Teilen ist das neue Kaufen
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Teilen ist das neue Kaufen

Die sogenannte «Sharing Economy» ist an sich keine neue Idee. Bereits im Mittelalter konnte sich die Allgemeinheit bei Klöstern Bücher ausleihen, Landwirte nutzen seit Jahrhunderten Gerätschaften und Arbeitskräfte gemeinsam und die erste bekannte Autovermietung entstand im Jahr 1904. Was allerdings neu ist, ist das Tempo, mit dem Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Teilen, Vermieten und Zusammenarbeit basiert, wachsen – was in erster Linie der Verbreitung von Smartphones geschuldet ist.

Es gibt 44 an der Sharing Economy orientierte Unternehmen in Privatbesitz, die als sogenannte «Unicorns» gelten – mit einem Wert von einer Milliarde Dollar oder mehr. Zusammen machen sie 35 Prozent des Gesamtwertes aller Unicorns aus, der bei 219 Milliarden US-Dollar liegt. Die Credit Suisse geht davon aus, dass deren Gesamtumsatz von 15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 bis 2025 auf 335 Milliarden US-Dollar steigen wird.

Nicht nur für Millennials

Die Credit Suisse hat drei Arten von Sharing-Economy-Unternehmen ermittelt: Privatpersonen, die ihre eigenen Güter und Dienstleistungen verkaufen oder vermieten (Airbnb, TaskRabbit); Plattformen, die ihren Mitgliedern das einfache Mieten von Gütern oder einen einfachen Zugang zu Dienstleistungen ermöglichen (Zipcar, eLance) sowie auf Zusammenarbeit ausgerichtete Websites, auf denen überwiegend nicht immaterielle Leistungen wie Produktbesprechungen (TripAdvisor, Yelp) oder Wissen (Wikipedia), aber auch greifbarere Dinge wie Finanzierungen (Kickstarter, Lending Club) ausgetauscht werden können.

Die Vorstellung liegt nahe, dass das Prinzip des Teilens nur junge oder finanzschwache Menschen anspricht, und dass es in einer gut funktionierenden Wirtschaft komplett verschwinden könnte. Nach Auffassung der Credit Suisse wäre dies jedoch eine Fehleinschätzung. Die Millennials (im Alter von 18–35) machen in den Schwellenländern 60 Prozent der zum Teilen bereiten Personen aus, in Industrieländern jedoch nur 40 Prozent.

In einer globalen Umfrage, die 2014 von der Marketingfirma Havas durchgeführt wurde, gaben 43 Prozent der Befragten im Alter von 35 bis 54 Jahren an, die Nutzung von Sharing-Dienstleistungen zu beabsichtigen – nicht wesentlich weniger als die 50 Prozent in der Altersgruppe zwischen 18 und 34. In einer Umfrage der Firma Nielsen aus demselben Jahr sagten 68 Prozent der weltweit Befragten, sie seien bereit, Dinge die sie besitzen zu teilen oder zu verleihen, während 66 Prozent angaben, sie seien bereit, sich Dinge von anderen auszuleihen.

Der Wohlfühlfaktor

Umfrageergebnissen zufolge übt das Teilen zudem einen zunehmenden philosophischen Reiz aus. Zwar wurden die Faktoren «Geld sparen» oder «Geld verdienen» in der Havas-Umfrage am häufigsten für die Nutzung von Sharing-Dienstleistungen genannt. Dicht gefolgt wurden sie jedoch von den Gründen, etwas Sinnvolles zu tun oder den eigenen CO2-Ausstoss zu reduzieren. Siebzig Prozent der Befragten gaben an, dass übermässiger Konsum ihres Erachtens unseren Planeten und die Gesellschaft gefährdet – zwar wollten sie nicht auf die angenehmen Seiten des Lebens verzichten, sehr wohl jedoch intelligenter konsumieren. Venture-Capital-Firmen ist dies nicht entgangen: Sharing-Economy-Unternehmen erhielten 24 Prozent des im zweiten Quartal 2015 beschafften Venture Capital.

Vier Sektoren – Unternehmensdienstleistungen, Finanzdienstleistungen, Transport sowie Reisen und Freizeit – haben sich als am günstigsten für neue Sharing-Modelle erwiesen.

Die Mitgliederzahlen von Car-Sharing-Anbietern wie Zipcar sind zwischen 2012 und 2014 um 65 Prozent gestiegen und Mitfahrportale, die Menschen, die eine Mitfahrgelegenheit benötigen, mit Menschen zusammenbringen, die freie Plätze in ihrem Auto haben, verzeichnen ebenfalls ein kräftiges Wachstum.

Der Credit Suisse zufolge dürften die wachsende Besorgnis der Verbraucher in Bezug auf Klimawandel und Nachhaltigkeit sowie die Unterhaltskosten für Fahrzeuge dafür sorgen, dass Car-Sharing-Dienste und Mitfahrportale weiterhin rasch wachsen, insbesondere in den Städten.

Die Urbanisierung, bessere Möglichkeiten zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, E-Commerce und eine zunehmende Zahl von Heimarbeitern tragen ebenfalls dazu bei, die Attraktivität von Car-Sharing als Alternative zum eigenen Auto zu steigern. Sowohl in Grossbritannien als auch in den USA entwickelt sich der Anteil junger Leute, die den Führerschein machen, bereits rückläufig.

Ergebnisse von in London durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass die Mitgliedschaft bei einem Car-Sharing-Anbieter wie Zipcar die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen ihr Auto verkaufen und den Plan verwerfen, sich zu einem späteren Zeitpunkt ein neues anzuschaffen.

Obgleich die Credit Suisse davon ausgeht, dass Car-Sharing letztlich zu einem weltweiten Phänomen wird, weisen die Autoanalysten der Bank darauf hin, dass es in den nächsten Jahren auf die Industrieländer beschränkt bleiben dürfte. In den Schwellenländern wird das Auto von Konsumenten der Ober- und Mittelschicht nach wie vor als Statussymbol betrachtet.

Zweite Heimat

Im Reise- und Freizeitsektor erwartet die Credit Suisse, dass Airbnb seinen Anteil am Hotelmarkt bis 2020 von 1 Prozent auf 5 Prozent steigern wird – und dabei sind Wettbewerber des Unternehmens wie HomeAway und Couchsurfing noch nicht berücksichtigt. Grosse Hotelketten nehmen die potenzielle Bedrohung durchaus ernst.

Hyatt beteiligte sich kürzlich an einer Finanzierungsrunde in Höhe von 40 Millionen US-Dollar für Onefinestay, der Luxusversion von Airbnb, und die Credit Suisse hält es für möglich, dass andere Hotelketten ähnliche Investitionen tätigen. Die Analysten der Bank sind der Auffassung, dass Apartment-ähnliche Unterkünfte für längere Aufenthalte am stärksten durch die Sharing Economy bedroht sind, da sie direkter mit Diensten wie Airbnb im Wettbewerb stehen.

Angesichts der steigenden Zahl von Freiberuflern in den USA dürften Plattformen, die Freiberufler mit Auftraggebern zusammenbringen (eLance oder Freelancer), und Anbieter gemeinschaftlich genutzter Arbeitsräume, die bei Bedarf Arbeitsplätze und Büros vermieten (WeWork, Workspace), ebenfalls rapide wachsen.

Die Anzahl der Co-Working-Büros in den USA hat sich in den letzten fünf Jahren jährlich verdoppelt und liegt nun landesweit bei 4000. Freelancing-Plattformen werden traditionellen Personaldienstleistern letzten Endes Marktanteile und Gewinne abjagen, doch für den Moment sind kleine und mittlere Unternehmen ihre grössten Kunden. Personaldienstleister konzentrieren sich in der Regel auf grosse Firmenkunden, und für dieses Marktsegment stellen LinkedIn und andere Personalbeschaffungstechnologien eine grössere unmittelbare Bedrohung dar.

Schnellere Finanzierungen

Im Finanzsektor machen Peer-to-Peer-Kredite und Crowd-Funding lediglich 1 bis 2 Prozent des gesamten Kreditvolumens aus. Allerdings verzeichnen Peer-to-Peer-Kredite in den USA und Europa jährliche Zuwachsraten von 30 Prozent. Wenn sich das Wachstum in dieser Geschwindigkeit fortsetzt, werden sie bis 2025 einen Anteil von 25 Prozent an den an kleine und mittlere Unternehmen vergebenen Krediten haben.

Die Tatsache, dass europäische und amerikanische Grossbanken nach der Finanzkrise die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen eingeschränkt haben, hat ebenfalls zum Wachstum bei Peer-to-Peer-Krediten und Crowd-Funding beigetragen, da diese Modelle sich in der Regel auf relativ kleine Kredite an Privatpersonen und Unternehmen konzentrieren.

Diese Finanzierungsplattformen stellen Gelder häufig schneller zur Verfügung als Banken. Zudem weisen sie geringere Gemeinkosten auf, da sie ausschliesslich online agieren. Es stellt sich die Frage, ob diese alternativen Finanzierungsquellen mit dem derzeitigen Tempo weiterwachsen können, wenn Straffungen im Hinblick auf das durch die expansive Geldpolitik geprägte Umfeld der letzten acht Jahre vorgenommen werden.

Diese Programme haben zahlreiche Kreditgeber angelockt, da sie hier in einem Umfeld, das ansonsten geringe Erträge bietet, Durchschnittsrenditen von 6 bis 8 Prozent erzielen können.

Während steigende Zinsen für eine Wachstumsverlangsamung bei Peer-to-Peer-Krediten sorgen könnten, stellt das Wachstum der Sharing Economy sowie von Direktfinanzierungen eine Neuerung dar, die von Dauer sein und regionalen Banken, die tendenziell kleinere Kredite vergeben, Konkurrenz machen dürfte.