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Der Unternehmer, der zeitgenössischer chinesischer Kunst zu grösserer Bekanntheit verhalf

Im Zentrum der Ausstellung steht eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer chinesischer Kunst, die Zeugnis vom Aufstieg einer Gesellschaft vom Schwellenland zur globalen Wirtschaftsmacht ablegt. Werke aus der Sigg-Sammlung werden nun in einer Ausstellung gezeigt, die als erste ihrer Art einen Überblick über die chronologische Entwicklung des künstlerischen Erbes Chinas in den letzten vier Jahrzehnten ermöglicht.

Dr. Uli Sigg, Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und ehemaliger Schweizer Botschafter in Peking, hat über viele Jahre eine Sammlung zusammengetragen, die rund 2000 Werke von mehr als 350 chinesischen Künstlern umfasst. 2012 überliess er einen Grossteil der von ihm gesammelten Werke dem M+. Dieses zurzeit in West Kowloon (Hongkong) im Bau befindliche Museum wird nach seiner für 2019 geplanten Eröffnung eine der grössten Kulturinstitutionen weltweit sein.

Eine einzigartige Vision

«Die Sigg-Sammlung ist nicht nur in Sachen Grösse und Reichweite unübertroffen, sondern auch bezüglich ihrer schieren Ambition», meint Dr. Lars Nittve, ehemaliger Executive Director und inzwischen externer Berater von M+, das die Werke während der Bauphase an ausgewählte andere Ausstellungsorte ausleiht. «Sie umfasst den gesamten Zeitraum vom Ende der Kulturrevolution bis heute, mit allen wichtigen Werken aller wichtigen Künstler. Es ist eine Sammlung, die ein Nationalmuseum hätte aufbauen sollen, wenn es denn die Möglichkeit dazu gehabt hätte.» Die neue Ausstellung mit dem Titel «M+ Sigg Collection: Four Decades of Chinese Contemporary Art» ist im ArtisTree in Hongkong zu sehen und wird von der Credit Suisse gesponsert. Sie deckt die kulturell dynamischste Periode in der Geschichte des modernen China ab und ist in drei Zeitabschnitte unterteilt: 1974 bis 1989, 1990 bis 1999 und 2000 bis heute. «Wir wollten die Sammlung in chronologischer Reihenfolge zeigen, damit die Betrachter den Kontext der individuellen künstlerischen Entwicklungen während dieses Zeitrahmens verstehen und die Fragmente zusammensetzen können», so Dr. Pi Li, Sigg Senior Curator, Visual Arts, M+.

Selbstausdruck

In den 1970er Jahren arbeiteten zeitgenössische Künstler in China im Untergrund – und stellten den Mainstream-Diskurs, nach welchem jedes Kunstwerk dem Staat dienen sollte, infrage. Ihre Werke wurden von der Regierung als staatsfeindlich angesehen, was es öffentlichen Institutionen in China nahezu unmöglich machte, diese zu sammeln. Hier kam Sigg ins Spiel. «Uli Sigg trug diese Sammlung nicht aus dem Blickwinkel einer Privatperson sondern aus dem eines Museums zusammen», erklärt Dr. Nittve. «Er stellte seinen persönlichen Geschmack zurück, um die Geschichte einer Kunstperiode zu erzählen, die an keinem anderen Ort dargestellt wurde.» Einige der ersten Werke in der Sammlung stammen von dem Künstlerkollektiv «No Name». Die Gruppe schuf Gemälde, die auf westliche Betrachter nur schwerlich radikal wirken. Doch ihre feinsinnige Wiedergabe von Innenräumen und Landschaften sollte nicht unterschätzt werden. «Man muss sich klar machen, dass es in Zeiten der Kulturrevolution äusserst riskant war, derartige Werke zu erschaffen, da von Künstlern ausschliesslich der Propaganda dienende Werke erwartet wurden», erklärt Dr. Nittve. «Das Verlangen nach Freiheit und Selbstausdruck, das in diesen Werken steckt, macht sie unglaublich bewegend.»

Vor allem wurde die chinesische Kunst ab den 1990er Jahren dadurch vorangetrieben, dass der rapide wirtschaftliche und kulturelle Aufstieg Chinas zunehmend zur Kenntnis genommen wurde

Dr. Nittve

Spektakulärer Aufstieg

Als Uli Sigg mit der Sammlung begann, zeigte noch niemand besonderes Interesse an chinesischer Kunst. Erst ab Ende der 1990er Jahre wurden die Leute allmählich darauf aufmerksam. Von der heutigen Situation, in der man mit zeitgenössischer chinesischer Kunst bei Auktionen Gebote in Millionenhöhe erzielen kann und in der zahlreiche Künstler, von Ai Weiwei bis Zhang Xiaogang, zu grossen internationalen Stars geworden sind, war man noch weit entfernt. «Vor allem wurde die chinesische Kunst ab den 1990er Jahren dadurch vorangetrieben, dass der rapide wirtschaftliche und kulturelle Aufstieg Chinas zunehmend zur Kenntnis genommen wurde», erklärt Dr. Nittve. «Künstler aus Entwicklungsländern mit niedrigem Einkommensniveau erfahren nun einmal nicht diese Art der Anerkennung.» Researchpublikationen der Credit Suisse zufolge stieg allein in den vergangenen 15 Jahren die Anzahl der zur Mittelschicht zählenden Erwachsenen in China um 38 Millionen und ihr Vermögen wuchs um 5,6 Billionen US-Dollar. Heute ist die Mittelschicht Chinas zahlenmässig grösser als die der Vereinigten Staaten. Der enorme gesellschaftliche Wandel, der in China durch diese rasante Entwicklung des Wohlstands ausgelöst wurde, spiegelt sich im späteren Teil der Ausstellung wider, in der Künstler die Abwanderung von ländlichen in städtische Gebiete und die Kluft zwischen arm und reich betrachten.

Rückblick

Dr. Pi nennt das Schaffen von Cao Fei als Beispiel. In ihrer Videoinstallation «Whose Utopia?» spricht Fei mit Wanderarbeitern in der chinesischen Region um das Perlflussdelta – ein Gebiet, das in den vergangenen 20 Jahren eine starke Industrialisierung erlebte und Menschen aus armen ländlichen Gebieten in das verarbeitende Gewerbe zog. Sie fragt sie nach ihren Träumen und Zielen für die Zukunft und setzt dies in Kontrast zum monotonen Fabrikalltag. «Viele chinesische Künstler fragen, welche Rolle ihr Land bei der Globalisierung spielt und stellen die Ansicht, dass China die ‹Weltfabrik› sei, infrage», erläutert Dr. Pi. «Sie versuchen nachzuvollziehen, wie Kultur und Tradition auf ihre Identität Einfluss genommen haben.» Ihre Arbeiten tun dies aus einer sehr persönlichen Sicht und fragen, was es in diesem neuen Gesellschaftskonzept bedeutet, Chinese zu sein. «Nehmen wir Ai Weiwei», so Dr. Nittve weiter. «Wir kennen ihn als Aktivisten. Doch häufig untersucht er den Zusammenhang zwischen Konsumverhalten und Erbe sowie den Geldwert, der diesem Erbe beigemessen wird.»

Projekt aus Leidenschaft

Das Konzept des Wertes ist etwas, das viele internationale Kunstsammler gedanklich beschäftigt. «Der Wert eines Kunstwerks ist im Wesentlichen das, was jemand zu zahlen bereit ist», erklärt Dr. Nittve. «Es geht dabei um Angebot und Nachfrage.» Was die zeitgenössische chinesische Kunst betrifft, so haben die Preise ihren Höhepunkt vielleicht noch nicht erreicht. «Die Arbeiten vieler chinesischer Künstler werden nicht unbedingt so hoch bewertet, wie ihr Einfluss es vermuten liesse», stellt Dr. Nittve fest. «Es ist schwer vorherzusagen, ob die Preise steigen oder fallen werden. Aber da immer mehr Menschen ihr Wissen über diese aussergewöhnliche Kulturperiode erweitern, könnten die Bewertungen in die Höhe gehen. Ich denke, der Anlageaspekt hat beim Kunstkauf im Laufe der Jahre an Bedeutung gewonnen», fügt er hinzu. «Vor fünfzig Jahren ging es beim Sammeln von Kunst in stärkerem Masse um Leidenschaft und weniger darum, ein ausgeglichenes Portfolio zu erzielen. In beiden Fällen ist es jedoch gewöhnlich eine individualistische Aktivität. Was Uli Sigg hingegen getan hat, war etwas ganz anderes. Er hat einen enormen Beitrag zum wachsenden Bekanntheitsgrad zeitgenössischer chinesischer Kunst geleistet. Er sagte immer, er würde die Werke eines Tages nach China zurückbringen, und er hat es getan. Das ist etwas ganz Besonderes.»

Ausstellung

Die Ausstellung «M+ Sigg Collection: Four Decades of Chinese Contemporary Art» ist noch bis zum 5. April 2016 im ArtisTree im Taikoo Place (Hongkong) zu sehen. Sie umfasst mehr als 80 Werke chinesischer Künstler in einer Vielzahl von Formaten und Medien, darunter Gemälde, Tuschearbeiten, Skulpturen, Fotografien und Videos. Im schweizerischen Bern findet bis zum 19. Juni 2016 eine weitere Ausstellung mit Werken aus den Sammlungen Sigg und M+ Sigg statt, die ebenfalls von der Credit Suisse gesponsert wird. Sie trägt den Titel «Chinese Whispers: Neue Kunst aus den Sigg & M+ Sigg Collections» und umfasst 150 Werke in einer gemeinsamen Ausstellung des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee. Viele der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen werden bei der diesjährigen 19. Annual Asian Investment Conference, die von der Credit Suisse in Hongkong veranstaltet wird, erörtert. Zu den Rednern dieser vom 5. bis 8. April stattfindenden Veranstaltung zählen unter anderem ehemalige Staatsoberhäupter, Ökonomen, Autoren und Wissenschaftler, die über die Weltwirtschaft im Hinblick auf China und die weiter gefasste Region Asien-Pazifik diskutieren.