmen hinein. Mein Eindruck: Die Ethik dieser Konzerne ist viel entwickelter, als es von aussen dargestellt wird. Sie wollen ihren Kunden schliesslich gefallen.

Sie waren Verwaltungsrat der Credit Suisse, nun beraten Sie seit Kurzem die Fintech-Schmiede «Credit Suisse Labs» im Silicon Valley. Was wird dort entwickelt?

Es geht nicht nur darum, neue Technologien auszuprobieren, sondern viel grundsätzlicher darum, den Innovationsgedanken zu stärken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Credit Suisse war schon immer eine progressive Bank. Sie möchte mit den Labs sicherstellen, dass sie bei der technologischen Entwicklung führend bleibt.

Können Sie zwei, drei konkrete Beispiele nennen?

Die Labs werden zurzeit aufgebaut, da wäre es zu früh für mich, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Aber generell arbeiten wir an den grossen Themen Cyber-Sicherheit, mobiles Banking, neue Kreditmodelle und neue Datenbanken für Finanztransaktionen wie Blockchain. Durch digitale Systeme kann Banking viel transparenter, kostengünstiger und schneller werden. Davon werden auch die Kunden profitieren. Ihnen wollen wir immer bessere Produkte anbieten können.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie haben als Kind oder als Jugendlicher sicher gerne die grossen Science-Fiction-Romane gelesen. Von H.G. Wells über Isaac Asimov bis Philip K. Dick.

Da täuschen Sie sich. Ich las lieber Heinrich Böll oder Max Frisch. Ich habe mich schon immer mehr für Menschen als für Technologien interessiert. Technologie ist nur ein Hilfsmittel. Letztlich geht es mir bei allem, was ich tue, um den Menschen; darum, ihn zu befähigen und zu fördern – darum, ihn zur Freiheit zu ermutigen.