Russland: Wertfalle oder günstiger Einstiegszeitpunkt?

Die Lage auf Russlands Finanzmärkten ist alles andere als rosig. Dennoch bieten gewisse Sektoren Potenzial für Wertsteigerungen, allen voran der Detailhandel, IT oder Immobilien. Ein Interview mit Anna Väänänen, Portfoliomanagerin bei der Credit Suisse.

Die vom Westen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen gegen Russland zeigen offenbar Wirkung. Gibt es noch weitere Faktoren, die zur gegenwärtigen Malaise beitragen?

Die Lage, in der sich Russland gegenwärtig befindet, ist das Ergebnis verschiedener Entwicklungen. Die Sanktionen, die im Zuge des Ukraine-Konflikts verhängt wurden, bereiten Russland natürlich die grössten Sorgen. Denn sie beschränken die russischen Unternehmen im Zugang zu den Kapitalmärkten und lähmen so die Investitionstätigkeit. Seit Juni beobachten wir zudem einen drastischen Rückgang der Ölpreise (-45 Prozent). Das hat Folgen, denn der Export von Rohöl ist eine der grössten Einnahmequellen Russlands. Der sinkende Ölpreis und das fehlende Vertrauen in die Wirtschaft infolge der westlichen Sanktionen haben den Rubel geschwächt. Die russische Notenbank arbeitet auf einen frei konvertierbaren Rubel hin. Die Entscheidung, den Rubel zu jenem Zeitpunkt frei floaten zu lassen, an dem der Ölpreis und die Sanktionen auf die Währung durchzuschlagen begannen, hat unseres Erachtens zu einer Überreaktion geführt. Während der sinkende Ölpreis einen schwerwiegenden Negativfaktor darstellt, ist ein schwacher Rubel mehrheitlich positiv für die exportorientierte Wirtschaft.

Glauben Sie demnach, dass die Sanktionen schon bald aufgehoben werden könnten?

In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die Sanktionen von der EU zwar nicht aufgehoben, aber auch nicht verlängert werden. Das würde bedeuten, dass die ersten (kleinen) Sanktionen Ende März 2015, die grösseren Sanktionen im Spätsommer 2015 eingestellt würden.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Probleme in der Region rasch gelöst werden können. Denn die Ukraine war bereits vor Ausbruch der aktuellen Krise ein gespaltenes Land, nur dass die Gräben in den letzten Monaten noch vertieft wurden. Der Konflikt dürfte, wie so viele andere, auf eine Pattsituation hinauslaufen und allmählich aus den Schlagzeilen verschwinden. Der Fokus kann dann wieder auf die Fundamentaldaten der russischen Wirtschaft gerichtet werden.

Der RTS testet Fünfjahres-Tiefstwerte – ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, russische Aktien zu kaufen oder stellen sie nach wie vor eine Wertfalle dar?

Wenn es um russische Aktien geht, folgen die Anleger ihrem Bauchgefühl und nicht den Fundamentaldaten. Doch sowohl absolut als auch relativ betrachtet verfügen russische Aktien über Wertpotenzial. Damit sich die Anleger wieder auf die Fundamentaldaten besinnen, müssen sich zuerst der Ölpreis und der Rubel stabilisieren. Weitere umfassende wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen halte ich für unwahrscheinlich. Und angesichts der aktuellen Bewertungen braucht es keinen übermässigen Optimismus, um zu erkennen, dass russische Vermögenswerte Aufwärtspotenzial verfügen, sobald die Krise ausgestanden ist. Für Anleger, die von der langfristigen Entwicklung überzeugt sind und über einen Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren verfügen, bietet sich möglicherweise jetzt eine der besten Einstiegsgelegenheiten.

In welchen Bereichen verfügt der russische Markt über Wertpotenzial – welche Sektoren bevorzugen Sie?

Wir sehen zurzeit in einer Reihe von Sektoren gute Gelegenheiten, von soliden strukturellen Wachstums-Stories zu profitieren.

Der Lebensmitteleinzelhandel gehört zu den von uns favorisierten Branchen. Auf den organisierten Einzelhandel entfällt nur etwa 50 Prozent des Marktes. Aufgrund der steigenden Lebensmittelpreisinflation und der immer höheren Importkosten bekunden viele kleine und unabhängige Lebensmittelhändler Mühe, ihre Waren zu vernünftigen Preisen anzubieten. Daher dürfte der organisierte Einzelhandel in den kommenden Jahren seinen Marktanteil auf Kosten der kleinen, nicht organisierten Händler ausbauen.

Auch der Wohnungsbau ist ein attraktiver Sektor. In diesem Bereich herrscht ein enormes strukturelles Angebotsdefizit - ein Erbe der alten Sowjetunion. Dank der starken Nachfrage können die in diesem Sektor tätigen Unternehmen derzeit einen Grossteil ihrer Produktion im Voraus verkaufen. Noch nie waren Immobilien so erschwinglich wie heute. Wohnungsbauer verzeichnen beim Verkauf neuer Eigenheime denn auch ein stabiles Wachstum, derweil die aufgestaute Nachfrage laut Meldungen ein Volumen von sieben Produktionsjahren erreicht hat.

Innerhalb des Konsumsektors gibt es ebenfalls neue Bereiche, die ein dynamisches Wachstum bieten. IT- und Internetunternehmen verzeichnen ein Umsatzwachstum von 25–35 Prozent jährlich.

Welche Marktsektoren würden Sie meiden?

In unseren Portfolios sind staatlich kontrollierte Unternehmen untergewichtet. Derzeit lässt sich eine veränderte Einstellung der Regierung gegenüber privaten Öl- und Gasunternehmen beobachten. In den letzten Jahren hat der Staat vermehrt die Kontrolle über den Energiesektor an sich gezogen. Die Akquisition von TNK-BP und Alliance Oil sowie die Verstaatlichung von Bashneft sind nur die jüngsten Beispiele für diesen Trend. Nach unserem Dafürhalten sendet die Regierung eine klare Botschaft aus: die Einnahmen aus dem Energiesektor gehören dem Staat. Und jetzt, da die Wirtschaft schwächelt und potenziell höhere Sozialausgaben getätigt werden müssen, um die Lebensmittelpreisinflation zu kompensieren, rechnen wir nicht damit, dass staatliche Unternehmen Dividenden ausschütten werden. Obwohl der Markt begonnen hat, diesen Trend zu eskomptieren, dürfte es noch Enttäuschungen geben. Die meisten Staatsunternehmen sind in wachstumsschwachen Sektoren tätig. Aber ohne Wachstum und ohne Dividenden sehen wir auch keine Investitionsanreize. Unter den gegebenen Umständen müssen solche Unternehmen tatsächlich als Wertfalle bezeichnet werden.

Zum Schluss: Wie würden Sie die aktuelle Situation in Russland für einen Anleger kurz zusammenfassen?

Wenn ein Aktienmarkt – wie in Russland geschehen – von einer auf die Marktstimmung gestützten Verkaufswelle erfasst wird, rücken die unternehmensspezifischen Fundamentaldaten rasch einmal in den Hintergrund. In diesem Umfeld bieten sich Stock Picker gute Gelegenheiten. Sobald sich der Ölpreis stabilisiert, der Rubel nicht mehr weiter abwertet und die Ukraine-Krise aus den täglichen Schlagzeilen verschwindet, werden die extremen Bewertungen wieder Kapital in den russischen Aktienmarkt locken – davon gehen wir jedenfalls aus. Die russische Wirtschaft dürfte in den kommenden ein, zwei Jahren zwar kein grosses Wachstum erleben, doch wie alle Schwellenländer verfügt Russland über strukturelle Bereiche, in denen Unternehmen, die zeitgemässe Produkte und Dienstleistungen anbieten, Marktanteile hinzugewinnen und ein zweistelliges Wachstum erreichen können.