Roger Federer und die Schweizer Denkweise
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Roger Federer und die Schweizer Denkweise

Sein glückliches Händchen zeigt sich nicht nur auf dem Tennisplatz. Roger Federer hat in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur USD 100 Millionen an Preisgeldern gewonnen, sondern hat auch sehr viel Geld mit Sponsoring, Management und anderen Unternehmungen gemacht – und das nicht immer auf konventionelle Art und Weise.

Seine Leistungen als Sportler sind offensichtlich: «Der beste Tennisspieler aller Zeiten» sagt schon alles. Weniger bekannt sind seine Geschäftserfolge.Da sind die erstklassigen Sponsoring-Beziehungen, von denen er einige persönlich angebahnt hat. Da gibt es die direkte Ausweitung seiner Aktivitäten ins Sportmarketing, die Präsidentschaft im ATP Spielerrat und die Gründung eines neuen Turnieres. Darüber hinaus hat er auch noch eine mehrere Millionen Schweizer Franken schwere Wohltätigkeitsorganisation aufgebaut. Roger Federer und sein Manager Tony Godsick verraten im Gespräch mit der Credit Suisse einige Erfolgsgeheimnisse.

Tennis ist mein «Hauptgeschäft», aber es geht dabei nicht ums Geld

Als Wunderkind im Teenageralter fielen Roger Federer nicht als erstes die Einnahmen, sondern die Ausgaben auf. Er erinnert sich: «Man muss seine Flüge, Hotels, Mahlzeiten, Trainer, Ausrüstung bezahlen; das summiert sich schnell zu hohen Beträgen», insbesondere wenn man die damals bescheidenen Mittel seiner Eltern bedenkt. Seine ersten Gewinne wurden daher als Betriebskapital in die Familienkasse investiert. «Nach einer Weile verdiente ich genug, um mir Flüge in der Business Class leisten zu können. Solche Flüge sind eine Investition, da sie dafür sorgen, dass man ausgeruht am Ziel ankommt und demzufolge besser spielen kann. Irgendwann konnte ich dann den Traum leben – ich konnte spielen, die Ausgaben decken und davon leben.» Auch heute, im 20. Jahr seiner Profikarriere, geht es beim Tennis immer noch darum, den Traum zu leben. «Auf dem Platz ist es immer noch der gelbe Filzball, der mich motiviert», so Roger Federer, «nicht die Geschäftsleute und Rechtsanwälte.»

Die Suche nach dem eigenen Weg beim Management

Abseits des Tennisplatzes hat sich Roger Federer wesentlich stärker mit der Wirtschaft beschäftigt als die meisten seiner Tenniskollegen. 2004 bis 2005 kümmerte er sich rund 18 Monate lang – zusammen mit seinen Eltern, seiner damaligen Freundin (jetzt Frau) und einem lokalen Rechtsanwalt – selbst um alle seine Angelegenheiten. Selbstmanagement ist bei Tennisprofis so gut wie unbekannt; für ihn führte es jedoch zu sechs Grand-Slam-Titeln und zahlreichen Deals abseits des Platzes. Er denkt zurück: «Ich habe sehr viele Erfahrungen gesammelt und sehr viel gelernt. Die Tatsache, dass ich mich damals aktiv um alles kümmern musste, ist auch der Grund dafür, warum ich heute so stark in meine geschäftlichen Unternehmungen involviert bin.» Nichtsdestotrotz kehrte Roger Federer schliesslich zum traditionellen Managementansatz zurück und stellt einen externen Manager ein, um vor allem seine Familie zu entlasten. «Meine Frau kümmerte sich um die Presse, meine Eltern und der Rechtsanwalt kümmerten sich um die Verträge. Sie mussten im Umgang mit Geschäftspartnern hart sein und das alles wurde irgendwann zu viel.» Mitte 2005 unterzeichnete er dann einen Vertrag mit der Sportagentur IMG und dem Agenten Tony Godsick. Diese Entscheidung machte sich definitiv bezahlt: In jedem der darauffolgenden neun Jahre (2007 bis 2015) verdiente Roger Federer mehr Geld abseits des Tennisplatzes als alle anderen Profispieler.

Auf dem Platz ist es immer noch der gelbe Filzball, der mich motiviert, nicht die Geschäftsleute und Rechtsanwälte.

Die Weitergabe von Managementerfahrung an andere

Auch in diesem Bereich ist sein Erfolg beispiellos. Tony Godsick erinnert sich: «Vor zwanzig Jahren hatte einer der besten Spieler einen zehnjährigen Sponsorenvertrag mit einer Marke und das war damals eine Sensation.» Im Vergleich dazu hat Roger Federer derzeit sieben solcher Verträge mit einer Laufzeit von über zehn Jahren. Das Duo Godsick-Federer funktionierte so gut, dass sie beschlossen, auch in anderen Bereichen zusammenzuarbeiten. Einer dieser Bereiche war das Management anderer Spitzensportler: 2013 gründeten sie ihre eigene Agentur namens TEAM8. Der Name «Teammate» ist Programm, erklärt Tony Godsick. «Wenn ein Athlet, der seinem Agenten sagt ‹Lass mich in Ruhe, sorg einfach dafür, dass ich Geld verdiene›, zu uns kommt, dann sind wir nicht die richtige Agentur für ihn. Wenn ein Athlet mit einem Agenten gleichberechtigt zusammenarbeiten will, dann sind wir die richtige Agentur.» Sowohl Tony Godsick als auch Roger Federer halten fest, dass TEAM8 eine Boutique mit einer kleinen Anzahl an Spitzensportlern ist. Eine weitere Unternehmung für das Duo ist die Schaffung eines neuen Turniers, des Laver Cup. Diese nach dem Vorbild des Golfturniers Ryder Cup gestaltete Teamveranstaltung wird das erste Mal im September 2017 stattfinden. Die meisten der weltbesten Spieler haben bereits ihre Teilnahme zugesagt und zwei Tennislegenden, Björn Borg und John McEnroe, haben eingewilligt, Captains der im Turnier konkurrierenden Teams zu sein.

Schaffung einer Win-win-Situation

Auf dem Platz kann natürlich nur einer gewinnen. Roger Federer hat aber gelernt, dass es im Geschäftsleben am besten ist, Siege zu teilen. In dieser Hinsicht hat er in den Jahren 2008 bis 2014 während seiner Zeit als Präsident des Verbandes professioneller Tennisspieler, dem ATP-Spielerrat, eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Die Spieler besitzen in einem 50/50-Verhältnis mit den Turnierveranstaltern die ATP Tour, in deren Rahmen jährlich ca. 60 Turniere auf der ganzen Welt veranstaltet werden. Als Roger Federer die Leitung als Player President übernahm, wusste er bereits, dass sich das Verhältnis bei den Gewinnen verschoben hatte und die Organisatoren mehr verdienten als die Spieler. Dennoch war ihm klar, dass es in einer Verhandlung wichtig ist, die andere Seite zu verstehen: «Ich wollte nicht, dass sich die Organisatoren und Spieler gegenseitig bekämpfen. Sie sollten uns dankbar sein, dass wir spielen, und wir sollten ihnen dankbar sein, dass sie sich um uns kümmern. Wir brauchen eine Partnerschaft und nicht ein Kriegsgebiet.» Nach langwierigen Verhandlungen überzeugten Roger Federer und die anderen Spitzenspieler die Organisatoren, die Einnahmen grosszügiger zu teilen, insbesondere mit den Kollegen auf den unteren Tabellenrängen, die Schwierigkeiten bei der Deckung ihrer Ausgaben haben. «Ich wollte mich um Spieler auf allen Stufen kümmern – von dem Spieler, der kein Geld verdient, über den Spieler, der ein bisschen Geld verdient, bis hin zu dem Spieler, der viel Geld verdient. Die Verhandlungen waren hart, aber am Ende waren sowohl die Spieler als auch die Organisatoren zufrieden.»

Praktisch zurückgeben

Roger Federer begann bereits relativ jung, im Alter von 22 Jahren, sich philanthropisch zu engagieren. Er erinnert sich: «Der Gedanke, dass ich der Gesellschaft etwas zurückgeben sollte, dass ich in einer besonders guten Position bin, um Spenden zu sammeln und ein Bewusstsein für Themen zu schaffen, die nichts mit Tennis zu tun haben, der kam von meinen Eltern.» Ja, aber für welche Themen? Roger Federer traf seine Entscheidung in seiner, laut Tony Godsick für ihn typischen methodischen Art der Entscheidungsfindung. Tony Godsick erklärt: «Roger wurde klar, dass er etwas bewirken könnte, aber er war nicht so überheblich, zu denken, er könnte die Welt im Alleingang retten – er wusste, dass er seine Bemühungen fokussieren musste.» Also beschloss er, sich auf Projekte zugunsten von Kindern zu konzentrieren. «Als ich das erste Mal an der professionellen Tour teilnahm, wiesen mir die Turnierveranstalter oft Tennis-Workshops mit Kindern zu», erinnert sich Roger Federer. «Mir wurde klar, dass mir die Arbeit mit Kindern Spass macht.» Dann entschied er sich, zu Ehren des Heimatlands seiner Mutter, Südafrika, für die Region südlich der Sahara als sein geografisches Ziel. Und schliesslich wählte er als Themenschwerpunkt Bildung, die Federer als ein Gut ansieht, «das denjenigen, die davon profitieren konnten, nie mehr weggenommen werden kann und an dem im südlichen Afrika ein enormer Bedarf besteht.» Mit den Jahren wurde die Roger Federer Foundation immer erfolgreicher: 2015 konnten CHF 5 Millionen für die Bildung von einer Viertelmillion sozial benachteiligter Kinder eingesetzt werden.

Gestaltet sich Erfolg immer gleich? Ja und Nein.

Sport, Sponsoring, Veranstaltungsorganisation, Philanthropie … seine Rolle ändert sich jeden Tag und auch während des Tages. «Ich kann recht einfach von einer Rolle zur nächsten wechseln», so Roger Federer. «Es handelt sich jedoch um verschiedene Welten. Über Philanthropie zu sprechen, ist völlig anders, als über mein Tennisspiel zu sprechen. Tennis lebe ich jeden Tag. Im Bereich der Philanthropie gibt es so viele Menschen, die so viel mehr darüber wissen als ich. Ich bin zwar der Präsident meiner Wohltätigkeitsorganisation, aber ich weiss nicht alles. Ich lerne immer noch dazu. Im geschäftlichen Bereich habe ich eine enge Freundschaft und Beziehung mit Tony. Im Tennis habe ich eine tolle Beziehung zu den Coaches, den Fitnesstrainern und meinem Team.» Tony Godsick merkt an, dass es in allen Bereichen ein gemeinsames Element gibt und das ist Roger Federers Schweizer Lebenseinstellung. «Die Menschen reden über Rogers ‹Swissness›. Meiner Meinung nach bezeichnen sie damit Präzision, Qualität, Bescheidenheit und sinnvolles Handeln. So verhält er sich und das ist seine Persönlichkeit. Alles, was er tut, ist First Class.»