Die Schweiz braucht neue Wachstumstreiber
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Die Schweiz braucht neue Wachstumstreiber

Dank einer verbesserten Gewinnsituation dürften Unternehmen 2018 wieder mehr investieren. Indes verlieren bis anhin zentrale Wachstumstreiber wie die Einwanderung und der Immobilienboom an Kraft. Für nachhaltige Wohlstandsgewinne braucht es gemäss den Ökonomen der Credit Suisse in den kommenden Jahren nebst den bewährten «Export-Champions» einen Produktivitätsschub in der Binnenwirtschaft.

Die Ökonomen der Credit Suisse analysieren in der heute publizierten Ausgabe des «Monitor Schweiz» die langfristigen Wachstumsaussichten der Schweiz. Ihr Fazit: Das Wachstum muss wieder vermehrt durch Produktivitätssteigerungen generiert werden. «Die prägendsten Wachstumstreiber der letzten Jahre, wie die überdurchschnittlich starke Zuwanderung und der durch die extrem tiefen Zinsen verstärkte Immobilienboom, verlieren an Dynamik», sagt Oliver Adler, Chefökonom der Credit Suisse.

Bereits heute ist die Nettozuwanderung auf dem tiefsten Stand seit der Einführung der vollständigen Personenfreizügigkeit im Jahr 2007. Dieser rückläufige Trend bei der Nettozuwanderung widerspiegelt die verbesserte Arbeitsmarktlage in den europäischen Herkunftsländern; er dürfte sich angesichts der fortschreitenden Erholung in Europa fortsetzen. Infolge des schwächeren Bevölkerungswachstum, der sich verändernden Demografie sowie des zunehmenden Überangebots von Wohnimmobilien ist zudem damit zu rechnen, dass auch der Immobiliensektor auf mittlere Frist als Wachstumstreiber ausfallen wird.

Investitionen: Erhalt des Kapitalstocks absorbiert beträchtliche Ressourcen

Produktivitätssteigerungen bedingen zusätzliche Investitionen und/oder eine erhöhte Effizienz. Auf den ersten Blick scheint es um die Investitionstätigkeit in der Schweiz gut zu stehen. Knapp ein Viertel der Wirtschaftsleistung wird hierzulande für Investitionen aufgewendet – deutlich mehr als beispielsweise in Grossbritannien (16,7 Prozent), den USA (19,6 Prozent) oder Deutschland (20 Prozent). Eine detaillierte Betrachtung zeigt aber, dass ein Grossteil der Investitionssumme für Abschreibungen aufgewendet wird. Die Nettoinvestitionsquote, das heisst die um Abschreibungen bereinigte Investitionsquote, nahm in den letzten zwei Dekaden sukzessive ab und beträgt heute noch 3,3 Prozent.

Die Schweizer Volkswirtschaft muss also für den Erhalt ihres Kapitalstocks regelmässig eine beträchtliche Investitionsleistung erbringen bzw. hohe Ersatzinvestitionen tätigen. Der Hauptteil der in der Industrie für das kommende Jahr geplanten Investitionen wird denn auch als Ersatzinvestitionen deklariert (43 Prozent). Dies hat eine Umfrage von Credit Suisse und procure.ch im August gezeigt. Optimistischer stimmt hingegen, dass die Investitionsausgaben für Forschung und Entwicklung seit Jahren markant zunehmen. Die Schweiz ist somit ein guter Standort für zukunftsträchtige Aktivitäten und wissensintensive Berufe.

Binnenwirtschaft mit Steigerungspotential

Die Ökonomen der Credit Suisse kommen weiter zum Schluss, dass Ineffizienzen in Teilen der Schweizer Wirtschaft gesamthaft ein grösseres Wachstumshemmnis sind als eine ungenügende Investitionstätigkeit. «Das robuste, durch Zuwanderung getriebene Wachstum der letzten Jahre hat diese Ineffizienzen etwas verdeckt», bestätigt Adler. Insgesamt ist eine sich verschärfende Zweiteilung der Wirtschaft zwischen hochproduktiven, international wettbewerbsfähigen Unternehmen und Branchen («Export-Champions» wie zum Beispiel die Pharmaindustrie oder der Rohstoffhandel) und der weniger produktiven Binnenwirtschaft festzustellen: Alleine zwischen 1997 und 2015 nahm die Arbeitsproduktivität in der Exportwirtschaft preisbereinigt um mehr als 40 Prozent zu, während sie in der Binnenwirtschaft annähernd stagnierte (rund +5 Prozent). Die Schweiz braucht jedoch nicht nur bewährte Export-Champions, um bezüglich Wirtschaftswachstum eine Führungsposition zu behaupten, sie benötigt auch ein stärkeres Produktivitätswachstum in der Binnenwirtschaft. Nebst geschützten Bereichen wie der Landwirtschaft sollten staatsnahe Bereiche wie das Gesundheitswesen, Sozialwesen und Bildung, «Vorleistungsbranchen» wie der Energiesektor, aber auch die Finanzindustrie weitere Effizienzgewinne erzielen können.

Stockender Stellenaufbau bremst Konsumwachstum im kommenden Jahr

Für das kommende Jahr sind die Ökonomen der Credit Suisse vorsichtig optimistisch. Trotz der verbesserten Konsumentenstimmung dürfte sich das Konsumwachstum 2018 mit 1,5 Prozent etwa im Rahmen der Vorjahre bewegen. Gegen ein stärkeres Konsumwachstum spricht vor allem der stockende Stellenaufbau. Zum einen sind die Unternehmen aufgrund des hohen Lohnniveaus zurückhaltend bei der Rekrutierung. Zum anderen dürften sie in erster Linie bestrebt sein, ihre Gewinnsituation wieder zu verbessern. «Seit dem Ende der Finanzkrise haben die Unternehmen konjunkturelle Eintrübungen und Aufwertungsschübe des Frankens zu einem grossen Teil auf ihre eigenen Bücher genommen, um möglichst kein Personal abbauen zu müssen», erklärt Adler. Die zu erwartende Anhebung des nunmehr rekordtiefen Anteils der Unternehmensgewinne am Bruttoinlandsprodukt hat jedoch nur ein schwaches Beschäftigungswachstum und geringe Lohnsteigerungen zur Folge.

Exporte und Investitionen mit stärkerem Wachstum im kommenden Jahr

Die Verbesserung der Gewinnsituation sowie das bessere globale Wachstumsumfeld sollten sich indes positiv auf die Unternehmensinvestitionen auswirken. In der oben erwähnten Umfrage gaben beinahe 40 Prozent der befragten Unternehmen an, im kommenden Jahr mehr investieren zu wollen. Dies sind deutlich mehr als bei den letzten beiden Umfragen 2013 und 2015 und mehr als doppelt so viele wie diejenigen, die ihre Investitionen verringern wollen (17 Prozent). Entsprechend gehen die Ökonomen der Credit Suisse davon aus, dass sich das Wachstum der Ausrüstungsinvestitionen 2018 von 2,6 auf 3,5 Prozent beschleunigen wird. Auch der Aussenhandel dürfte an Dynamik gewinnen, präsentiert sich die Lage für die Exportindustrie doch vorteilhaft: Das von der Credit Suisse berechnete Exportbarometer, das die Nachfragesituation in den wichtigsten Absatzmärkten der Schweiz abbildet, hat im August einen historischen Höchststand erreicht. Zudem hat die Überbewertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro abgenommen. Weiterhin rege bleiben vorerst die Bauinvestitionen – angesichts steigender Leerstände und Kapazitätsengpässen dürfte der Zenit jedoch bald überschritten sein.