Schweizer Tourismus: Die Zukunft liegt in Klasse statt Masse
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Schweizer Tourismus: Die Zukunft liegt in Klasse statt Masse

Der Tourismus im Schweizer Alpenraum erholt sich nur langsam. Gemäss den Ökonomen der Credit Suisse dürften Gruppenreisende aus asiatischen Ländern auch künftig einen wesentlich geringeren Beitrag zur Wertschöpfung dieses Sektors leisten als Individualtouristen. Statt den Massentourismus zu forcieren, sollte daher die Attraktivität der Destination Schweiz für Individualtouristen aus Asien und anderen Regionen gefördert werden.

Die Ökonomen der Credit Suisse analysieren in der heute publizierten Ausgabe des «Monitor Schweiz» die Wachstumsaussichten der Schweiz und bestätigen, dass das Schweizer Wirtschaftswachstum sich ins Jahr 2018 hinein weiter beschleunigen dürfte. Die Erlöse im Exportgeschäft steigen dank schwächerem Franken und robuster Konjunktur in den Abnehmerländern. Die verbesserte Erlössituation lässt wiederum eine Zunahme der Investitionstätigkeit erwarten. Das Wachstumstempo des Privatkonsums kann im kommenden Jahr zwar nicht gesteigert werden, die private Konsumnachfrage bleibt aber dank einer sinkenden Arbeitslosenquote und der sich bessernden Konsumentenstimmung solid.

Dem Schweizer Alpenraum fehlen Gäste

Auch der Tourismus nimmt nach mehreren Jahren der Stagnation wieder Fahrt auf. In den vergangenen Jahren haben sich die einzelnen Tourismusdestinationen bezüglich Konjunktur- und Währungsschwankungen unterschiedlich resistent gezeigt. «Am härtesten trafen die wiederholten Aufwertungen des Schweizer Frankens weite Teile des Alpenraums», sagt Sascha Jucker, Tourismusexperte der Credit Suisse. Die Hotels im Alpenraum beherbergen überdurchschnittlich viele Individualreisende aus Europa, welche stark auf Preisschwankungen reagieren. Wegen des günstigen Euros verloren Destinationen im Schweizer Alpenraum zudem viele einheimische Gäste an die französische und österreichische Konkurrenz. 

Frankenstärke traf Branche hart

Frankenstärke traf Branche hart

Logiernächte und Wechselkurse Wintersaison, Skifahrertage; Index, Wintersaison 2008/2009 = 100

Quelle: Seilbahnen Schweiz, Bundesamt für Statistik, SNB, Statistik Austria, Credit Suisse

Hohe Investitions- und Betriebskosten bei Bergbahnbetreibern

In den letzten zwei Wintersaisons blieb in den Bergregionen ein früher und anhaltender Schneefall aus, was die Situation für das Gastgewerbe und die Bergbahnen zusätzlich erschwerte. Langfristig wird der Klimawandel dazu führen, dass nur noch eine Minderheit der Wintersportdestinationen natürlich schneesicher sein wird. Die künstliche Beschneiung kann zwar Abhilfe schaffen, erhöht aber gleichzeitig die Investitions- und Betriebskosten der vielen angeschlagenen Bergbahnen. Der konjunkturelle Aufschwung in Europa und der schwächere Franken könnten – in Kombination mit besseren Schneeverhältnissen – dafür sorgen, dass die Wintersaison 2017/18 besser ausfällt als jene der Vorjahre. Mittel- bis langfristig bleibt die Lage für das Gastgewerbe und die Bergbahnen aber herausfordernd, auch vor dem Hintergrund des starken Rückgangs der Gästefrequenzen der letzten Jahre.

Städte trumpfen mit besserem Gästemix auf – vor allem dank Asiaten

Ganz anders präsentiert sich die Situation für viele Hoteliers in den Städten, wo selbst während der starken Aufwertungsphasen des Frankens kein signifikanter Rückgang der Hotelübernachtungen erfolgte. Hier wirkten sowohl der weniger preissensitive Geschäftstourismus aus der Schweiz und Europa als auch der global zu beobachtende Trend zu Städtereisen stabilisierend. Der Gästemix verbesserte sich in den letzten Jahren auch dank dynamischer Gästeströme aus Asien. Asiatische Individualtouristen sind sehr ausgabefreudig und gastieren in den Städten überdurchschnittlich oft in Luxushotels.

Ein Zwischenstopp zwischen Rom und Paris

Abgesehen von einigen Städten konzentrierte sich die Nachfrage asiatischer und vor allem chinesischer Touristen jedoch fast ausschliesslich auf die Zentralschweiz und das Berner Oberland mit ihren international bekannten Ausflugsbergen. Daran dürfte sich kaum etwas ändern, denn die «Tour de Suisse» von chinesischen Gruppenreisen führt, ausgehend von Zürich, Rom oder Paris, meist über Luzern und Interlaken. Zudem entspricht das touristische Angebot in weiten Teilen des übrigen Alpenraums nicht den heutigen Bedürfnissen asiatischer Gruppenreisender.

Die «Tour de Suisse» der Chinesen führt selten durch die Kantone Graubünden oder Wallis

Die «Tour de Suisse» der Chinesen führt selten durch die Kantone Graubünden oder Wallis

Gemeinden mit mehr als 1000 Logiernächten chinesischer Gäste, 2016; blau Balken = Summe der Logiernächte

Quelle: Bundesamt für Statistik, Geostat, Credit Suisse

Die Masse kann es nicht richten

Der Beitrag des Massentourismus zur Wertschöpfung des Sektors sowie der Gesamtwirtschaft wird voraussichtlich eher gering bleiben: Hotels im oberen Preissegment, die Gastronomie und das Transportwesen – mit Ausnahme der Bergbahnen an den erwähnten touristischen Hotspots – profitieren kaum von diesem günstig reisenden Segment. Darüber hinaus könnte die grosse Zahl dieser Gruppenreisenden von den Individualtouristen, die in der Schweiz einen beträchtlichen Aufpreis für ihren Urlaub bezahlen und dementsprechend eine gewisse Exklusivität erwarten, negativ empfunden werden. Sascha Jucker stellt aber fest: «Die heutigen Gruppenreisenden werden zu zukünftigen Individualtouristen in der Schweiz und könnten somit längerfristig eine höhere Wertschöpfung für das Gastgewerbe und die mit dem Tourismus verwandten Branchen erbringen. Diesen Trend zu fördern, sollte für die Tourismusdestination Schweiz im Vordergrund stehen.»