Sharing Economy: Erschliessung neuer Anlagemöglichkeiten
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Sharing Economy: Erschliessung neuer Anlagemöglichkeiten

Sharing Economy ist ein von der Internetexpansion getragenes, viel beachtetes Anlagethema. Etablierte Giganten können von dieser Entwicklung beeinträchtigt werden, aber auch profitieren.

Für gewisse Chefs von nicht internetbasierten Firmen ist eine Begegnung mit Google wie ein «Rendezvous mit Joe Black». Im gleichnamigen Film trifft ein Medienmogul auf den Tod in Gestalt eines jungen Mannes. Traditionelle Firmen atmen zwar noch, aber Google erinnert sie daran, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Die Sharing Economy expandiert weiterhin rasant und hat auch das Potenzial, bestehende Branchen aufzumischen. Laut Crowd Companies könnten sich die Nutzungsquoten von Sharing-Diensten 2015 sogar verdoppeln. Und gemäss Nielsen sind global 68 Prozent der Erwachsenen bereit, Güter gemeinsam zu nutzen oder zu mieten. Sharing ist keine neue Idee. Weshalb wird sie gerade jetzt zu einer so umwälzenden Kraft? Hauptgrund ist die Verlagerung von physischen zu digitalen Angeboten. Letztere gewinnen immer mehr an Bedeutung, weil das Internet vermehrt auf mobile Kommunikationsgeräte und «Dinge» zugreift. Dies erlaubt eine effizientere und sicherere Koordination von Dienstleistungen zwischen Privaten (Peer-to-Peer, P2P) oder Unternehmen und ihren Kunden (Business-to-People). Viele Sharing-Internetplattformen und Community-Marktplätze wie Uber, Spotify und HomeAway gewinnen mittlerweile rasant immer mehr Nutzer. Anleger sollten nicht börsenkotierte, mit Risikokapital finanzierte Firmen wie Uber, Blablacar und Airbnb im Auge behalten, deren Graumarktwert sich auf USD 5 Mia. bis über USD 50 Mia. beläuft.

Bewertungen basieren auf Skaleneffekten

Warum scheinen Sharing-Firmen so attraktiv und werden viel höher bewertet als traditionelle Vermietungsunternehmen? PricewaterhouseCoopers (PwC) hat fünf Hauptsektoren identifiziert: P2P-Kredite und Crowdfunding, Online-Personaldienste, P2P-Unterkünfte, Carsharing sowie Musik- und Video-Streaming. Gemäss PwC dürfte der Umsatz in den nächsten zehn Jahren auf USD 335 Mia. steigen. Rund 50 Prozent dürften auf die neuen Sharing-Plattformen entfallen.

Investoren finden solche Wachstumsperspektiven attraktiv. Weitere Vorteile gegenüber traditionellen Vermietungsdiensten sind in ihren Augen die Struktur von Internetplattformen und die Skalierbarkeit ihrer Geschäftsmodelle. Firmen wie Uber, Airbnb und Just Eat (börsenkotiert) dienen v. a. als Drehscheiben, um viele Anbieter und Nutzer von Dienstleistungen mit einem Klick zusammenzubringen. Die Transaktionskosten liegen nahe null. Die Investitionen beschränken sich auf Aufbau, Anbieten und Unterhalt einer IT-Plattform, einer mobilen Applikation sowie eines einfachen und sicheren Zahlungssystems. Dieser Aufwand ist relativ niedrig und geht mit verkraftbaren Fixkosten einher. Zur Erreichung der Gewinnschwelle muss eine Plattform eine kritische Masse von Transaktionen generieren, für die die Firmen üblicherweise eine Kommission von 1–10 Prozent des Werts der genutzten Produkte oder Dienstleistungen belasten. Ist diese kritische Masse erreicht, tragen alle neuen Nutzer und Transaktionen zu einer Margensteigerung bei. Anleger sollten zur Bewertung eines «Neueinsteigers» zuerst die Nachhaltigkeit und potenzielle Grösse der Nutzerbasis eines Unternehmens analysieren. 

The Sharing Economy chart - de

Überschrift: Nutzerbasis der Sharing-Economy-Internetplattform in Millionen

Quelle: Unternehmensdaten, Credit Suisse

Bedrohung für etablierte Internetgiganten?

Nutzerbasis und Interaktionsrate sind auch für etablierte Akteure wie Facebook, Google, Amazon, LinkedIn oder Priceline.com wichtig. In den letzten drei Jahren stieg der Wert dieser börsenkotierten Internetfirmen um 80–300 Prozent, während die Umsätze um 20–30 Prozent jährlich wuchsen. Sind solche Wachstumsraten nun bedroht, da Sharing-Economy-Internetplattformen immer erfolgreicher werden? Könnten diese Neueinsteiger sich negativ auf Aktivitäten etablierter Unternehmen auswirken? Die Nutzer der neuen Internetplattformen interagieren noch viel weniger als Nutzer der Plattformen etablierter Unternehmen. Wachsen die neueren Plattformen weiter, könnten sie jedoch in neue Segmente expandieren und mit den Internetgiganten konkurrieren. Es ist logisch, dass internetbasierte Sharing-Plattformen wie Uber oder Airbnb andere Märkte wie Werbung und Einzelhandel anvisieren werden.

Auf die etablierten Internetgiganten kann sich das negativ und positiv auswirken. Wenn Konsumenten mehr mieten, beeinträchtigt das potenziell das Umsatzwachstum oder die Zahl der Internetsuchabfragen. Amazon und Google agieren allerdings bereits als Sharing-Plattformen und könnten in weitere Sharing-Angebote expandieren. Sie könnten zum Ausbau ihres Kerngeschäftes eine erfolgreiche neue Internetplattform übernehmen.

Der Trend zur Sharing Economy kann sehr positiv für soziale Medien wie Facebook und LinkedIn sein. Ihnen bietet sich durch das Angebot von «Identitäts- und Reputationsprofilen» eine Chance, ihre Datenbanken zu Geld zu machen. Vertrauenswürdigkeit und ein guter Ruf sind dabei entscheidend. Beide Unternehmen könnten über Log-ins und Verbindungen für Sharing-Unternehmen eine wichtige Rolle spielen.

Aus Anlegersicht dürfte sich die Sharing Economy als positiv für den Internetsektor erweisen, da sie zu einer vermehrten Internetnutzung führt. Neue und etablierte Anbieter von Internetplattformen schaffen weiterhin Mehrwerte, was vor allem auf Kosten traditioneller Akteure geht. Zudem müssen die Bewertungen die Attraktivität als Übernahmekandidat sowie den «Optionswert», d. h. das Potenzial für einen Vorstoss in neue Geschäftssegmente, reflektieren. Diese Unternehmen haben nicht zu unterschätzendes Umwälzungspotenzial.