Wie Impact Investing sich weiterentwickelt
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Wie Impact Investing sich weiterentwickelt

Impact Investing ist eine wachsende Industrie, die in den letzten Jahren stark an Popularität und Bedeutsamkeit gewonnen hat. Kein Wunder, so Harvard-Professor Michael Chu, denn der Anlagestrategie liegt das Konzept zugrunde, dass ein soziales oder ökologisches Problem anhand einer kommerziellen Plattform angegangen wird, was für viele Leute attraktiv ist. Aufgrund der hohen Nachfrage stehen vor allem die Einführung neuer und risikoadjustierter Produkte und das «Mainstreaming» des Marktes im Vordergrund.

Die neun Jahre alte Sara lernt fleissig in ihrem Klassenzimmer, das ein paar Stunden von Kampala entfernt liegt. Seit ein Lehrer in der Gemeinde letztes Jahr eine kleine Privatschule in der Nähe ihres Zuhauses eröffnet hat, geht sie wieder zur Schule. Zuvor hatte es noch so ausgesehen, als ob Sara die Grundschule wohl nicht abschliessen würde – die einzige Schule in ihrer Region war nur über einen sieben Kilometer langen und gefährlichen Fussmarsch zu erreichen, und zudem handelte es sich um eine öffentliche Schule, in der die Lehrer oft tagelang nicht zum Unterricht erschienen. Das Risiko und die Kosten waren hoch und die Bildungsergebnisse schlecht. Was hatte sich geändert? Der lokale Lehrer konnte einen Kredit von einer auf Bildungsfinanzierung spezialisierten Mikrofinanzinstitution erhalten und damit eine Schule bauen sowie Lehrer einstellen und ausbilden. Saras Eltern müssen eine geringe Gebühr bezahlen, dazu sind sie aber trotz ihres geringen Einkommens gerne bereit. Die Gebühr ist Teil des Cashflow der Schule, die damit den Kredit an die Mikrofinanzinstitution zurückzahlt, die dann ihre Anleger ausbezahlt – darunter Entwicklungsagenturen, Privatpersonen und Stiftungen.

Solche Unternehmenskonzepte und Investitionen in Firmen, die eine soziale und gleichzeitig eine finanzielle Rendite ermöglichen, haben in den letzten Jahren unter dem Begriff «Impact Investing» an Popularität gewonnen. Vor fünf Jahren fand am WEF in Davos erstmals eine «Impact Investment Session» statt und nur wenige Anlageinstitutionen beschäftigten sich damals mit dem Thema. Abigail Noble, derzeit CEO von The ImPact – einem Mitgliedernetzwerk wohlhabender Familien – und ehemalige Leiterin der Impact Investing Initiatives des World Economic Forum sowie Co-Autorin des 2012 publizierten WEF-Berichts «From the Margins to the Mainstream», hält fest, wie schnell sich der Markt in der Zwischenzeit entwickelt hat und an Bekanntheit gewann. So hat sich 2016 Papst Franziskus an der «Vatican Impact Investing Conference» für die Anlagestrategie eingesetzt und Prominente wie der Sänger Bono richten ihre Aufmerksamkeit auf diese Arten von Lösungen.

«Wir müssen geduldiges Kapital mobilisieren, das durch eine unternehmerische Herangehensweise an den Naturschutz sozial etwas bewegt und sich positiv auf die Biomasse auswirkt – das bedeutet Impact Investing für mich», so David Ryan. 2004 gründete der südafrikanische Unternehmer den Luxus-Reiseveranstalter Rhino Africa. Der Zweck des Unternehmens besteht darin, einen Beitrag zu Naturschutz und Bildung in Afrika zu leisten. Sein aktuelles Impact-Investing-Projekt, das die traditionellen Aktivitäten von Rhino Africa diversifiziert, kombiniert die Entwicklung eines luxuriösen Öko-Ressorts, der die ROI für das Projekt erzielt, mit der Schaffung von Arbeitsplätzen sowie der Wiederherstellung von Meeresfauna und Vogelwelt als soziale und ökologische Effekte.

Vermögenswerte mit Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien

Vermögenswerte mit Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien1

1 Zu dieser Kategorie gehören Vermögenswerte, die Nachhaltigkeits- bzw. ökologische, soziale und Governance-Kriterien (ESG-Kriterien) inklusive Anwendung von Positiv- und/oder Ausschlusskriterien erfüllen und dabei soziale und/oder ökologische Effekte berücksichtigen.

2 Die Daten 2015 wurden aufgrund einer aktualisierten Methodologie nachträglich angepasst.

Quelle: Credit Suisse

Wenn Wirkung und Rendite zusammentreffen

Experten wie der Harvard-Professor Michael Chu erklären Impact Investing folgendermassen: Es ist eine Anlagestrategie, die zum Ziel hat, eine messbare Antwort auf ein im Voraus definiertes soziales oder ökologisches Problem zu geben und die gleichzeitig eine finanzielle Rendite aufweist.

Dieser finanzielle Aspekt ist es auch, der Impact Investing von beispielsweise der Philanthropie unterscheidet. Im Mai 2017 publizierte das Global Impact Investing Network (GIIN) zum siebten Mal seine Studie «Annual Impact Investor Survey». Dabei gaben 98 Prozent der Befragten an, dass die resultierende soziale oder ökologische Wirkung ihre Erwartungen übertroffen habe, für 91 Prozent gilt dies ebenfalls für die finanzielle Performance. Diese Angaben weisen das Potenzial von Impact Investments vor allem vor dem Hintergrund auf, dass zwei von drei befragten Personen eine risikoadjustierte Marktrendite angestrebt haben.

«Intention ist entscheidend – man kann nur einmal per Zufall Impact Investor sein, danach möchte man entweder etwas bewusst bewirken oder nicht», erklärt Abigail Noble. Impact Investing ist für Anleger jedoch auch aus anderen Gründen attraktiv. Olivier Rousset, Leiter Impact & Philanthropy Solutions bei der Credit Suisse, weist beispielsweise darauf hin, dass Impact Investments auch bei volatilen Märkten eine interessante Anlage darstellen, um das Portfolio zu diversifizieren und Risiken abzusichern. Denn der Cashflow hängt meist nicht vom Kapitalmarkt ab, sondern vom Geschäftsbetrieb der sozialen Unternehmen, in die investiert wird. Und diese sind Teil der Realwirtschaft.

Sektoren, in welche Impact Investors Kapital anlegen: Verwaltete Vermögen (AuM) nach Sektoren

Sektoren, in welche Impact Investors Kapital anlegen: Verwaltete Vermögen (AuM) nach Sektoren

Ganzes Sample: n = 208 Teilnehmer/Innen = USD 113.7 Mia 

Quelle: GIIN, Annual Impact Investor Survey 2017

Eine schnelle Entwicklung des Marktes

Als die Credit Suisse vor rund fünfzehn Jahren ihr erstes Anlageprodukt im Bereich Mikrofinanz anbot und ResponsAbility, den nun weltweit führenden Asset Manager im Bereich von Development Investments, mitgründete, galt sie als Pionierin. Auch wenn es Rousset zufolge zu Beginn schwierig war, Investoren zu finden, stieg die Beliebtheit der Domäne fünf Jahre später rasant. Bis 2010 lag der Fokus bei der Credit Suisse ganz auf Mikrofinanz, bis die Bank andere Impact-Investment-Lösungen einführte. Zurzeit zählt die Bank ungefähr 5000 Kunden, die in Impact-Investment-Produkte investieren. Nebst institutionellen Kunden wie Pensionskassen, sind ein Grossteil Privatanleger. Erwartet wird eine weitere Ausdehnung des Marktes aufgrund des demografischen Wandels, auch da ein positiver sozialer und ökologischer Fussabdruck für jüngere Generationen wie die Millennials von grosser Wichtigkeit ist.

Das langfristige Wachstum des Impact-Investing-Sektors bedingt eine stabile und positive Entwicklung. «Banken wie die Credit Suisse können als Katalysatoren bei der nachhaltigen Entwicklung der Industrie agieren, denn sie treiben nicht nur die Entwicklung von Produkten an, sie könnten gleichzeitig auch durch Aktivitäten im Bereich Corporate Responsibility und Corporate Citizenship dazu beitragen, dass der Markt sich weiter vergrössert.» Laura Hemrika, Leiterin Corporate Citizenship & Foundations bei der Credit Suisse, fügt hinzu: «Die Credit Suisse hat ihre Corporate-Citizenship-Aktivitäten bewusst auf die technische Unterstützung und Kapazitätsaufbau ausgerichtet, um die Unternehmen nachhaltig zu stärken. Aber auch um dem Wachstumsengpass der Industrie entgegenzuwirken, der aufgrund eines Mangels an Management und operationeller Expertise entstand.»

Bandbreite der im Impact Investing eingesetzten Instrumente: AuM nach Instrumenten

Bandbreite der im Impact Investing eingesetzten Instrumente: AuM nach Instrumenten

Ganzes Sample: n = 208 Teilnehmer/Innen = USD 113.7 Mia. 

Quelle: GIIN, Annual Impact Investor Survey 2017

Produktinnovation ist ein wichtiger Treiber des sich schnell entwickelnden Sektors und trägt dazu bei, diesen einem grösseren Kunden- und Investorenstamm zugänglich zu machen. Derzeit sind direkte Anlagen prinzipiell den wohlhabendsten Kunden vorbehalten. Zum einen liegt es in der Verantwortung der Banken, so Professor Chu, nebst der Bereitstellung von Kundenberatung und -aufklärung auch entsprechende Anlageprodukte zu strukturieren, was für die Erklärung der finanziellen und sozialen Rendite von Impact Investing von wesentlicher Bedeutung ist. Kunden investieren dabei in Fonds oder strukturierte Produkte, die Beteiligungen auf Grundlage ihrer finanziellen und sozialen Performance auswählen und dann beide überwachen. Aufgrund der diversifizierten Zusammensetzung der Produkte können landesspezifische Risiken gemindert werden. Zu den direkten Investitionen sind solche Lösungen eine attraktive Alternative mit geringerem Risiko.

Die Credit Suisse tat sich 2014 mit Prodigy Finance zusammen, einer innovativen Plattform zur grenzüberschreitenden Kreditvergabe. Gemeinsam brachten sie ein neues Fixed-Income-Produkt, die «Higher Education Note 1», auf den Markt. Dabei erhalten talentierte internationale Studenten, die oft grösstenteils aus Entwicklungsländern stammen, Darlehen für das Studium an Topuniversitäten, die sie sonst nicht besuchen könnten. Anleger erhalten durch diese Investition in künftige Führungskräfte und in die Hochschulbildung eine finanzielle und soziale Rendite. Nachdem sich ein neues Produkt auf dem Markt bewährt hat und eine gute Performance vorzuweisen hat, so Rousset, kann es wiederholt aufgelegt werden. Inzwischen gibt es bereits die Higher Education Notes 5 und 6.

Visionen und neue Geschäftsmodelle

In den letzten Jahren dominierten vor allem Investitionen in Entwicklungsländern, doch zeichnet sich bei Kunden in Europa und in den USA auch ein Interesse dafür ab, etwas im Heimatmarkt zu bewirken. Aus diesem Grund, erklärt Rousset, untersucht man derzeit Impact-Investing-Lösungen, die Unternehmen in der Schweiz und Europa finanzieren, welche eine klare soziale oder ökologische Mission haben. Das grosse Potenzial unterstreicht auch Professor Chu: «Es gibt ein enormes Potenzial, in diesen Regionen kommerzielle Plattformen zu verwenden, um den weniger privilegierten Bürgern und Bürgerinnen Zugang zu Dienstleistungen zu verschaffen, die ihnen ein besseres Leben ermöglichen.»

Manche Unternehmen wurden erst gegründet und haben Professor Chu zufolge neue sowie «disruptive» Geschäftsmodelle entwickelt, die das Potenzial haben, eine grosse soziale oder ökologische Wirkung zu erzielen. Daher ist Risikomanagement von wesentlicher Bedeutung und Banken spielen dabei gemeinsam mit der Hilfe lokaler, spezialisierter Partner eine Schlüsselrolle.

Um erfolgreich zu sein, benötigen diese neuen Geschäftsmodelle nebst Kapitalspritzen auch Fähigkeiten und Know-how sowie ein günstiges Geschäftsumfeld, welche leider oft nicht genügend entwickelt sind. Nach der Einführung von Mikrofinanz-Lösungen bei der Credit Suisse habe man mit der Zeit festgestellt, dass Investment Manager oft vor die Herausforderung gestellt waren, dass Firmen, in die potenziell investiert hätte werden können, meist nicht die nötigen operationellen und Führungskompetenzen hatten, die für den effizienten und verantwortungsvollen Ausbau des Sektors notwendig sind, erklärt Laura Hemrika. Auch wenn Investitionskapital vorhanden gewesen wäre, wäre dadurch das Wachstum des Sektors nicht vorangetrieben worden. Sie ergänzt: «Als Bank mit einem strategischen Corporate-Citizenship-Ansatz stellten wir fest, dass wir die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen besitzen, um selbst aktiv bei der Entwicklung des ganzen Marktes, von Mikrofinanz-Firmen sowie anderen sozialen Unternehmen auf organisatorischer Ebene mitzuwirken. So führten wir die Microfinance Capacity Building Initiative ein.»

Eine Frage des richtigen Zeitpunktes

Die 2008 lancierte Initiative, kurz MCBI genannt, nutzt gezielt finanzielle und fachliche Synergien: Über philanthropische Beiträge werden Partner in der Region finanziert, die Mikrofinanz-Unternehmen und andere soziale Firmen in ihrer Entwicklung unterstützen und Innovation fördern. Solche Frühphaseninvestitionen – ob in Form von Spendengeldern oder anderem Startkapital –, die keine oder eine geringere finanzielle Rendite erwarten, spielen eine wichtige Rolle für die Entwicklung dieser Firmen. Dadurch schaffen sie eine solide Grundlage für Anschlussinvestitionen von beispielsweise institutionellen oder privaten Kunden, welche ein geringeres Risiko eingehen und eine höhere Rendite möchten.

Gleichzeitig wird das Mitarbeiterengagement durch Initiativen wie das durch Corporate Citizenship geleitete Global Citizens Program ermöglicht. Bei diesem arbeiten Mitarbeitende der Credit Suisse direkt vor Ort mit rund 75 Mikrofinanz-Institutionen und Fintechs zusammen, teilen ihr Wissen und bauen lokale Kapazitäten auf – zum Beispiel im Risikomanagement, im Marketing, im HR- oder im IT-Bereich. Dieser umfassende Ansatz, so Rousset, habe einen äusserst positiven Einfluss auf die Qualität der Impact-Investing-Produkte, die stark von der stabilen und positiven Performance der Unternehmen abhängt.

Wie wird der soziale oder ökologische Einfluss gemessen?

Dem Reporting zur wirtschaftlichen Performance und der Messbarkeit der sozialen wie ökologischen Wirkung kommt im Impact Investing eine grosse Wichtigkeit zu. In den vergangen Jahren hat der Impact-Investing-Sektor hierzu unterschiedliche Ansätze entwickelt, doch verwenden Finanzinstitute und andere Unternehmen oft selbst entwickelte Ansätze, so dass es bis zu einer Standardisierung der Impact-Messung noch ein weiter Weg ist, ähnlich wie es damals bei der einheitlichen Messung von Finanzkennzahlen der Fall war. In David Ryans Fall lautet die Frage: Wie können die sozialen und ökologischen Effekte seiner Impact Investments gemessen werden?

Schlussendlich ist der direkte und positive Einfluss auf soziale und ökologische Faktoren die Eigenschaft, die Impact Investing von anderen Anlagestrategien unterscheidet. David Ryan erklärt lachend: «Kunden und Investoren können die Umwelt und die Tiere, zu deren Erhalt sie beitragen, erleben. Das geht über abstrakte Zahlen auf Papier hinaus – sie sind echt.»