Aktien: Kaufen statt Gewinn mitnehmen

Die jüngste Aktienrally in der Eurozone könnte noch anhalten, sagt Nannette Hechler-Fayd'herbe, Head of Investment Strategy. Deshalb rät sie Anlegern, vorübergehende Rückschläge am Aktienmarkt als Kaufgelegenheiten zu nutzen.

Dominique Franz: Beim Blick auf die aktuelle Anlagestrategie fällt auf, dass sich an Ihrer Einschätzung der drei Hauptanlagekategorien nichts geändert hat. Wirken sich die jüngsten geldpolitischen Aussagen der Fed nicht auf die allgemeine Beurteilung des globalen makroökonomischen Umfelds aus?

Nannette Hechler-Fayd'herbe: Es besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass die US-Notenbank die Leitzinsen im Juni nicht anheben wird. Dennoch hält die Fed an ihrem Zinsnormalisierungskurs fest. Voraussetzung für eine Anhebung sind eine Verbesserung am Arbeitsmarkt und eine Normalisierung der Inflation. Von beidem gehen wir aus. Deshalb bleibt unser globales makroökonomisches Szenario von den Fed-Aussagen im Wesentlichen unberührt. Am Sitzungstag des Offenmarktausschusses reagierten die Märkte heftig. In den US-Zinserwartungen spiegelte sich bereits ein langsamerer Straffungskurs wider als von der Fed zuvor in Aussicht gestellt worden war.

Das Makro-Szenario ist weitgehend unverändert. Daher wird Fixed Income durch den weiteren Rückgang der Anleihenrenditen unseres Erachtens immer unattraktiver. Im Vergleich dazu gewinnen Aktien an Attraktivität. Auch die Aussichten für den US-Dollar bleiben positiv, da sich selbst ein langsamer Normalisierungskurs der Fed von der anhaltenden Lockerung in anderen Teilen der Welt abhebt.

Mehrere europäische Aktienmärkte haben in den letzten Wochen ein Allzeithoch erreicht. Ist es somit nicht an der Zeit, Gewinne mitzunehmen?

Die Aktienmärkte der Eurozone haben in diesem Jahr eine sehr starke Performance gezeigt. Zu verdanken war dies vor allem den quantitativen Lockerungsmassnahmen der EZB. In anderen Ländern wurden mit der quantitativen Lockerung zwar gemischte Erfahrungen in puncto Anleihenrenditen gemacht, doch für Aktien waren die Erfahrungen durchweg gut.

Der sinkende Euro wird den Unternehmensgewinnen in der Eurozone willkommenen Auftrieb verleihen. Insbesondere in den letzten Jahren war die Gewinnlage in Europa schwächer als in den USA. Somit besteht nun deutliches Aufholpotenzial. Deshalb bleiben wir positiv. Nach einer heftigen und schnellen Rally halten wir vorübergehende Rückschläge für eine Kaufgelegenheit. Es ist also noch nicht der Moment für Gewinnmitnahmen gekommen.

Wir bleiben auch positiv gegenüber den Aktien anderer Märkte, die von einer lockeren Geldpolitik profitieren, wie z. B. Australien, China und natürlich Japan.

Angesichts des sehr niedrigen Renditeniveaus lassen sich mit Anleihen nur schwer positive Erträge erzielen. Sollten Anleger diese Anlagekategorie lieber meiden?

Staatsanleihen sind nach wie vor unattraktiv für Anleger, die davon überzeugt sind, dass die Zentralbanken mit ihrer Reflationskampagne irgendwann Erfolg haben werden. Die Renditen liegen weit unter ihrem Fair Value. Zudem sind die Aussichten für die Gesamtrendite nicht gut, da von einer Zinserhöhung der Fed im weiteren Jahresverlauf auszugehen ist. Daher sehen wir an den Anleihenmärkten der Kernländer nach wie vor eindeutig die Gefahr negativer Gesamtrenditen. Wir erwarten generell eine Underperformance von Anleihen gegenüber Aktien.

Potenzial für positive Renditen sehen wir bei Hochzinsanleihen und ausgewählten Schwellenmarktanleihen. Unsere Favoriten hier sind Indonesien, Südafrika, Mexiko und Peru. Zwar profitieren Schwellenmarktanleihen in Lokalwährung von der lockeren Geldpolitik, doch die schwächeren Währungen bergen insbesondere für USD- und GBP-Anleger Risiken.

Wenden wir uns den Rohstoffen zu: Die Ölvorräte erreichen Rekordstände und steigen sogar noch weiter an. Welche Auswirkungen hat dies für Anleger?

Der Anstieg der Ölvorräte ist in den USA besonders stark ausgeprägt. Dort zapfen viele Ölproduzenten wegen sinkender Preise einzelne Ölquellen sogar noch stärker an. So sind zwar immer weniger Ölplattformen in Betrieb und die Investitionen in neue Förderquellen gehen zurück, doch das Angebot an Erdöl nimmt weiter zu.

Für Anleger ist das geringe Ölpreisniveau immer noch unattraktiv. Der Anstieg der Lagerkosten hat zur Folge, dass die Teile des Ölmarktes, in die investiert werden kann, nicht so günstig sind, wie es die Rohölpreise am Spotmarkt glauben machen.

Der Ölpreis ist auch ein wichtiger makroökonomischer Faktor. Per saldo werden die niedrigen Ölpreise tendenziell zu einem Anstieg der Verbraucherausgaben führen und insbesondere Ölimporteuren zugute kommen. Dies gilt vor allem für Europa und Japan, die zu unseren bevorzugten Regionen gehören.