Gesellschaftliche Verantwortung: Die nächste grosse Herausforderung der Technologiebranche
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Gesellschaftliche Verantwortung: Die nächste grosse Herausforderung der Technologiebranche

Die Technologiebranche ist zwar in guter finanzieller Verfassung. Doch sie muss ihre soziale Verantwortung stärker wahrnehmen. Das fordert einer ihrer führenden Köpfe: Shlomo Dovrat, Pionier, Unternehmer und General Partner des israelischen Unternehmens VC Carmel Ventures.

Shlomo Dovrat, 56, ist vielleicht das beste Beispiel für Israels Technologiebranche und gleichzeitig ein Sonderfall. Sein herausragender Leistungsausweis als Unternehmer und Investor begann im Alter von 26 Jahren. Damals gründete er mit Partnern das Software-Unternehmen, Oshap Technologies. Er führte es bis zum IPO an der NASDAQ und verkaufte die Firma später für USD 220 Mio. an SunGard. Anschliessend feierte er weitere unternehmerische Erfolge, bevor er im Jahr 2000 das Venture-Capital-Unternehmen Carmel Ventures gründete. Carmel verwaltet Vermögen im Wert von USD 800 Mio. und konzentriert sich auf israelische und Israel-bezogene Unternehmen in der Gründungsphase. Und das sehr erfolgreich: Mehrere Gesellschaften wie Outbrain, Payoneer und ironSource entwickelten sich zu Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens USD 100 Mio. pro Jahr. 

Shlomo Dovrat geht es aber auch um die Rolle die Technologiebranche bei der Gestaltung einer integrativeren Gesellschaft. Er spricht offen über die Bedeutung, die staatliche Institutionen in seiner persönlichen Entwicklung gespielt haben. In einer Zeit, in der Unternehmer und Investoren einen immer stärkeren Ansatz zur Schaffung von Wohlstand verfolgen, tritt Shlomo Dovrat für eine Rolle der Technologie-Community zur Stärkung der Gesellschaft ein. Seine öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten umfassen eine aktive Rolle bei IVN, einem philanthropischen Venture-Netzwerk, das soziale Unternehmen in den Bereichen regionale wirtschaftliche Entwicklung und Bildung unterstützt. Dovrat war auch der Leiter einer viel beachteten nationalen Taskforce zur Bildungsförderung in Israel. Nach zehn Jahren sind viele der Empfehlungen der Dovrat-Kommission zu einem integralen Bestandteil der israelischen Bildungspolitik geworden. 

Sympathisch und entgegenkommend erläutert Shlomo Dovrat bei einem Treffen in seinem Büro bei Carmel Ventures am Stadtrand von Tel Aviv seine Überlegungen zu Innovationen, Investments und Befürchtungen über den Beginn einer Technologie-Bewertungsblase. Und zur wichtigen Rolle des Technologie-Sektors zur Stärkung der Gesellschaft. «Ich bin der Meinung, dass sich die Technologiebranche noch immer abgrenzt und die soziale Rolle, die sie spielen kann und sollte, nicht vollständig übernimmt», kritisiert er.

Akin Ajayi: Venture-Capital-Investitionen in Israel dürften in diesem Jahr einen Rekordstand rund USD 4 Mia. erreichen. Manche Leute sind jedoch der Meinung, dass es sich um eine Blase handelt.

Shlomo Dovrat: Venture-Capital-Investitionen in Israel dürften in diesem Jahr einen Rekordstand rund USD 4 Mia. erreichen. Manche Leute sind jedoch der Meinung, dass es sich um eine Blase handelt.

Im Gegensatz zu anderen, bereits im Technologiesektor aufgetretenen Blasen, geht es mehr um Werte als um Fundamentaldaten. Die Anleger investieren nicht in dumme Ideen und es werden keine chancenlosen Unternehmen aufgebaut. Die grosse Frage ist: Was ist der Wert einer Unternehmung? Ich mache mir Sorgen, wenn ich höre, dass IPOs in 25 Prozent aller Fälle im Vergleich zur vorherigen privaten Finanzierungsrunde unter derem Wert liegen. Und ich mache mir Sorgen, wenn ich höre, dass private Bewertungen über den öffentlichen Bewertungen liegen. Doch auch dies ist eher ein US-Phänomen. 

Kommen wir zu Israel zurück: In den letzten drei Jahren sind unsere Wagniskapitalinvestitionen von USD 2,5 Mia. auf 3,4 Mia. und dann auf 4,2 Mia. gestiegen. Allerdings ist die in Unternehmen in der Gründungsphase investierte Geldmenge in die Seed-Phase (Vorgründungsphase) und die A-Runde recht stabil geblieben. In Israel findet jetzt – und das liegt mir sehr am Herzen – eine Verlagerung weg von der Erzeugung statt. Israel war immer gut darin, grossartige Produkte zu kreieren, aber heute bauen wir grossartige Unternehmen auf – grössere Unternehmen, bedeutendere Unternehmen, die mehr Wachstumschancen schaffen. 

Carmel Ventures ist im Verhältnis zu seiner Grösse überdurchschnittlich erfolgreich. Auf welche Grundsätze konzentrieren Sie sich bei der Auswahl von Anlagemöglichkeiten?

Damit wir die von uns gewünschten Renditen erzielen, müssen wir das Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir in Konkurrenz mit den besten Fonds in den USA stehen – und nicht nur mit anderen Fonds in Israel. Wir betrachten den Venture-Markt mit den Renditen und Anlagen in unseren Unternehmen als globalen Markt. Der einzige Weg, top Resultate zu erreichen, ist die Schaffung einer Kategorie von Spitzenfirmen. Mit Aushängeschildern, deren Wert eines Tages eine Milliarde Dollar erreichen könnte. 

Dies kann nur durch ein, zwei oder sogar drei hoffentlich sehr grosse Erfolge geschehen. Wir sind bereit, höhere Risiken einzugehen, mutig zu sein und früh einzusteigen. Wir ziehen die Anlage von viel Geld und viel Zeit in eine kleinere Anzahl an Unternehmen vor und wir waren bisher mit Unternehmen wie Outbrain, ironSource und Payoneer einigermassen erfolgreich.

Darüber hinaus möchten wir aber in Unternehmen investieren, die das Potenzial haben, die Welt zu verändern. Wir suchen Unternehmer, die versuchen, Einfluss zu nehmen und die Branche von Grund auf zu verändern. Und wir suchen Unternehmer, die etwas bewegen möchten. Das ist nicht nur unsere Geschäftsstrategie, das ist auch unsere Leidenschaft. 

Aber ich betrachte mich selbst nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch als sozialen Unternehmer.

Shlomo Dovrat

Sie begannen Ihre Unternehmerlaufbahn in jungen Jahren und mit scheinbar sehr viel Selbstvertrauen. Wie hat sich diese Einstellung entwickelt?

Als ich meinen Wehrdienst antrat, entdeckte ich eine Welt voller Technologie, in die ich mich verliebte. Man betrachtet die Armee nicht unbedingt als etwas, das Unternehmertum fördert. Aber eines der wirklich interessanten Dinge über die Kultur der «Unit 8200» – eine Einheit der israelischen Streitkräfte zur Fernmelde- und elektronischen Aufklärung -ist die Tatsache, dass man uns zum Eingehen von Risiken ermutigte. Wissen Sie, was der Unterschied zwischen Gesellschaften mit starkem und solchem mit schwachem Unternehmertum ist? Das Scheitern muss eine Option sein. Konkret:Ich habe mich heute mit einer sehr erfahrenen europäischen Führungspersönlichkeit getroffen und habe ihr gesagt, dass bei den Menschen in Europa heute die Angst vor dem Scheitern den Willen zum Erfolg übersteigt. Und wenn das der Fall ist, gibt es kein Unternehmertum, keine Innovation.

Im Alter von 20 Jahren arbeitete ich mit Softwareprojekten, die mehrere Millionen Dollar wert und kritisch für das Land waren. Mir wurde diese Verantwortung in sehr jungen Jahren übertragen. Ich habe viele dieser Projekte geschaffen, erfunden. Einige waren dumm, einige waren sehr gut, und nach meiner Zeit in der Armee wusste ich, dass ich unabhängig und mein eigener Chefsein wollte. Dazu wurde ich ausgebildet. Ich wollte etwas bewegen. Ich suchte nach Herausforderungen und konnte mit einigen der brillantesten Menschen der Welt zusammenarbeiten. Diese Personen erzeugen ein gewaltiges Selbstvertrauen. Ich war also schon immer ein Unternehmer. Aber ich betrachte mich selbst nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch als sozialen Unternehmer.

Ihre Ausbildung und Ihre technische Expertise faszinieren mich genau so Ihr Karriereweg. Es scheint, als ob all diese Erfahrungen Ihnen das Selbstvertrauen und das erforderliche Wissen für den Start Ihrer Karriere als Unternehmer gegeben haben?

Ich bin fasziniert, sogar besessen von Bildung. Alle sprechen von der wirtschaftlichen Rolle der Bildung, wie sie soziale Mobilität ermöglicht und dass Menschen durch Bildung ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Das ist natürlich wichtig. Aber ich glaube auch, dass Bildung sehr wichtig für die Entwicklung des Ethos eines Landes ist. Mit öffentlicher Bildung, von der ich ein grosser Verfechter bin, lässt sich eine wichtige Aussage über die Prioritäten eines Landes machen. Ich habe mich immer wieder öffentlich dazu geäussert und habe mich immer stärker für Bildungsreformen auf der ganzen Welt interessiert. Als mich die israelische Regierung bat, die nationale Taskforce zu leiten, war ich zuerst nicht interessiert. Dann dachte ich aber, dass die Regierung sich tatsächlich bemüht, zuzuhören.

Zehn Jahre später würde ich sagen, dass 60 Prozent der Empfehlungen umgesetzt worden sind . Die Professionalität der Lehrer in Israel und das Niveau des Managements von Schulen haben sich merklich verbessert. Wir haben nun kostenlose Kindergärten, was vorher nicht der Fall war. Ich bin der Meinung, dass es noch viel zu tun gibt, auch wenn sich das öffentliche Bildungsniveau bereits verbessert hat, und ich versuche immer noch zu helfen.

Aber ich glaube auch, dass Bildung sehr wichtig für die Entwicklung des Ethos eines Landes ist.

Shlomo Dovrat

Sie haben Ihr Engagement für gesellschaftliche Verantwortung bewiesen. Was mich interessiert, ist Ihre Meinung zur Rolle, die die Technologiebranche bei der Förderung von sozialem Wandel in Israel spielen kann?

In vielerlei Hinsicht präsentiert sich die Technologiebranche als positives Beispiel für die Gesellschaft. Offen, mobil, ohne Diskriminierung. Es ist keine alteingesessene Branche mit Barrieren, die Menschen von der Verwirklichung ihrer Talente abhält. Allerdings hat der Erfolg der Technologiebranche auf gewisse Weise soziale Unterschiede in Israel verschärft. Die Differenz zwischen dem israelischen Technologiesektor und dem Rest des Landes ist so gross, dass wir in einer dualen Wirtschaft leben. 

Fairerweise muss gesagt werden, dass die Regierung einen enormen Beitrag zur Entwicklung der israelischen Technologiebranche geleistet hat. Aber das ganze Land Israel als dynamische, grossartige, stabile Volkswirtschaft darzustellen, ist aufgrund dieser dualen wirtschaftlichen Struktur irreführend. Was wir jetzt brauchen, ist meiner Meinung nach ein Umfeld, das Wirtschaftswachstum fördert. Wir benötigen weniger Regulierung, weniger Bürokratie, mehr davon, was die Regierung zur Unterstützung der Technologiebranche getan hat. 

Israel als Ganzes würde von einigen der Merkmale der Technologiewirtschaft – Innovation, Unternehmertum, schnelle Anpassung – profitieren. Ich würde gerne sehen, dass diese Eigenschaften im lokalen Industrie-, Wohnungs- und Landwirtschaftssektor übernommen werden. Die Technologiebranche muss aber auch aktiver und stärker an der öffentlichen Diskussion teilnehmen. Sie muss am Dialog darüber teilnehmen, wie dieses Land geführt werden sollte, nicht zuletzt durch die Übernahme einer Vorbildfunktion für bessere soziale Integration.