Die Schweiz übertrifft ihre BIP-Daten
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Die Schweiz übertrifft ihre BIP-Daten

Das BIP zeigt vor allem in der Schweiz deutliche Ineffizienzen als Indikator für die Wirtschaftsleistung, insbesondere aufgrund des globalen Charakters einiger der wichtigsten Schweizer Wirtschaftszweige.

Die Schweiz gilt als eine der reichsten Nationen der Welt und rangiert häufig an der Spitze des Lebensstandards. Gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) liegt die langfristige Wachstumsrate jedoch hinter der anderer Länder zurück. Die vom Credit Suisse Research Institute veröffentlichte Studie «The Future of GDP» (GDP: Gross Domestic Product = BIP) diskutiert die Herausforderungen bei der Messung wirtschaftlichen Fortschritts anhand von BIP-Daten sowie Alternativen, die es wert sind, näher betrachtet zu werden. Ein Kapitel der Studie widmet sich ausschliesslich der Schweiz.

Das Schweizer Paradox

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) meldete die Schweiz in den vergangenen 50 Jahren unter allen Industrieländern das niedrigste preisbereinigte BIP-Wachstum. Das Paradox eines vergleichsweise geringen BIP-Wachstums und gleichzeitig hoher Lebensstandards hat Diskussionen um die Nützlichkeit von BIP-Daten ausgelöst. Abgesehen von der Tatsache, dass das BIP den Wohlstand nicht ausreichend genau zu messen scheint, gibt es weitere Defizite – beispielsweise, dass die «Terms of Trade», also das Verhältnis zwischen Export- und Importpreisen, in BIP-Berechnungen nicht berücksichtigt werden.

Aufgrund der globalen Ausrichtung einiger der wichtigsten Schweizer Wirtschaftszweige weist das BIP als Indikator für die Wirtschaftsleistung deutliche Ineffizienzen auf. Die Schweiz hat zwar nur beschränkten Zugang zu Rohstoffen, ist aber im Rohstoffhandel mit rund 4% des BIP stark vertreten. Dieser signifikante Beitrag steht auch im Gegensatz zu der geringen Zahl der Beschäftigten in diesem Segment (geschätzt auf 36'000) und der Tatsache, dass er in der herkömmlichen Statistik nicht enthalten ist. Der preissensible Rohstoffsektor ist somit für das Schweizer Bruttoinlandprodukt von hoher Relevanz, obwohl das Produkt nie die Schweizer Grenzen überschreitet.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) meldete die Schweiz in den vergangenen 50 Jahren unter allen Industrieländern das niedrigste preisbereinigte BIP-Wachstum.

Die Auswirkungen von Sportanlässen auf das Schweizer BIP

Weltweit führende Sportverbände wie die Fédération Internationale de Football Association (FIFA), die Union of European Football Associations (UEFA) und das Internationale Olympische Komitee (IOC) sind in der Schweiz beheimatet. Deshalb sind die Lizenzeinnahmen aus sportlichen Grossanlässen ein wichtiger Teil des Schweizer BIP. Findet eine Weltsportgala in einem Jahr nicht statt, beträgt die unmittelbare Auswirkung auf das Schweizer BIP laut SECO bis zu 0,3 Prozentpunkte. Die Studienautoren sind allerdings der Meinung, dass die aus diesen Aktivitäten abgeleiteten und in das Schweizer BIP einfliessenden Zahlen einen sehr begrenzten Einfluss auf die Schweizer Realwirtschaft haben.

Die Mängel des BIP

Die Studie «The Future of GDP» zeigt die Hauptmängel von BIP-Messgrössen unter Berücksichtigung wichtiger Entwicklungen auf und erörtert alternative Methoden, die öffentlichen und privaten Entscheidungsträgern bereits heute zur Verfügung stehen. Auf Anlegerseite nimmt etwa die Nachfrage nach ökologischen, sozialen und Governance-Daten rapide zu. Auf öffentlicher Seite prüfen Organisationen wie die Weltbank bereits die Verwendung alternativer Kennzahlen zur Messung der Lebensqualität, beispielsweise die Lebenserwartung bei Geburt oder den Zugang zu Bildung. Gleichzeitig gewinnt die Debatte um das Bruttonationaleinkommen (BNE) zunehmend an Gewicht. Obwohl diese Kennzahl einige fundamentale Elemente mit dem BIP gemeinsam hat, ist das BNE im globalisierten Zeitalter relevanter, da es um das Einkommen von im ausländischen Besitz befindlichen Unternehmen und ausländischen Einwohnern bereinigt ist.

Darüber hinaus führen die Studienautoren an, dass es zunehmend schwieriger wird, zuverlässige Daten im Hinblick auf bestimmte Aktivitäten (Finanzdienstleistungen, Forschung und Entwicklung) und Technologien (bzgl. Digitalisierung, Sharing Economy) zu gewinnen, die in der Weltwirtschaft eine immer wichtigere Rolle spielen.

Wie soll es weitergehen?

Die Autoren schlagen Entscheidungsträgern vor, sich künftig auf folgende Punkte konzentrieren:

  • Erstens sollten die Schwächen der BIP-Messgrössen von führenden Experten weiter diskutiert werden. Die relevanten Anspruchsgruppen müssen diese Debatten genau verfolgen und entsprechende Massnahmen ergreifen.
  • Zweitens stehen öffentlichen und privaten Entscheidungsträgern zahlreiche Instrumente zur Verfügung, die ergänzend zu den BIP-Daten eingesetzt werden müssen und besser dazu geeignet sind, die Auswirkungen verschiedener Aktivitäten auf Umwelt und Gesellschaft einzuschätzen.
  • Drittens darf nicht zugelassen werden, dass das Bessere zum Feind des Guten wird. Noch wurden längst nicht alle Herausforderungen gemeistert, auch wenn bei der Reduktion verschiedener Verzerrungen aktueller Messgrössen bereits grosse Fortschritte erzielt wurden.