Schweizer KMU stellen sich dem Frankenschock

Die Aufhebung der Euro-Mindestgrenze durch die SNB hinterlässt auch beim KMU-Exportindikator seine Spuren: Noch nie war die Stimmung unter den 200 befragten Unternehmen so schlecht wie im ersten Quartal 2015.

Im Gespräch mit Alberto Silini, Head of Consultancy, Switzerland Global Enterprise, und Lukas Gehrig, Economic Research, Credit Suisse

Alberto Silini: Seit fünf Jahren befragen wir quartalsweise über 200 KMU zu ihren Exportperspektiven – in diesem Quartal haben wir die bisher schlechteste Stimmung überhaupt gemessen. Die Aufhebung der Euro-Mindestgrenze zum Franken hat also ganz klar ein Erdbeben ausgelöst in der KMU-Exportwirtschaft.

Unsere Umfrage zeigt aber auch, dass die KMU ihren Kopf jetzt nicht in den Sand stecken und verzweifeln. Noch immer glauben deutlich mehr KMU an steigende Exporte oder eine Stagnation, nicht an einen Rückgang ihrer Ausfuhren. Praktisch niemand will sich aus dem anspruchsvollen Exportgeschäft zurückziehen. 20 Prozent wollen ihre Margen sogar aufbessern, indem sie neue lukrativere Absatzmärkte suchen. Das ist genau der richtige Weg: KMU müssen ihre eigene Auslandstrategie diversifizieren, um Währungsrisiken langfristig auszubalancieren und gleichzeitig Wachstum zu schaffen.

Stabiles Konjunkturumfeld

Lukas Gehrig: Wachstumsmöglichkeiten gibt es durchaus. Lässt man die Wechselkursentwicklung nämlich einmal aussen vor, präsentiert sich die Weltwirtschaft und damit die potentielle Nachfrage nach Schweizer Exportgütern zu Beginn des zweiten Quartals stabil. Die USA bleiben ein wichtiger Wachstumsmarkt. Neue, positive Impulse kommen derzeit aus der Eurozone. Die Eurozone profitiert von günstigen Konditionen bei der Kreditaufnahme und die anhaltend tiefen Ölpreise wirken wie ein kostenloses Konjunkturpaket. Zudem schwächen Anleihenkäufe durch die EZB tendenziell den Euro, was die europäische Exportwirtschaft begünstigt. Insbesondere Deutschland und Spanien zeigten jüngst starke Vorlaufindikatoren. Die anziehende Konjunktur im Euroraum dürfte die negativen Auswirkungen der Frankenstärke etwas mildern.

Auswirkungen der Frankenaufwertung auf Exporte in die Eurozone

Lukas Gehrig: Um die Auswirkungen der schockartigen Aufwertung des Franken gegenüber dem Euro  besser einordnen zu können, haben wir analysiert, wie stark Exporte in die Eurozone auf Wechselkursschwankungen und Wirtschaftswachstum reagieren. 

Unsere Analyse zeigt, dass eine Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro um 1 Prozent im Schnitt zu einem Rückgang der Exporte in die Eurozone von 0.3-0.4 Prozent führt. Bei einer Aufwertung um 15 Prozent wären dies etwa 5 Prozent tiefere Exporte. Besonders exponiert sind hier die Branchen Papier, Druck und Kunststoff. Gleichwohl profitieren die Exporteure jedoch vom Wachstum in der Eurozone. 1 Prozent Wachstum in der Eurozone erhöht Schweizer Exporte im Schnitt um 3 Prozent. Stark vom Konjunkturgang in der Eurozone abhängig sind Exporte der Metall- und der Maschinenindustrie. Diese Branchen dürften von der anziehenden Eurozonenkonjunktur zuerst profitieren.

Massnahmen im Umgang mit Frankenstärke

Alberto Silini: Der bessere Ausblick in Europa ist für alle KMU laut unserer Umfrage extrem wichtig: Ihre Margen leiden fast ausschliesslich wegen der Frankenstärke im Euroraum. Um diese zu stützen, setzt ein grosser Anteil der Firmen darauf, ihre Beschaffung weiter zu optimieren und ihre Produktionskosten zu senken. Unsere Tipps: Gründlich analysieren und kreativ werden, Neuverhandlungen mit langjährigen Lieferanten und Partnern oder Einkaufsgemeinschaften gründen. Ein anderes Beispiel: Ein KMU aus unserem Kundenkreis importiert inzwischen seine Rohprodukte direkt.

Allgemein arbeiten die KMU hart an ihrer Wettbewerbsfähigkeit, um trotz der schwierigen Wechselkurssituation von der allgemein günstigen Konjunkturlage profitieren zu können. In diesem Quartal geben die meisten von ihnen in unserer Umfrage an, Produktinnovationen und Marketing vorantreiben zu wollen. Unsere Erfahrung ist klar: Wenn Exporteure einen innovativen Mehrwert bieten, sich positiv von ihren Mitbewerbern differenzieren und ihre Swissness in Wert setzen, lassen sich höhere Preise rechtfertigen. Ein Kunde von uns hat etwa seine Garantiezeit hochgesetzt, damit stärkt er den Service und das Qualitätsversprechen, ohne grosse Kosten zu verursachen.