Grosser Bahnhof für Claude Monet
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Grosser Bahnhof für Claude Monet

Bahnhöfe und Eisenbahnen kommen in Claude Monets Schaffen des Öfteren zum Zug – dies zeigt «The Credit Suisse Exhibition: Monet & Architecture» der National Gallery eindrücklich. Bitte einsteigen.

Impressionistische Gemälde haben etwas Gefälliges, Unaufgeregtes. Wer würde sich nicht gerne eines an die Wand hängen? Hier verläuft das Leben noch in beschaulichen Bahnen. Was dabei jedoch gerne vergessen geht: Wir mögen heute zwar bisweilen den Eindruck gewinnen, in impressionistischen Bildern sei die Zeit zum Stillstand gekommen, dem zeitgenössischen Betrachter hingegen galten sie als Bruch mit dem Überkommenen und Aufbruch in eine neue, aufregende, schnelle Zeit – in formaler Hinsicht, nicht selten aber auch, was die Inhalte angeht.

Claude Monet, Mitbegründer des Impressionismus, und seine Freunde, waren sehr darauf erpicht, die Symbole von Fortschritt und Modernität abzubilden. Besonders angetan waren sie von der Stadtentwicklung, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts rasant vorwärtsschritt. Eisenbahnbrücken, Bahnhöfe mit ihren massiven Eisengerippen und dampfschnaubende Lokomotiven gehörten zu ihren bevorzugten Motiven.

Ein begeisterter Passagier

Die Eisenbahn, geradezu der Inbegriff des Maschinenzeitalters, sowie Bahnhöfe nehmen in Monets Kunst und Leben eine Sonderrolle ein. Um in die Normandie zu reisen, benutzte der Maler oft die neue Bahnlinie, die ab 1843 Paris mit Rouen verband und vier Jahre später sogar bis nach Le Havre führte. Wiederholt kehrte Monet nach Le Havre zurück, wo er aufgewachsen war. Während eines Aufenthaltes im Jahr 1872 malte er das heute berühmte Gemälde 'Impression, aufgehende Sonne', das der Stilrichtung ihren Namen gab. Als er 20 Jahre später nach Rouen reiste, fertigte Monet unter unterschiedlichen Lichtverhältnissen und Wetterbedingungen gleich 30 Gemälde der dortigen Kathedrale.

Neuartige Farbtuben

Monet benutzte die Eisenbahn auch, um die nordwestlichen Vorstädte von Paris zu erreichen. In Argenteuil, Poissy und Vétheuil pflegte er an den Ufern der Seine zu malen. Auf seinen Reisen bediente er sich der damals noch neuartigen Farbtuben und einer tragbaren Staffelei, die es ihm erlaubten, die flüchtigen Lichteffekte 'en plein air', also im Freien und direkt vor Ort, einzufangen. In den frühen 1880er Jahren zog Monet nach Giverny um und nutzte den Zug fortan regelmässig, um seine Händler und Kunden in Paris zu besuchen.

Monet & Architecture

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Ob seine Reisen ihn in die Normandie oder in die Vorstädte von Paris führten, Ausgangspunkt war stets die Gare Saint-Lazare, der erste und damals grösste Bahnhof von Paris. 1877, zehn Jahre nachdem der Bahnhof erweitert worden war, zog Monet von Argenteuil ins Herz von Paris, um ihn zu malen. Er mietete eine kleine Wohnung und ein Studio in der Nähe der Gare Saint-Lazare und suchte um die Erlaubnis nach, seine Staffelei in deren Innerem aufzustellen.

Monet schuf insgesamt zwölf Innen- und Aussenansichten der Gare Saint-Lazare – mehr als zehn Jahre bevor er aktiv dazu überging, Bildserien zu verfertigen. Als im April 1877 die dritte Gruppenausstellung der Impressionisten ihre Tore öffnete, waren dort sieben von Monets Bahnhofsgemälden zu sehen. Vier Innenansichten haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten, eine davon gehört der National Gallery und wird auch in der aktuellen Ausstellung gezeigt.