Was uns das BIP sagt und was nicht
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Was uns das BIP sagt und was nicht

In seinem jüngsten Bericht «The future of GDP» analysiert das Credit Suisse Research Institute (CSRI), wie sinnvoll die Messung des wirtschaftlichen Wohlstands auf Basis von Daten zum Bruttoinlandprodukt ist, und untersucht die Alternativen.

Die Welt, in der wir heute leben, unterscheidet sich erheblich von der Welt, in der das Bruttoinlandprodukt (BIP) als Messgrösse der Wirtschaftskraft aufkam. Es war die Zeit von Kriegen, Krisen und einer wesentlich stärker lokal ausgerichteten Wirtschaft. Das war lange bevor die Globalisierung und die digitale Revolution die Welt kleiner, weniger greifbar und wesentlich stärker vernetzt gemacht haben. Ist das BIP heute noch relevant? Können wir Fortschritt anhand von BIP-orientierten Statistiken beurteilen?

Die Wahrnehmung ändert sich

Würden wir die Bedeutung analysieren, die das Wort «Fortschritt» vor 70 Jahren hatte und heute hat, so würden wir wahrscheinlich zwei sehr unterschiedliche Definitionen erhalten. Die heutige Definition würde Aspekte wie soziale Entwicklung, Frauenrechte, Ungleichheit, Umweltprobleme, Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung berücksichtigen, um nur einige zu nennen.

Die Definition und die zugrunde liegenden Methoden des BIP werden seit seiner Einführung Mitte der 1930er Jahre heftig diskutiert. BIP-Kritiker weisen darauf hin, dass einige wichtige Aspekte des Wirtschaftswachstums nicht in den BIP-Messgrössen berücksichtigt werden. Haushaltsdienstleistungen und Kinderbetreuung wurden beispielsweise ausgenommen, da der Markt für diese Aspekte anscheinend minimal und die Datenerfassung schwierig war. Zudem herrschte in den 1930er Jahren die allgemeine Auffassung, dass die globalen natürlichen Ressourcen umsonst und unendlich waren und dass Verschmutzung und Abfall eine anerkannte Begleiterscheinung des Fortschritts waren [siehe Kapitel «How GDP Fails the Environment and How to Fix It» von Pooran Desai und Nicholas Schoon].

Aufgrund dieser Einwände wurden zahlreiche Alternativen zum herkömmlichen BIP entwickelt. Auch wenn sich bis heute keine dieser neuen Ideen als aussagekräftig genug erwiesen hat, um das BIP zu ernsthaft zu konkurrenzieren, so liefern sie dennoch wertvolle ergänzende Informationen [siehe Kapitel «Alternatives to GDP» von Mitgliedern der CSRI Academy].

Neue Herausforderungen

Das BIP ist eine Messgrösse, die zur analogen Welt gehört, in der alle Produkte eine physikalische Form haben und alle wirtschaftlichen Aktivitäten traditionell durchgeführt werden. Mit der digitalen Revolution sind neue Produkte entstanden und wir sehen neue Geschäftsmodelle und auch die vorhandenen Geschäftsmodelle werden stark von neuen Technologien beeinflusst.

Virtuelle, immaterielle Angebote entstehen, wie beispielsweise elektronisch geteilte Musik oder Software, auf die in der Cloud zugegriffen oder dort genutzt werden kann. Die «Sharing Economy» ist entstanden, neue Arbeitsmodelle existieren heute und die Automatisierung verbreitet sich in den meisten Branchen.

Wie diese neuen Entwicklungen in wichtigen Wirtschaftsdaten abgebildet werden sollen, ist eine der Herausforderungen, mit denen sich Statistiker noch beschäftigen müssen [weitere Informationen in den Kapiteln «Measuring the Modern Economy with 1940s Methods» von Prof. Diane Coyle; «Main Challenges to GDP» von Nicholas Oulton].

Das CSRI und die beitragenden Autoren möchten mit dem Bericht «The future of GDP» die Debatte anregen und Entscheidungsträger und Wissenschaftler zur weiteren Analyse der Schwächen von BIP-Messgrössen bei gleichzeitiger Verwendung ergänzender Indikatoren der Wirtschaftsentwicklung anregen, um ein präziseres Bild des wirtschaftlichen Fortschritts und des sozialen Wohlstands zu erhalten.