Brennpunkt Open Banking – Bankentradition versus digitale Öffnung
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Brennpunkt Open Banking – Bankentradition versus digitale Öffnung

Wenn die Banken ihre Rolle als Finanzintermediäre beibehalten wollen, müssen sie sich öffnen. Open Banking bedeutet jedoch, dass Finanzinstitute ihren Kunden personalisierte und innovative Lösungen anbieten müssen. Für Anke Bridge Haux, Leiterin Digital Solutions & Delivery, ist daher klar: Strategische Weitsicht ist gefordert, in technologischer Hinsicht, aber auch in Bezug auf Geschäftsmodelle und Marktpositionierung.

Weshalb sollten sich die Banken öffnen? Wo liegen dazu die Chancen und Risiken? Wie sehen Finanzexperten die Auswirkungen der Payment Services Directive (PSD2): überbewertet oder eine umwälzende Neuheit? Und nicht zuletzt: Welchen Stellenwert hat die langjährige Schweizer Bankentradition noch in der digitalen Transformation?

Diese und weitere Aspekte waren Diskussionsgegenstand der Fintech-2018-Konferenzreihe Digitale Transformation, welche vor einigen Tagen unter dem Leitgedanken «Paradigmenwechsel Open Banking» stattfand. Der Anlass wurde von «Finanz und Wirtschaft» zum vierten Mal mit der Credit Suisse als Hauptpartner durchgeführt. Anke Bridge Haux, Leiterin Digital Solutions & Delivery und verantwortlich für die Digitalisierungsinitiativen des Schweizer Geschäfts, teilte ihre Perspektive mit den Teilnehmern der Veranstaltung, und kurz davor auch mit uns.

Open Banking ist in aller Munde: Programmierschnittstellen sind für den Datenverkehr im Banking von morgen entscheidend. Welchen Stellenwert hat diese Entwicklung in der Credit Suisse?

Anke Bridge Haux: Open Banking wird Innovationen zugunsten des Endbenutzers beschleunigen. Für Banken, die eine strategische Vision für ihre Rolle im breiteren Ökosystem besitzen, können sich Chancen auftun. Für Banken, denen eine konkrete Strategie fehlt, kann Open Banking aber auch eine Bedrohung darstellen. Die Credit Suisse unterstützt Open Banking proaktiv. Wir arbeiten beispielsweise mit am Corporate- ApplicationProgramming Interface-Projekt von Swiss Fintech Innovations und begrüssen die Zusammenarbeit mit der Fintech-Community zur Erschliessung und Weiterentwicklung unseres Open-Banking-Ansatzes. Wir planen daher, Open Banking explizit in unsere Strategie aufzunehmen und auf die Anforderungen von Aufsichtsbehörden abzustimmen. Auch technische Standards spielen eine wichtige Rolle: Sie sind ein Katalysator für weitere Entwicklungen im Bereich Open Banking und eine Voraussetzung für die strategische Nutzung dieses Potenzials.

Anke Bridge Haux

Stichwort Technologie: 2017 wurde als «Jahr der Digitalisierung» für die Credit Suisse in der Schweiz bezeichnet. Wie sieht Ihr Fazit aus?

Sehr positiv, wir konnten zahlreiche digitale Neuerungen einführen und damit unsere Ambitionen in die Tat umsetzen. So ist die digitale Kontoeröffnung mittlerweile für Privatkunden aus rund 50 Ländern mit Domizil Schweiz zugänglich. Start-ups können seit Herbst ihr Kapitaleinlagekonto online eröffnen. Sämtliche Prozesse sind frei von Medienbrüchen, sprich die Kontoeröffnung kann vollständig papierlos und innerhalb weniger Minuten durchgeführt werden. Die Zahlen sprechen für sich – mittlerweile werden bereits 80 Prozent der Kontoeröffnungen über den neuen digitalen Prozess abgewickelt. Weiter konnten wir mit der Einführung von Credit Suisse Direct Business und Credit Suisse Direct zwei Meilensteine erreichen. Das Online Banking für Privatkunden wurde an das erfolgreiche Mobile Banking angepasst und ist damit wesentlich benutzerfreundlicher und intuitiver geworden. Unseren Geschäftskunden bieten wir seit letztem Sommer mit Online-Leasing und Multi-Banking einzigartige Lösungen im Schweizer Markt.

Welche Bedeutung haben diese Entwicklungen für die Bank insgesamt?

Innovative Projekte werden natürlich nicht nur bei Digital Solutions & Delivery entwickelt, sondern auch in anderen Geschäftsbereichen. Unsere Kollegen von Products & Investment Services haben beispielsweise mit der Einführung von Digipigi eine Erfolgsstory geschaffen: Mit deutlich über 10‘000 ausgelieferten Paketen in nur vier Monaten – darunter sehr viele Neukunden – wurden selbst unsere hohen Erwartungen übertroffen. Es kam deswegen zu Lieferengpässen. Dazu ist Credit Suisse TWINT Mitte April 2017 gestartet mit anfänglich sechs Banken, inzwischen sind es 65 Banken, die TWINT ihren Kunden als mobile Zahlungslösung anbieten. Mit über 700‘000 Nutzern und bis zu 15‘000 neu registrierten Nutzern pro Woche sprechen die Zahlen für sich.

Ein beeindruckender Wert. Lässt er sich im laufenden Jahr noch halten, geschweige denn steigern?

Im vergangenen Jahr ging es für uns vor allem darum, die digitalen Basis-Services beziehungsweise Basis-Angebote mit neuen innovativen Lösungen bereitzustellen. In diesem Jahr bauen wir auf dem Fundament von 2017 auf und erweitern unser Angebot stetig. Konkret geht in den nächsten Wochen die digitale Kontoeröffnung für Firmenkunden live. Ausserdem lancieren wir in diesen Tagen die Funktion Online Credit im Firmenkundenportal: der Antragsteller erfährt innert weniger Minuten, ob er einen Kredit von uns erhält und zu welchen Konditionen. Dasselbe gilt für den Online Lombard-Kredit, der für Privatkunden voraussichtlich ebenfalls noch in diesem Jahr eingeführt wird.

Auf welche Neuerungen können sich unsere Kunden sonst noch freuen?

Grosse Stücke halte ich auf unsere eTax-Lösung. Dieses neue Feature wird vielen unserer Kunden das Ausfüllen ihrer Steuererklärung erheblich vereinfachen, indem die steuerrelevanten Positionen automatisch in die Online-Steuererklärung importiert werden. Daneben setzen wir stark auf den Ausbau unserer Chatbots für Kunden.

Anfang März wurde die SwissSign Group als Träger der SwissID gegründet. Auch die Credit Suisse ist Teil der Trägerschaft. Es ist nicht das erste Mal, dass man versucht, eine digitale Identität in der Schweiz zu etablieren. Weshalb soll es jetzt funktionieren?

Damit wurde ein weiterer wichtiger Schritt getan, um die Umsetzung der digitalen Identität in der Schweiz voranzutreiben. Ich bin überzeugt, dass es dieses Mal funktioniert, weil mit der SwissID eine breit akzeptierte und umfassend einsetzbare digitale Identität geschaffen wird. Die Trägerschaft besteht aus Finanz- und Versicherungsunternehmen und den grössten staatsnahen Betrieben. Seit der Ankündigung des Memorandum of Understanding am Schweizer Digitaltag sind zu den neun bestehenden Partnern acht weitere dazu gestossen. Die Credit Suisse ist seit Beginn Mitglied der Trägerschaft.

Inwiefern wird die SwissID das Online-Leben vereinfachen?

Die SwissID wird den Anwendern ermöglichen, sich in einer zunehmend digitalen Welt sicher zu bewegen und Onlinedienstleistungen einfacher zu nutzen. Ziel von SwissID ist es, digitale Identitäten effizienter und nutzerfreundlicher auszustellen. Heute erfolgt die Identifizierung bei jedem Anbieter in einem separaten Verfahren und verursacht dadurch hohe Kosten. Die Verwendung der digitalen Identität wird für private Anwender einfach, sicher und kostenlos. Geschäfts- und Verwaltungsprozesse im Internet werden damit effizienter und wesentlich vereinfacht. In den nächsten Jahren werden über vier Millionen Kunden davon profitieren.

Anke Bridge Haux und Valentin Ade

Anke Bridge Haux im Gespräch mit Valentin Ade, Finanzredaktor «Finanz und Wirtschaft»

(Bild: «Finanz und Wirtschaft»-Forum)