Der Weltraumtourismus – läuft der Countdown bereits?

Die Umsetzung der Vision des Weltraumtourismus dauert länger als erwartet. Doch das hält Befürworter nicht davon ab, viel Geld in dessen Erfolg zu investieren und ihren guten Ruf in die Waagschale zu werfen. 

«Möchten Sie mit einer Rakete in die Schwärze des Weltraums reisen, schwerelos durchs All schweben, faszinierende Ansichten der Erde aus der Vogelperspektive geniessen und als Astronaut zurückzukehren?» Stephen Attenborough kennt Ihre Antwort. Er ist als Commercial Director bei Virgin Galactic tätig, wo 600 Leute bereits einen Platz in einem Shuttle gebucht haben, das sich in Richtung All aufmachen wird – für jeweils USD 200'000. Als er kürzlich an mehrere Hundert Menschen die Frage stellte, wer sich denn eine solche Ausgabe leisten könnte, blieb kaum eine Handmeldung aus (siehe YouTube-Video).

Sich die Gunst dieser Kunden zu sichern und dadurch das eigene Prestige zu steigern, hat zu einem Wettrennen um den Weltraum geführt, das an den Plot eines Comics erinnert: jede Menge sexy Raketenwissenschaft und das Macho-Gerangel milliardenschwerer Glücksritter. Wer wird diese letzte Grenze im Tourismus-Bereich zuerst überschreiten? Jeff Bezos, Richard Branson, Elon Musk oder Tony Stark?

Gibt es wirklich einen Markt für den Weltraumtourismus?

Zugegeben, Tony Stark ist eine Comic-Figur und keine reale Person. Gäbe es ihn bzw. Iron Man wirklich, dann wäre er im Kampf um die besten Plätze sicher dabei. Wahrscheinlich wäre er sogar einer der sieben Touristen gewesen, die sich seit 2001 eine Pauschalreise in den Weltraum für jeweils ca. USD 25 Millionen geleistet haben und in Sojuz-Raumfahrzeugen der russischen Regierung ins All geschossen wurden. Unter ihnen der milliardenschwere Erfinder von Microsoft Office, Charles Simonyi, der so begeistert war, dass er gleich zweimal (2007 und 2009) in den Weltraum reiste. Dann waren Amateur-Astronauten an Bord von Sojuz-Raumschiffen nicht länger willkommen, und die Suche nach Alternativen begann. Heute geht es darum, auch den Super-Reichen und nicht nur den Mega-Reichen einen privaten Service zu bieten. Laut einer Marktstudie aus dem Jahr 2012, die von der Bundesluftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten (FAA) in Auftrag gegeben und von The Tauri Group durchgeführt wurde, rechtfertigt die Nachfrage regelmässige kommerzielle Flüge. Die Umfrage unter vermögenden Personen ergab, dass in den nächsten zehn Jahren zwischen 200 und 1200 dieser sogenannten High Net Worth Individuals bereit sind, USD 100'000 bis 200'000 für eine solche Reise auszugeben. Für diese Summe wäre eine Lightversion der ein- bis zweiwöchigen Reise zu haben, bei der Simonyi und Konsorten die Erde umkreisten. Ihr suborbitaler Flug würde eher an die Pionierarbeit von Yuri Gagarin und Alan Shepard um 1960 erinnern und weniger als drei Stunden dauern.

Vordringen in Dimensionen, die wenige zuvor betreten haben

Drei prominente Plutokraten stehen in den Startlöchern. Bezos finanziert mit dem Vermögen, das er durch Amazon generiert hat, Blue Origin, das sich jedoch sowohl in Bezug auf seinen Eigentümer als auch die Führungsverhältnisse von Amazon unterscheidet. Mit Virgin Galactic versucht Richard Branson, sich auch auf dem Gebiet des Weltraumtourismus einen Namen zu machen – nachdem er bereits die Unterhaltungs- und die Reisebranche sowie alle möglichen anderen Bereiche aufgemischt hat. Musk, Gründer des Online-Bezahlsystems PayPal, ist Kopf und Geldgeber von SpaceX. Doch der Weltraumtourismus ist nicht nur Promi-Milliardären vorbehalten. Die Sierra Nevada Corporation, eine weitere Anwärterin, wurde von Raketenbauern gegründet, genau wie XCOR Aerospace. Laut Reto Hess, Equity Analyst bei der Credit Suisse, ist keines dieser Unternehmen an der Börse notiert, aber XCOR steht auch externen Anlegern offen. Das Gleiche gilt für Virgin Galactic, das für USD 400 Millionen einen Anteil von 38 Prozent an Aabar Investments verkauft hat, einen Staatsfonds des Ölriesen Abu Dhabi. Sicher ist: Wer sich auf dieser Spielwiese tummeln will, muss es sich leisten können. Rocketplane Kistler ging 2010 in Konkurs und Armadillo Aerospace, das von John Carmack, dem Erfinder der Videospiele Doom und Quake, gegründet worden war, erlitt 2013 Schiffbruch. Das Unternehmen Orbital Sciences zog sich aus dem Tourismusgeschäft zurück und fusionierte mit Alliant Techsystems, nachdem Anfang 2014 eine seiner Raketen explodierte.

Einfacher gesagt als getan

Noch mehr Aufmerksamkeit zog allerdings ein Unglück auf sich, das sich Ende 2014 ereignete: ein Testflug von Virgin Galactic, bei dem einer der zwei Piloten getötet wurde. Nach Aussagen von Stephen Attenborough gab es keine Stornierungen von bereits bezahlten Flügen, doch das Unglück hat eindrücklich die Risiken für den Menschen gezeigt. Tatsächlich gibt es weitere Risiken. Daniel Scuka vom Spacecraft Operations Team bei der Europäischen Weltraumorganisation weist darauf hin, dass die Rakete beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auseinanderbrechen oder zurück ins All geschleudert werden kann. Die starken Gravitationskräfte bei Start und Landung könnten sich auf die Gesundheit der Passagiere auswirken. Zudem könnte regelmässiger Raketenverkehr ein neues Loch in der stratosphärischen Ozonschicht verursachen. Einem Team um Professor Darin Toohey von der University of Colorado zufolge könnten die Abgase von Raumschiffen die bereits von flüchtigen Kühlflüssigkeiten und Aerosol-Treibmitteln geschädigte Ozonschicht noch erheblich stärker ausdünnen.

Was gibt es Schöneres ...

Wer denen zuhört, für die das All keine unbekannte Dimension mehr ist, wie Dave MacKay, Chefpilot bei Virgin Galactic (siehe YouTube-Video), bekommt Lust auf ein Weltraum-Abenteuer. Wenn der ehemalige Kampfflieger von Flügen ins All spricht, merkt man, dass er aus dem Stoff gemacht ist, aus dem Helden sind. Da wird der Start eines Jets auf einem Flugzeugträger oder ein Rennen in einem mit Nitro angetriebenen Dragster bemüht, um den Raketenstart zu veranschaulichen. Da ist vom schwerelosen Schweben in der geräuschlosen Schwärze des Weltraums die Rede und von faszinierenden Ansichten des Blauen Planeten. Dann die Zitterpartie beim Wiedereintritt in die Atmosphäre und die Landung im Space-Shuttle-Stil auf einer Landebahn inmitten einer Wüstenlandschaft. Wem das nicht reicht, der kann sich vielleicht für die Aussicht begeistern, mit Stars zu den Sternen zu reisen. Zu den Promis, die mit Virgin ins Weltall reisen möchten, gehören der Physiker Stephen Hawking, die Schauspieler Leonardo DiCaprio, Tom Hanks und Ashton Kutscher sowie der Teenie-Schwarm Justin Bieber und die Sängerin Lady Gaga. (Es werden natürlich nicht alle auf derselben Weltraumreise anzutreffen sein – so etwas gibt es wirklich nur in Comics.)

Es geht nicht nur um Tourismus

Ob all die Bemühungen letztlich in einen kommerziellen Erfolg münden, bleibt abzuwarten. Reto Hess von der Credit Suisse zufolge werden hohe regulatorische Kosten anfallen, insbesondere infolge des Virgin-Unglücks. Sollte sich ein weiterer, noch schwerwiegender Unfall ereignen, dürfte von all den Geschäftsplänen nicht viel übrig bleiben. Allerdings würde es nicht das Ende der Space-Mission bedeuten, wenn sich der Weltraumtourismus als nicht praktikabel erweisen sollte. Es gibt eine ganze Reihe von Interessenten, die sich anstelle der Touristen ins All schiessen lassen würden, wobei Betreiber von Satellitensystemen, medizinische Wissenschaftler und Waffenentwickler noch zu den offensichtlicheren gehören.

Bitte keine übereilte Vorfreude

Sie möchten ins All reisen und sich schnell noch einen Platz sichern? Kein Grund zur Eile. Virgin Galactic wurde 2005 als Start-up gegründet und wollte ab 2008 kommerzielle Weltraumreisen veranstalten. Der Termin für die erste Reise wurde immer wieder verschoben und der letztlich für 2015 anvisierte Start scheint nach dem Unglück 2014 nicht mehr realistisch. Auch das Unternehmen Blue Origin, das spätestens ab 2010 regelmässig Touristen ins All bringen wollte, ist von seinen ursprünglichen Zeitplänen abgewichen. Den verlässlichsten Schätzungen zufolge wird der erste Weltraumflug, der ausschliesslich Touristen vorbehalten ist, frühestens 2017 stattfinden. Wenn man sich vor Augen führt, was sich aussenstehende Beobachter ausgemalt haben, ist der übertriebene Optimismus derjenigen, die ein berechtigtes Interesse daran haben, Weltraumflüge zu promoten, vielleicht auch zu verstehen. 2008 prognostizierte George Nield, Associate Administrator der US-amerikanischen FAA, dass bis 2015 «eine ganze Reihe von Unternehmen» kommerzielle Flüge ins Weltall anbieten würde. 2012 sagte Nield dann bis zum Jahr 2021 eine «Branche im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar» voraus. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben diese Prognosen wenig mit dem Best-Case-Szenario gemein, das The Tauri Group auf der Grundlage der Ergebnisse ihrer im Auftrag der FAA 2012 durchgeführten Umfrage in Aussicht stellt. Nichtsdestotrotz kann man aus ihnen ableiten, dass die Möglichkeiten in diesem Bereich wirklich grenzenlos sind.