Sicher, friedlich, neutral
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Sicher, friedlich, neutral

Grosse Zufriedenheit mit dem Land, viel Nationalstolz und Optimismus – läuft alles gut in der Schweiz?

Die Schweizerinnen und Schweizer sind ausserordentlich zufrieden mit ihrem Land. Aktuell sind 89 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sehr oder zumindest eher stolz auf die Eidgenossenschaft. Das sind zwar 5 Prozentpunkte (pp) weniger als im Rekordjahr 2015, entspricht aber dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre und ist umso höher zu gewichten, als keine signifikanten Unterschiede zwischen den Sympathisanten verschiedener Parteien oder den Bewohnern der einzelnen Landesteile festzustellen sind.

Nationalstolz ist weiterhin sehr hoch

Nicht nur beim Nationalstolz sind viele Befragte gleicher Meinung, auch bei der offen formulierten Frage, welche drei Dinge die Schweiz ausmachen, herrscht weitgehend Einigkeit. Ohne Stichworte zur Auswahl erhalten zu haben, bezeichneten die Schweizerinnen und Schweizer in den letzten Jahren fast immer «Sicherheit und Frieden», «Neutralität» sowie die «Landschaft» als die Hauptmerkmale der Schweiz. Diesmal haben 21 Prozent (+2 pp) der Bevölkerung Sicherheit und Frieden als wichtiges Charakteristikum der Schweiz genannt, 15 Prozent (–17 pp) die Neutralität, die im Marignano-Jubiläumsjahr Gegenstand intensiver Debatten gewesen war, sowie 14 Prozent (+1 pp) die Landschaft. All diese Aspekte sind grundlegend für das Verständnis der Schweiz als «Heimat» (10 Prozent), ein Begriff, den die Befragten offensichtlich lieber verwenden als jenen des «Patriotismus» (5 Prozent). 

Sicherheit, Frieden, Neutralität, Landschaft – Begriffe, die die Schweiz prägen.

Der auf Solidarität basierende «Sozialstaat» (11 Prozent) sowie die «Industrie» (10 Prozent) als Sinnbild einer intakten Wirtschaft tragen dazu bei, Sicherheit und Frieden im Innern zu bewahren. Ebenfalls wichtig sind den Schweizerinnen und Schweizern die «Meinungsfreiheit» und das «Mitspracherecht» (10 Prozent). Sie werden aber, auch im Langzeitvergleich, nicht ganz so oft genannt. Möglicherweise, weil sie ebenso sehr der persönlichen Verwirklichung wie dem Landesinteresse dienen. Die verschiedenen «Klischee-Eigenschaften» der Schweiz wie «Wohlstand», «Präzision», «Schokolade» oder «Uhren» werden demgegenüber nur von 5–6 Prozent als ein Hauptmerkmal des Landes angesehen.

Drei Kardinalstärken

Hinsichtlich der grössten Stärken der Schweiz herrscht bei den Stimmbürgern ein breiter Konsens. In den letzten Jahren erreichten jeweils «Neutralität» (36 Prozent), «Schweizer Qualität» (33 Prozent) und «Bildung» (30 Prozent) die meisten Nennungen als eine von fünf Hauptstärken. Während die Neutralität auf hohem Niveau gewissen Schwankungen unterworfen war, mit einer Spitze im Jahr 2008 (50 Prozent), verlaufen die Trends bei den beiden anderen Hauptstärken linearer.

Nach einem kontinuierlichen Anstieg bis zum Rekordwert im Jahr 2013 (46 Prozent) ist die Bildung nun allerdings dreimal in Folge von weniger Leuten als Stärke bezeichnet worden als im jeweiligen Vorjahr. Vielleicht bezeichnen gerade darum 93 Prozent der Schweizer die Förderung der Bildung als wichtiges politisches Ziel. In den Jahren 2012 bis 2014 wurde auch «Qualität » immer weniger oft genannt. Zuletzt hat sich dies aber wieder geändert. Vom Maximum der Jahre 2011/2012 (50 Prozent) ist man indes noch weit entfernt.

Die wichtigsten Stärken der Schweiz

Konstant hohe Zustimmung finden auch die Stärken «Ordnung und Sauberkeit » (24 Prozent), das «Mitspracherecht» (24 Prozent) und der «Frieden» (23 Prozent) – die beiden letzteren jedoch mit einem leicht abnehmenden Trend (2006 waren es jeweils 35 Prozent gewesen). Noch ausgeprägter ist dieser negative Verlauf beim «Zusammenleben der Kulturen» – hier haben sich die Nennungen im gleichen Zeitraum auf die Hälfte reduziert, von 36 Prozent auf 18 Prozent. Positiv verlaufende Trends sind hingegen bei der «Pharmaindustrie » (von 12 Prozent auf 24 Prozent) sowie beim «Gesundheitswesen» (von 15 Prozent auf 24 Prozent) festzustellen. Der Finanzplatz erreicht 21 Prozent, nachdem er in den Jahren 2009 bis 2014 nie über 20 Prozent kam. 

Der Wohnkanton wird wichtiger.

Eine zentrale Frage des Credit Suisse Sorgenbarometers lautet jeweils, welcher geografischen Einheit man sich in erster Linie zugehörig fühlt. Es scheint, als bahne sich in dieser Hinsicht landesweit eine Nivellierung an, nachdem noch bis 2011 die Wohngemeinde klarer Spitzenreiter war und danach von der Schweiz als Ganzes abgelöst wurde. Erstmals liegt nun der Wohnkanton (28 Prozent, +4 pp) vorn, aber nur knapp vor der Schweiz (25 Prozent, – 1 pp), der Wohngemeinde (22 Prozent, +3 pp) und der Sprachregion (18 Prozent, – 6 pp). Der Anteil der Schweizer und Schweizerinnen, die sich in erster Linie mit Europa oder der Welt identifizieren, ist nach einem Zwischenhoch im Jahr 2013 (12 Prozent) wieder auf 7 Prozent (0 pp) zurückgegangen. Trotz der festgestellten schweizweiten Nivellierung gibt es grosse regionale Unterschiede.

Die fünf grössten Bedenken nach Sprachregion

Egoismus und neue Armut

Die optimistische Grundhaltung, die bei der diesjährigen Befragung an vielen Stellen zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch im Blick in die Zukunft. Bei der Frage, ob sich die Situation in ausgewählten Bereichen verbessern wird, haben sich die Werte in den letzten zehn Jahren teilweise verdoppelt. Gerade beim «Zusammenleben» der Kulturen beziehungsweise der Sprachregionen, das gegenwärtig nur noch von einem knappen Achtel der Bevölkerung als Stärke bezeichnet wird, ist die Zuversicht besonders gross – über drei Viertel der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger erwarten hier eine mehr oder weniger ausgeprägte Verbesserung. Ebenfalls weit über zwei Drittel geben an, die Zusammenarbeit unter den wichtigsten Parteien werde sich verbessern und auch im Umweltbereich werde es Fortschritte geben.

Bemerkenswert ist die Einschätzung der Befragten in Bezug auf die Verbreitung der Armut. Hier befürchtet eine Mehrheit, dass sich die Situation verschlechtern wird. Dies ist ernst zu nehmen, umso mehr, als bei der Frage nach der Gefährdung der Schweizer Identität mittlerweile 65 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger den Egoismus nennen und damit nicht viel weniger als die Probleme mit der EU (68 Prozent) und die Einwanderung (77 Prozent). Bei allem Optimismus also: Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, ist keine Option.