Kleine Länder liefern grössere Renditen

Wo sollte man investieren? Welche Märkte sind rentabel und krisenfest? Eine aktuelle Studie der Credit Suisse mit dem Titel «The Success of Small Countries and Markets» (Der Erfolg kleiner Länder und Märkte) kommt zum erstaunlichen Ergebnis, dass die Börsen kleiner entwickelter Länder eine Outperformance aufweisen und beeindruckende Ergebnisse erzielen.

Der Ausdruck «über den Tellerrand blicken» scheint vielleicht überbeansprucht und banal, dennoch bleibt seine Bedeutung gültig, wie Michael O'Sullivan und Stefano Natella vom Credit Suisse Research Institute (CSRI) belegen. Die Experten wagten einen Schritt über die üblichen Anlagevergleiche hinaus und untersuchten die Renditen von Finanzanlagen grosser und kleiner Länder. Dabei kamen sie zu Ergebnissen, die alles andere als banal sind: Es stellte sich heraus, dass die kleinen Länder längerfristig bessere Ergebnisse erzielen als die grossen.

Bei der Erstellung ihres Vergleichs nahmen sich die Experten drei Gruppen von Ländern vor: grosse entwickelte Länder (Australien, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Spanien, Grossbritannien und USA), kleine entwickelte Länder (Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Irland, Niederlande, Norwegen und Schweden) und kleine Länder, die sich noch auf dem Weg hin zu einem entwickelten Markt befinden (Estland, Ungarn, VAE, Katar, Slowakische Republik, Island, Israel, Kroatien, Lettland, Tschechische Republik, Portugal). Bei den ersten beiden Gruppen umfassten die untersuchten Daten 50 Jahre Aktiengesamtrenditen. Aus naheliegenden Gründen waren für die dritte Ländergruppe nur kurzfristige Analysen verfügbar. 

David gegen Goliath

Alle Indikatoren sind eindeutig und bestätigen, dass kleine entwickelte Länder die Gewinner sind. Dies gilt sowohl kurz- als auch langfristig. Abbildung 1 zeigt Aktienrenditen über 50 Jahre und veranschaulicht, dass die Outperformance der kleinen Länder in den letzten Jahrzehnten ein stetiger Trend auf den Märkten war. 

Um das Thema weiter zu ergründen, beschlossen die Experten, die operative Leistung sowie die Rentabilität der Unternehmen in den untersuchten Ländern zu prüfen. Auch hier hatten die kleinen entwickelten Länder hinsichtlich der Renditen die Nase vorn. Wie in Abbildung 2 dargestellt, überstieg der CFROIC®-Wert (Cash Flow Return on Invested Capital / Cashflow-Rendite auf dem investierten Kapital) in den letzten 20 Jahren ununterbrochen den Wert der grossen Länder (mit Ausnahme der USA). Darüber hinaus erwies sich das Verhältnis zwischen dem CFROI und den Kapitalkosten (DR) innerhalb der Gruppe der kleinen entwickelten Länder beständig als günstig, d. h., diese Länder generieren nach wie vor wirtschaftlichen Wohlstand1.

Erwähnenswert ist auch, dass kleine entwickelte Länder trotz höherer Volatilität (in der Vergangenheit lag sie bei kleinen Ländern 1 Prozenthöher) bessere Ergebnisse verzeichnen. 

Die Stärken der kleinen Länder

Einer der Gründe für den offensichtlichen Markterfolg kleiner entwickelter Länder ist möglicherweise ihre Sektorzusammensetzung. Abbildung 3 zeigt die Aktien nach Sektoren in kleinen entwickelten Ländern und in kleinen Ländern, die sich noch auf dem Weg hin zu einem entwickelten Markt befinden. In beiden Ländergruppen dominieren mit nahezu 50 Prozentder geprüften Märkte Finanz- und Industrietitel. Die Berichtsdaten bestätigen, dass in den vergangenen neun Jahren ein Drittel der jährlichen Überschussrenditen kleiner entwickelter Länder im Vergleich zu grossen entwickelten Ländern auf das Konto von unterschiedlichen Branchengewichtungen geht.

Einen weiteren wichtigen Faktor stellt die Diversifikation dar. Die Märkte kleiner Länder sind weniger stark verbunden und voneinander abhängig als die Börsen grosser Länder. Das bedeutet, dass Anlagen in diese Länder widerstandsfähiger gegen Marktschocks und globale Veränderungen sind. Die durchschnittliche Paarkorrelation in den Testgruppen ist bei den kleinen Ländern, die sich noch auf dem Weg hin zu einem entwickelten Markt befinden, mit 0,45 am niedrigsten, während kleine entwickelte Märkte mit 0,57 eine Mittelposition einnehmen und die grossen Länder mit 0,63 den höchsten Wert aufweisen.

Kleine entwickelte Länder schneiden auch in Bezug auf die Qualität der vorherrschenden Industrien besser ab. Die Exportspitzenreiter in grossen Ländern sind Tabakproduzenten, Getränkeunternehmen und Dienstleistungsanbieter im Energiesektor (Öl, Gas, Kohle). In kleinen Ländern hingegen zählen die Bereiche Arzneimittel, Kosmetik und Gesundheitspflege sowie Chemie zu den vorherrschenden Exportbranchen – also Bereiche, die zu einer Kategorie mit höherem Mehrwert gehören und höhere Finanzausgaben im Bereich F&E sowie hochqualifiziertes Personal erfordern.

Das Geheimnis steckt im Humankapital

Kleine entwickelte Länder haben lange und hart für ihren Erfolg und ihren Wohlstand gekämpft. Es ist ihnen gelungen, obwohl sie den wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen eines sich verändernden globalen Umfelds in besonderem Masse ausgesetzt sind. Um mit den grösseren Partnern mithalten zu können und ihre Position im wirtschaftlichen Netzwerk zu schützen, müssen sie bevorstehenden Veränderungen und nachteiligen Bedingungen vorgreifen und entsprechende Massnahmen einleiten.

Die offensichtliche Outperformance kleiner entwickelter Länder wäre ohne günstige Hintergrundfaktoren, die angemessene Bedingungen für Wirtschaftswachstum geschaffen haben, nicht möglich. Diese als «immaterielle Infrastruktur» bezeichneten Faktoren wurden vom Research-Team der Credit Suisse als ein «Faktorensatz, der menschliche Kompetenzen weiterentwickelt und das einfache und effiziente Wachstum von Geschäftsaktivitäten ermöglicht» definiert. Diese Faktoren können politischer, rechtlicher oder sozioökonomischer Natur sein und beinhalten fünf spezifische Komponenten: Bildung, Gesundheitswesen, Finanzsektor, Unternehmensdienstleistungen und Technologie.

Kleine entwickelte Länder nehmen im Hinblick auf die «immaterielle Infrastruktur» eine führende Rolle ein und verfügen über die Kompetenz und Erfahrung, sie im Sinne des Wachstums einzusetzen. Sie haben die Aufmerksamkeit der Anleger definitiv verdient.

1Dieser Vergleich wurde mithilfe der von der Credit Suisse entwickelten HOLT-Methode und damit verbundenen Daten durchgeführt.

CS Basket

Ergänzend zu dem Bericht prüfte das Research-Team von Michael O'Sullivan die Börsen kleiner entwickelter Länder und wählte anhand strenger Kriterien die 20 Unternehmen mit den besten Ergebnissen aus. Die ausgewählten Unternehmen repräsentieren eine Reihe von Sektoren, wobei an den ersten drei Stellen das Gesundheitswesen, der Finanzsektor und Verbraucherdienstleistungen stehen. Kunden der Credit Suisse können sich bezüglich weiterer Informationen an ihren Kundenberater wenden.