«Solidarität hängt nicht vom Wohlstand ab»
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«Solidarität hängt nicht vom Wohlstand ab»

Annemarie Huber-Hotz, Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), über 150 Jahre einer humanitären Organisation, Flüchtlinge und die Rolle der Menschlichkeit in einer unstabilen Welt.

Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung hat weltweit über 80 Millionen Mitglieder und über 17 Millionen Freiwillige. Was eint sie?

Annemarie Huber-Hotz: Alle Angehörigen der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung sind denselben ethischen Grundsätzen und dem humanitären Völkerrecht verpflichtet. Es ist beeindruckend, wie sie alle dem Vorbild von Henry Dunant und der Devise «Tutti fratelli» [«Alle sind Brüder»] folgen und sich für den Schutz von Leib und Leben und die Würde jedes Menschen einsetzen.

72'000 Freiwillige arbeiten für das SRK. Laut Bundesamt für Statistik nimmt die «informelle Freiwilligenarbeit» ab, 2000 waren noch 23,2 Prozent der Schweizer Bevölkerung aktiv, heute sind es 18,6 Prozent. Spüren Sie diesen Rückgang?

Ja, wir spüren das bei einigen Dienstleistungen, etwa bei der freiwilligen Betreuung älterer Menschen, vor allem aber bei zeitaufwendigen Aufgaben oder längerfristigen Verpflichtungen. Aberes gibt auch Bereiche wie die Betreuung von Flüchtlingen, wo die Nachfrage nach Einsätzen gross ist. Einsätze im Rahmen des Corporate Volunteering, wie es Unternehmen wie die Credit Suisse ermöglichen, können den Rückgang in der Freiwilligenarbeit teilweise kompensieren, das stimmt uns zuversichtlich.

Armut und Hilfsbedürftigkeit haben heute ein anderes Gesicht als vor 150 Jahren. 

Annemarie Huber-Hotz 

Der jüngeren Generation wird nachgesagt, sie sei vor allem mit sich selbst beschäftigt. Fällt es Ihnen zunehmend schwer, jüngere Freiwillige zu rekrutieren?

Nein, wir haben sehr aktive, wachsende Jugendgruppen. Eine Freiwilligenorganisation wie das SRK muss aber gute Rahmenbedingungen wie den Einbezug in Entwicklung und Umsetzung neuer Ideen, die Möglichkeit der Ausbildung und der Übernahme von Verantwortung, Wertschätzung oder die Gelegenheit zu Teamarbeit bieten und die Freiwilligen eng betreuen.

Das SRK feiert 2016 sein 150-Jahre-Jubiläum. Wie hat sich die Rolle des Hilfswerks über diese lange Zeit verändert?

Die Grundwerte und das Engagement für hilfsbedürftige Menschen, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit, sind seit 150 Jahren dieselben. Das SRK hat sich aber dem Wandel angepasst und neue Leistungen in Gesundheit, sozialen Diensten, Integration und Rettung entwickelt. Armut und Hilfsbedürftigkeit haben heute ein anderes Gesicht als vor 150 Jahren: Sozial benachteiligte, vereinsamte Menschen, gesundheitlich gefährdete und auf Unterstützung angewiesene Leute und ihre Angehörigen, aber auch Familien, Kinder und Jugendliche, Asylsuchende, Flüchtlinge und Sans-Papiers gehören heute zu unseren Zielgruppen.

…Und die Auslandhilfe wurde wichtiger – warum eigentlich?

Armut und schlechte Gesundheitsversorgung in vielen Ländern sind die Hauptgründe. Der Bedarf ist riesig. Eine Rolle spielen auch die Zusammenarbeit innerhalb der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung und die Solidarität mit unseren Schwestergesellschaften in Entwicklungsländern.

Je stabiler ein Land, desto besser ist das für eine nationale Rotkreuzgesellschaft. 

Annemarie Huber-Hotz 

Wie wichtig sind Stabilität und Neutralität der Schweiz für den Erfolg des SRK?

Beides ist für die Schweiz wichtig. Je stabiler ein Land, desto besser ist das für eine nationale Rotkreuzgesellschaft. Für das SRK sind aber vor allem die Grosszügigkeit und Solidarität der Bevölkerung gegenüber Menschen in Not wichtig.

In Ihrer Rede zum 150-Jahre-Jubiläum zitieren Sie den englischen Dichter William Blake: «Jeder Mensch ist verdammt, bis in ihm die Menschlichkeit erwacht.» Wie meinen Sie das?

Jeder Mensch ist auf Gesellschaft und ein menschliches Umfeld angewiesen. Dazu muss aber jeder selbst beitragen – und zwar mehr als das, wozu er oder sie gesetzlich verpflichtet ist. Durch das eigene Engagement erfährt man, wie viel die Anteilnahme am Schicksal der Mitmenschen zurückgibt in Form von Glück, Zufriedenheit und Sinnstiftung.

Lebt sich Mitmenschlichkeit im Wohlstand leichter? Würde eine allfällige wirtschaftliche Krise unsere Solidarität trüben?

Nein, im Gegenteil! Solidarität hängt nicht vom Wohlstand ab, sondern von der Kultur einer Gesellschaft und der Einsicht in die Notwendigkeit gegenseitiger Hilfe. Die Unterstützung des SRK aus der Bevölkerung blieb jedenfalls auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten immer gross.

Die Anzahl Hilfswerke hat in der Schweiz in den letzten 50 Jahren zugenommen. Wie hat dies die Arbeit des SRK verändert?

In der Tat gibt es heute für alle Sparten Hilfswerke und gemeinnützige Stiftungen, und vor allem die Mittelbeschaffung stellt eine Herausforderung dar. Aber ich bin überzeugt, dass es für alle Platz hat und die Ziele mit intelligenter Zusammenarbeit gemeinsam erreicht werden können.

Das SRK wird von Privaten, Stiftungen sowie Kantonen und Gemeinden getragen. Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Unternehmen?

Wir müssen gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam angehen. An der Partnerschaft mit der Wirtschaft liegt uns deshalb viel. Nicht nur wegen der finanziellen Unterstützung einiger Unternehmen, sondern auch wegen des Wissensaustauschs und des Engagements ihrer Mitarbeitenden. Wir sind dankbar, dass wir hier so fruchtbare Zusammenarbeiten pflegen können. Gemeinsam bewirken wir mehr!

Weltweit sind die Konflikte – bis auf die letzten zwei, drei Jahre – zurückgegangen. 

Annemarie Huber-Hotz 

Sie stehen neben Unternehmen auch mit der Politik in Kontakt. Nehmen politische Beeinflussungsversuche angesichts der angespannten Weltlage eigentlich zu?

Unabhängigkeit und Neutralität sind entscheidend dafür, dass das Rote Kreuz auch in heiklen Missionen von allen Parteien akzeptiert wird. Nur so kann es seine humanitäre Aufgabe für die verletzlichsten Menschen wahrnehmen. Das gilt auch für unsere Arbeit in der Schweiz, zum Beispiel für Flüchtlinge und Sans-Papiers, und das wird von Regierung und Verwaltung respektiert.

Aus Sicht des SRK: Ist die Welt sicherer oder unsicherer als vor 20 Jahren?

Weltweit sind die Konflikte – bis auf die letzten zwei, drei Jahre – zurückgegangen. Durch die Medien erhalten wir aber den Eindruck einer allgegenwärtigen, ständigen Gewalt. Das verunsichert viele Menschen und stärkt nationalistisch orientierte Parteien, die das Gefühl der Bedrohung schüren und ausnutzen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg waren weltweit nie mehr so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Ist das die grösste Herausforderung in der Geschichte des SRK?

Das SRK hat sich schon immer um Flüchtlinge gekümmert. Eine neue Herausforderung ist aber, dass Flüchtlinge aus anderen Kulturen kommen. Neu ist auch, dass das SRK sich um Flüchtlinge in anderen Ländern kümmert, etwa um syrische Flüchtlinge im Libanon.

Können Sie nachvollziehen, dass der Flüchtlingsstrom in der Schweiz Ängste auslöst? Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur. Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen der Integration, vor der Gefährdung des Sozialstaats?

Ja, ich verstehe die Ängste. Sie können abgebaut werden, wenn die Leute Flüchtlinge und ihre Fluchtgründe kennenlernen. Zudem betreibt die Schweiz eine zwar strenge, aber gute Asylpolitik. Und die im Vergleich zur Bevölkerung geringe Zahl der Menschen im Asylprozess kann weder Kultur noch Sozialstaat wirklich gefährden.

Das SRK leistete beim Aufbau des schweizerischen Gesundheitswesens einen grossen Beitrag. Wird die Alterspflege aufgrund des demografischen Wandels künftig zur Schwerpunkttätigkeit?

Die Betreuung älterer Menschen und betreuender Angehöriger wird ein Schwerpunkt unserer Tätigkeiten bleiben. Das SRK kümmert sich aber vermehrt auch um Familien und kranke Menschen sowie die Integration von Menschen am Rande der Gesellschaft.

Einst träumten Sie davon, Uno-Generalsekretärin zu werden. Welche Träume haben Sie heute?

Das war ja kein ernst gemeinter Traum! Heute träume ich von einer gerechteren Welt, in der mehr Menschen über die für eine würdige Existenz notwendigen Ressourcen und Zukunftsperspektiven verfügen. Dazu bräuchte es mehr Solidarität, Respekt und Kompromissbereitschaft in der Politik – auch in der Schweiz.