Business-Knigge: So umschiffen Sie interkulturelle Fettnäpfchen

Umgangsformen sind nicht immer die besten Reisegenossen. Was Sie zuhause tun, kann Gastgeber im Ausland beleidigen. Zum Glück gibt es einige Richtlinien zur Vermeidung von peinlichen Momenten sowie eine «goldene Regel», wobei Sie diese aber wahrscheinlich noch nicht kennen.

Wann soll man ankommen, schüttelt man die Hand, welche Gabel benutzt man, wie leitet man ein Meeting? Derartige Gepflogenheiten unterscheiden sich von Ort zu Ort, nicht immer aber mit einer erkennbaren Logik. Wenn Sie also auf Reisen gehen oder im Ausland leben, sollten Sie sich gut vorbereiten und flexibel sein. Ausserdem kann es hilfreich sein, die sechs Ironien der kulturübergreifenden Interaktion zu kennen.

1. iPod oder wePod?

Individualismus und Kollektivismus gehören zu den am tiefsten verankerten treibenden Kräften des menschlichen Verhaltens. So tief, dass viele Menschen, die in einer Monokultur leben, nicht einmal realisieren, dass eine derartige Polarität existiert. Oder dass Individualismus eher in den nördlichen und westlichen Ländern der Welt gelebt wird, während Kollektivismus in den südlichen und östlichen Ländern vorherrscht. «Ehrlich währt am längsten», denkt sich der Individualist und beleidigt unbeabsichtigt seine kollektivistischen Bürokollegen mit unnötigen Wahrheiten. «Lass niemanden schlecht dastehen», denkt sich der Kollektivist und stammelt ein «Ja», das eigentlich ein «Nein» ist und sein individualistisches Projektteam verwirrt und frustriert zurücklässt. Die Ironie dabei ist, dass beide Stile – Klartext reden oder taktvolle Fügsamkeit – im richtigen Kontext nicht nur passend, sondern auch erwünscht sind.

2. Zeit ist tatsächlich Geld

Und kann auf äusserst unterschiedliche Arten ausgegeben werden. Es kommt darauf an, wo Sie sind. In China oder Indien beispielsweise gibt es wesentlich mehr Zeremonien und Rituale als z. B. in den USA. Amerikaner in Asien beschweren sich manchmal über die «Zeitverschwendung» aufgrund von Formalitäten. Asiaten in Amerika fühlen sich unter Umständen gehetzt und depersonalisiert von dem ständigen Fokus des «zum Wesentlichen kommen». Hierbei ist die Ironie, dass beide Stile eigentlich Höflichkeit ausdrücken sollen. «Ostasien ist ein sehr zeremonieller Ort», so Urs Buchmann, ein Schweizer, der seit Jahrzehnten dortige Unternehmens- und institutionelle Kunden der Credit Suisse betreut. «Zeremonien sind ein wichtiger Teil des Ausdrucks von Respekt.» Das Gleiche gilt für den amerikanischen Hopplahopp-Ansatz: In der schnelllebigen Gesellschaft der Amerikaner gilt es als rücksichtsvoll, wenn man nicht allzu viel Zeit einer anderen Person in Anspruch nimmt. Und dann gibt es das Zeitproblem der Pünktlichkeit. Das kann je nach Ort eine Tugend oder eine Untugend sein. Wenn Sie bei einem Abendessen in der Schweiz zu spät kommen, ist das unhöflich – Ihr Gastgeber wartet auf Sie. Wenn Sie dagegen in Brasilien pünktlich erscheinen, ist das unhöflich – Ihr Gastgeber ist noch in der Dusche.

3. Was ist wichtiger: Aufgaben oder Beziehungen?

Der Begriff «Aufgabenkultur» projiziert das Klischee eines Ingenieurs oder eines Trainers mit einem Zeitplan in der einen und einer Stoppuhr in der anderen Hand. Der Begriff «Beziehungskultur» beschwört das Bild eines Therapeuten mit Hühnersuppe und flauschigem Pullover herauf. Der Kompromiss zwischen diesen beiden Kulturen variiert nicht nur zwischen Gesellschaften, wobei die nördlichen und westlichen Länder eher für Ersteres und die östlichen und südlichen Länder mehr für Letzteres bekannt sind, sondern auch zwischen Geschlechtern, Altersgruppen und Branchen. Ironischerweise sind in den meisten Fällen beide Ansätze gut gemeint. Weil nämlich die ganze Bonhomie der Welt nicht die Finanzzahlen des nächsten Quartals liefern kann oder einen Wolkenkratzer vor dem Einsturz bewahrt. Und manchmal kann ein einfühlsames Lächeln oder eine freundliche Geste mehr bewirken, als es Spitzentechnologie oder ein beeindruckendes Gadget es je könnte.

4. Hautnah und zu nah dran

«Auf Tuchfühlung gehen» kann entweder gut oder schlecht sein, je nachdem wo man sich befindet. Europäer und Nordamerikaner neigen dazu, Geschäfte mit dem gebührenden Abstand abzuwickeln, während Afrikaner, Personen aus dem Nahen Osten und Südamerikaner dazu tendieren, anderen näher zu kommen. Berührungen, Hände schütteln und Augenkontakt korrelieren dementsprechend (mit ein paar Ausnahmen für geschlechterübergreifende Begegnungen), so James O'Rourke, Professor an der University of Notre Dame und Spezialist für kulturübergreifende Themen. Unterschiede bei der Nähe gelten auch für die Kleidung, mit grossen Unterschieden bei Formalität, Uniformität und Sittsamkeit. Hinzu kommt die Privatsphäre oder deren Nichtvorhandensein. Gespräche über Geld oder medizinische Verfahren – ganz zu schweigen von den Klassikern Religion, Politik und Sex – sind an manchen Orten in Ordnung und an anderen eben nicht. Je nach Kultur wird es begrüsst, wenn man Gefühle zeigt, oder es ist verpönt. Und selbst das kann sich je nach Situation ändern, merkt Christian Huber von der Credit Suisse an. Der Schweizer Private Banker, der seit acht Jahren in Japan lebt, hat festgestellt, dass das zurückhaltende, konservative, für Japaner typische Verhalten bei Abendessen und Drinks nach der Arbeit verschwinden kann; am nächsten Tag bei der Arbeit aber wieder vollständig vorhanden ist. Auch hier ist die Ironie, dass die Herangehensweisen an Nähe, trotz ihrer Unterschiedlichkeit, fast immer gut gemeint sind. Dennoch lässt sich sagen, dass zu viel Nähe als aufdringlich angesehen werden kann, während nicht genug Nähe als kalt und herzlos interpretiert werden kann.

5. Wer ist der Chef?

Autorität polarisiert an der Grenze zwischen Diktatur und Demokratie. Beide Ansätze haben ihre eifrigen Verfechter und, den Umständen entsprechend, kann jeder Ansatz vollkommen richtig sein. Ironischerweise ist es schwierig, diese Herangehensweisen mit anderen kulturellen Eigenheiten in Verbindung zu bringen. Es gibt hierbei keinen echten Ost-West-Unterschied oder Unterschied zwischen Industrie- und Schwellenländern, und man kann Autorität auch leicht mit Formalität verwechseln. Beispielsweise sprechen Deutsche sogar Kollegen und ihnen Unterstellte mit Herr oder Frau an, während Amerikaner, die auf einer niedrigen Ebene im Unternehmen stehen, sich nicht davor scheuen, ihren CEO mit Vornamen anzusprechen. Dennoch sagen viele, die beide Kulturen kennen, dass das amerikanische Geschäftsleben diktatorischer ist als das deutsche. Ein Chef in Minneapolis ist wahrscheinlich weniger formell als ein Chef in München, gibt aber wahrscheinlich seinen Mitarbeitenden auch weniger Mitbestimmungsrecht bei Entscheidungen.

6. Im Zweifelsfall

Die Regeln für Etikette sind endlos und füllen viele Bücher, Präsentationen und YouTube-Videos. Eine besonders gute Quelle dafür, so Michael Steiner, Leiter Leadership Development der Credit Suisse, ist die GlobeSmart®-Software (Quelle einiger in diesem Artikel genannten Ironien). Die Bank stellt nicht nur allen ihren Mitarbeitenden das Programm zur Verfügung, sondern bietet auch Schulungen und Beratungen für die Mitarbeitenden, die ins Ausland reisen und dort arbeiten, und auch für Mitglieder von multikulturellen Projektteams. Unter all diesen Punkten gibt es zwei allgemeingültige Regeln. Erstens: Respektieren Sie die Kultur Ihres Gastlandes. «Selbst wenn Sie die Sprache des Landes gar nicht sprechen, versuchen Sie doch, wenigstens einige Worte in der Landessprache zu sagen», so Philipp Kuhr, ein Deutscher, der das Internet-Web-Services-Team in Wroclaw (Polen) leitet. «Zeigen Sie Interesse; die Menschen schätzen das.» Die zweite Regel ist eine ironische Abwandlung der goldenen Regel: Behandeln Sie anderen Menschen nicht so, wie Sie behandelt werden möchten, sondern wie sie behandelt werden möchten. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan, aber – Ironie beiseite – diese Regel ist der Schlüssel für kulturübergreifende Harmonie.