Sechs häufige Fehler privater Anleger

Nichts ist einfacher, als mit Kapitalanlagen Geld zu verdienen. Allerdings nur für allwissende Genies ohne Emotionen. Alle anderen sollten sich klarmachen, welchen Einfluss Gefühle auf unsere Entscheidungen haben können.

Der Lieblingsclub gewinnt, ein guter Freund stirbt, der Nachwuchs schafft den Uniabschluss, eine Kollegin wird gefeuert – solche Höhen und Tiefen brennen sich tief in unser Gedächtnis ein und werden ein Teil von uns. Doch Gefühle – ein zentrales Element der menschlichen Existenz – stehen fundierten Anlageentscheidungen oft im Weg. Wenn es um den Aufbau und die Verwaltung eines Portfolios geht, sollten Gefühle keine Rolle spielen, wie die Erfahrung zeigt und die Forschung bestätigt. Hier sind sechs häufig gemachte Fehler, die es zu vermeiden gilt.

Der Herdentrieb

Angst und Gier haben immer Konjunktur. Das bezeugen die zahllosen Blasen und Abstürze bei Immobilien, Aktien, Devisen und Rohstoffen. Im Nachhinein ist man immer schlauer, doch wenn Tausende, ja Millionen Menschen in dieselbe Richtung laufen, ist es schwer zu widerstehen. «Viele bekommen Angst, wenn die Märkte eingebrochen sind. Sie können sich dann nicht vorstellen, dass die Preise je wieder steigen werden», beobachtet Giles Keating, Leiter Research und Deputy Global Chief Investment Officer der Credit Suisse. Doch wenn die Märkte längere Zeit gestiegen sind, macht sich übertriebene Zuversicht breit. «Dann wollen sie sich die Chance nicht entgehen lassen und steigen ein, kurz bevor die Preise den Höhepunkt erreichen und wieder fallen.» Kurzum: Sie verkaufen billig und kaufen teuer – gewiss der grundsätzlichste Fehler bei der Kapitalanlage.

Eine spannende Geschichte

Leuchtende Augen, nickende Köpfe, zustimmendes Lachen. Alles wirkt ganz wunderbar, wenn Sie erzählen – oder vielmehr damit prahlen –, wie Sie bei dieser oder jener Aktie abgesahnt haben. Und je attraktiver die Geschichte, desto besser lässt sie sich vermitteln. «Jeder ist fasziniert, wenn er erfährt, dass Sie schon früh bei Apple oder einer anderen bekannten, erfolgreichen Aktie eingestiegen sind», sagt Keating. «Wenn Sie aber erklären, wie Sie ein risikoarmes Anleiheportfolio mit guter Rendite aufbauen, ist das Interesse nicht so gross.» Das Problem ist hier die selektive Aufmerksamkeit: Das Positive oder Spannende wird genau verfolgt, das Negative oder Langweilige eher ignoriert. Doch am Ende geht es eigentlich nur um die Gesamtperformance. Wenn Ihre «coolen» Positionen von den «uncoolen» erdrückt werden, kommen Heldengeschichten und Siegerposen gegen die harten, kalten Zahlen nicht mehr an. Ausserdem blendet die selektive Wahrnehmung gern das Portfoliorisiko aus. Es kann leicht passieren, warnt Anja Hochberg, Chief Investment Officer der Credit Suisse für Europa, dass man alles auf eine Karte setzt und es nicht einmal merkt, bis man mit leeren Händen dasteht.

Nicht verlieren lernen

«Wer hat noch nicht, wer will noch mal?», tönt der Marktschreier und macht ein einmaliges Angebot: Entweder Sie nehmen 80 US-Dollar garantiert in bar auf die Hand, oder Sie werfen für 200 US-Dollar eine Münze. Bei Kopf gewinnen Sie, bei Zahl gehen Sie leer aus. Der Verstand sagt, dass ½ x 200 = 100 US-Dollar natürlich mehr sind als 80 US-Dollar, doch Versuche zeigen, dass sich die Mehrheit in der Praxis trotzdem für die «sichere» erste Möglichkeit entscheidet. Ebenso haben verschieden Studien ergeben, dass die meisten Menschen lieber einen einzelnen Gewinn von 50 US-Dollar machen, als erst 105 US-Dollar zu gewinnen und dann 50 US-Dollar zu verlieren. Reue ficht uns dabei nur selten an. Die von Marlon Brando dargestellte Figur im Film «Die Faust im Nacken» brachte es auf den Punkt: «Ich hätte was werden können, zumindest ein klasse Boxer. Und was bin ich geworden? Ein gemeiner Lump.» Das mag einprägsam sein, doch der Schlüssel zu langfristigem Erfolg besteht in der Regel darin, Verluste emotionslos hinzunehmen. Nehmen wir an, Sie kaufen eine Aktie, die dann aus unvorhergesehenen Gründen um 10 Prozent fällt. «Manche Menschen bestehen darauf, durchzuhalten und abzuwarten, bis der ursprüngliche Kurs wieder erreicht ist», erklärt Hochberg. «Dabei fällt ihnen gar nicht auf, dass sie die Aktie abstossen und mit dem Geld eine Anlage kaufen könnten, die vielleicht 30 Prozent Gewinn bringt.»

Verwirr mich nicht mit den Fakten

Oft fallen Anleger auch auf einen falschen ersten Eindruck herein. Psychologen bezeichnen dies als Bestätigungsfehler: Wenn eine Anlageidee gut klingt, muss sie auch wirklich gut sein. Wie ein geschickter Verkäufer sammelt der Anleger dann alle berechtigten Gründe, die für den Kauf sprechen, und ignoriert alle, die dagegen sprechen. Anschliessend unterliegen manche darüber hinaus dem Rückschaufehler. Nach dem Kauf suchen sie Beweise, um die Entscheidung zu rechtfertigen und zu bestätigen, dass sie es richtig gemacht haben – auch wenn es eigentlich falsch war. «Manche Anleger weigern sich, negative Informationen zu berücksichtigen, die nach dem Einstieg verfügbar werden», sagt Hochberg. Ein reifer Anleger zeichnet sich dadurch aus, dass er erkennt, wenn eine Entscheidung falsch war – entweder schon als sie getroffen wurde oder irgendwann später.

Halb leer oder halb voll?

Die Antwort auf diese klassische Frage zum Inhalt eines Glases könnte überraschen: Für Anleger ist es gleichgültig. Entscheidend ist vielmehr, wie die Sache am Ende des Anlagezeitraums aussieht, also ob am Ende mehr im Glas ist als am Anfang. Dies klingt im Prinzip offensichtlich, ist es aber in der Praxis nicht unbedingt. Die Forschung hat gezeigt (und gute Verkäufer wissen schon lange), dass Entscheidungen durch den Präsentationseffekt beeinflusst werden können. So ergab eine Studie, dass Fleisch mit dem Hinweis «75 Prozent mager» von den Kunden besser beurteilt wurde als dasselbe Fleisch mit dem Hinweis «25 Prozent fett». Ebenso unterziehen sich Patienten lieber einer Operation, die eine Überlebensrate von 90 Prozent aufweist, als einer solchen, die in 10 Prozent der Fälle tödlich endet. Probanden, die die Leistung von Basketballerinnen beurteilen sollten, bewerteten Spielerinnen, die positiv präsentiert wurden (50 Prozent der Würfe trafen den Korb), höher als solche, die negativ präsentiert wurden (50 Prozent der Würfe verfehlten den Korb).

Der Ankereffekt

Zum Schluss noch ein Fehler, den echte Markthändler – die an Marktständen ihre Ware verkaufen – seit jeher kennen. Wer einem Käufer einen hohen Preis als «Anker» anbietet, schafft damit eine Wertillusion. Wenn der Verkäufer im marokkanischen Souk einen «Anker setzt», indem er seine Wunderlampe für 500 Dirham anbietet, sind manche Käufer gern bereit, vielleicht 250 dafür zu bezahlen, auch wenn sie nur 100 wert ist. Die Moral von der Geschichte: Wenn man den Wert einer Ware nicht kennt, wird der Kauf (oder Verkauf) zum Glücksspiel. Ja, es gibt viele Methoden und Meinungen zur Bestimmung des Werts, die nicht immer übereinstimmen, doch wer sie nutzt und beherrscht, wird fast immer zu besseren Ergebnissen kommen, als wenn er Anlageentscheidungen dem Gefühl überlässt.