Frankenstärke belastet Industrie, Handel und Gastgewerbe

Trotz des Frankenschocks dürfte die Schweiz 2015 eine Rezession vermeiden können. Das erwartete Umsatzwachstum ist jedoch für Industrie, Handel und Gastgewerbe tief bis negativ. Die Bautätigkeit zeigt Abschwächungstendenzen.

Die Schweizer Wirtschaft blickt auf ein erfreuliches Jahr 2014 zurück. Das BIP-Wachstum betrug rund 2 Prozent und war breiter abgestützt als in den Vorjahren. Während die Binnenwirtschaft sich weiter verlangsamte, konnte die Exportwirtschaft zulegen. Die breitere Abstützung des Wachstums zeigte sich in der Bruttowertschöpfung, die 2014 in fast allen Branchen gesteigert wurde. Auch die Beschäftigung nahm in den meisten Branchen zu. Am deutlichsten war der Stellenaufbau unter anderem im Gesundheits-, Sozial-, Unterrichts- und Immobilienwesen.

Frankenschock bremst Schweizer Wirtschaft 2015

Die Aufhebung der EUR/CHF-Wechselkursuntergrenze und die darauffolgende Frankenaufwertung haben die Aussichten für 2015 unmittelbar eingetrübt. Die Wirtschaftsdynamik dürfte sich im laufenden Jahr markant abschwächen und könnte in einzelnen Quartalen sogar negativ sein. Eine tiefe Rezession ist jedoch unwahrscheinlich. Erstens bleibt der konsumtragende Super-Zyklus – bestehend aus tiefen Zinsen, wachsendem Immobilienmarkt, Zuwanderung und tiefer Teuerung – noch teilweise erhalten, wenn auch in schwächerem Ausmass als in den letzten Jahren. Zweitens dürften die Erholung in der Eurozone und das solide Wachstum in den USA den Effekt der Frankenstärke auf die Exportbranchen teilweise kompensieren. Wir erwarten, dass die Schweizer Wirtschaft 2015 um 0.8 Prozent wachsen wird.

Frankenaufwertung beeinflusst Preise, Margen und Wettbewerbsfähigkeit

Allgemein betrachtet hat die Frankenaufwertung in erster Linie einen preislichen (nominalen) Effekt auf Schweizer Industrieunternehmen. Wird der Umsatz in Fremdwährungen erwirtschaftet, sinkt er (in CHF gemessen) – bei gleichbleibenden Preisen – aufgrund von Umrechnungseffekten. Dies hat einen unmittelbar negativen Effekt auf die Marge. Preiserhöhungen zur Abfederung des Umsatzrückgangs sind meistens nur in wenig preissensitiven Märkten und bei sehr starken Marktpositionen möglich. Werden Exporte in Franken fakturiert, werden die Güter für ausländische Abnehmer mit der Frankenaufwertung auf einen Schlag teurer. Dies macht oft Preisanpassungen notwendig, da die Abnehmer in der Regel nicht bereit sind, für das gleiche Produkt plötzlich mehr zu bezahlen. Hier kann die Frankenaufwertung auch die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. In Branchen mit tiefen Margen können Preisanpassungen für ausländische Abnehmer unter Umständen nicht im nötigen Ausmass vorgenommen werden, sodass die ausländische Nachfrage auf günstigere ausländische Produkte ausweicht.

Die Frankenaufwertung hat auch einen negativen Effekt auf die Importpreise. Dies wirkt sich in Branchen mit hohem ausländischem Vorleistungsanteil zwar positiv auf die Margensituation aus. Jedoch verstärkt sich dadurch der Wettbewerbs- und Preisdruck durch ausländische Anbieter in der Schweiz, was zu einem Rückgang der Nachfrage nach inländischen Produkten führen kann. Da praktisch alle Industriebranchen durch mindestens einen dieser Kanäle von der Frankenaufwertung betroffen sind, hat sich der Ausblick 2015 für die Industrie trotz der leicht anziehenden Weltwirtschaft insgesamt deutlich eingetrübt. Zwischen den Industriezweigen zeigen sich jedoch grosse Unterschiede. 

Uhren und Pharma weniger betroffen als andere Branchen

In der Uhrenindustrie sind die Umsätze weniger von der Frankenaufwertung betroffen als in anderen Industriebranchen. Einerseits fakturiert die Branche nur einen kleinen Teil ihrer Exporte in EUR (fast 70 Prozent in CHF), andererseits ist vor allem das wichtige Luxussegment weniger preissensitiv. 2015 wirkt sich daher viel eher die nachlassende Nachfrage von chinesischen Kunden dämpfend auf die Umsatzentwicklung aus als die Frankenstärke. Die Umsätze der ebenfalls stark exportorientierten Pharmabranche sind etwas stärker vom unmittelbaren währungsbedingten Umrechnungseffekt betroffen als diejenigen der Uhrenindustrie, da rund ein Drittel der Exporte in EUR fakturiert wird. Da die Pharma aber aufgrund eines überdurchschnittlich hohen ausländischen Wertschöpfungsanteils stärker von günstigeren Importgütern profitieren dürfte als andere Industriezweige, ist der Effekt auf die im Branchenvergleich ohnehin schon komfortable Marge beschränkt. Die Nachfrage nach Schweizer Pharmazeutika dürfte ausserdem ungebrochen bleiben, weshalb sich die Branche im eigenen (realen) Zyklus trotz der schwächeren Umsatzdynamik auf dem aufsteigenden Ast befindet.

Vielschichtige Auswirkungen auf Maschinenbau

Die Auswirkungen des Frankeneffekts auf den Maschinenbau sind vielschichtiger, da die Branche sehr heterogen ist. Einzelne Schweizer Maschinenbauer sind global führende Nischenplayer mit einer gewissen Preissetzungsmacht. Falls ihre Exporte in EUR fakturiert werden, dürften sie bei ihren europäischen Kunden bis zu einem gewissen Grad (EUR-)Preiserhöhungen durchsetzen können, ohne substanziell an preislicher Wettbewerbsfähigkeit (und damit Aufträge) zu verlieren. Die Auswirkungen der Aufwertung auf die Umsätze und Margen solcher Unternehmen dürften daher zwar spürbar sein, sich aber in Grenzen halten. Diese Situation trifft jedoch nur für einen Teil der Schweizer Maschinenproduzenten zu; viele in die Eurozone exportierende Unter-nehmen stehen durchaus im intensiveren Preiswettbewerb. Dieser Teil der Branche ist durch die Frankenaufwertung sowohl von einem Preis- und Margeneffekt, als auch von einem Rückgang an preislicher Wettbewerbsfähigkeit betroffen (z.B. bei Unternehmen, bei denen die Exporte in CHF fakturiert werden und die Margensituation zu schlecht für Preissenkungen ist). Letzterer Effekt wirkt sich negativ auf die Nachfrage und damit auf die Umsätze aus. Auf Gesamtbranchenebene dürfte die Nachfrageentwicklung aufgrund der weltwirtschaftlichen Erholung im weiteren Verlauf des Jahres trotzdem wieder etwas an Kraft gewinnen. Dies dürfte sowohl den Aufwertungsschock als auch die wenig dynamische Auftragslage im zweiten Halbjahr 2014 teilweise kompensieren.

Metall- und Lebensmittelindustrie leiden unter geringerer Wettbewerbsfähigkeit

Obwohl sich die Metall- und die Lebensmittelindustrie stärker auf den Binnenmarkt fokussieren als die oben genannten Branchen, sind auch sie von der Frankenaufwertung betroffen. Der Exportsektor beider Branchen ist stärker auf die Eurozone ausgerichtet als die Uhren-, Pharma- und die Maschinenindustrie und tendenziell stärker dem Preiswettbewerb ausgesetzt. Zudem dürfte der binnenorientierte Teil der Metallbranche unter dem schlechteren Geschäftsgang der heimischen Abnehmerbranchen (Maschinenbau, Bau) und dem stärkeren Konkurrenzdruck durch ausländische Anbieter leiden. Für den binnenorientierten Bereich der Lebensmittelindustrie ist zu erwarten, dass der verstärkte Einkaufstourismus und der intensivere internationale Wettbewerb auf dem Binnenmarkt einen dämpfenden Effekt auf die Nachfrage haben.

Umsatzrückgang im Gastgewerbe und Detailhandel

Der Einkaufstourismus erhält durch den erstarkten Franken voraussichtlich erneuten Aufwind. Deshalb dürften im Detailhandel 2015 sowohl die Preise wie auch die nominalen Umsätze rückläufig sein. Im Gastgewerbe werden hauptsächlich die wohl deutlich tieferen Logiernächtezahlen der europäischen Gäste zu einem erheblichen Umsatzrückgang führen. Das Autogewerbe verzeichnete im Februar dank hoher Rabatte starke Verkaufszahlen. Für ein Umsatzplus 2015 müssen die Verkaufszahlen auch in den kommenden Monaten sehr gut sein, um den wohl noch anhaltenden Preisrückgang zu kompensieren. Dies liegt jedoch im Bereich des Möglichen.

Bau: Abschwächung auf hohem Niveau

Der Bau ist von der Frankenstärke vorerst noch wenig betroffen. Dennoch zeichnet sich eine Abschwächung der Branchenkonjunktur ab. Hauptverantwortlich dafür ist die deutliche Abkühlung im Tiefbau, die auf auslaufende Grossprojekte und Sparmassnahmen der öffentlichen Hand zurückzuführen ist. Aber auch im Hochbau ist eine leichte Wachstumsabschwächung zu erkennen. Hier wirken vor allem die tiefere Planungstätigkeit im Zweitwohnungsbereich und der leichte Rückgang des Eigenheim- und Büroflächenbaus. Keine Abschwächung erfährt hingegen der Mietwohnungsbau, der für Investoren noch immer eine attraktive Anlagemöglichkeit darstellt.