Roger Federer: Langfristig denken
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Roger Federer: Langfristig denken

In der zweiten Januarhälfte wird Roger Federer erneut bei einem Grand-Slam-Turnier antreten, diesmal bei den Australian Open 2017. Eine besondere Herausforderung für die Tennislegende, denn Federer hatte nach einer Knieverletzung eine sechsmonatige Pause eingelegt. Wie wird das Comeback laufen, und wie geht es anschliessend weiter? Lesen Sie, was er selbst dazu sagt.

Für einen professionellen Tennisspieler sind Sie relativ alt und als Person sind Sie relativ reich. Trotzdem geben Sie immer noch 100 Prozent. Warum lehnen Sie sich nicht zurück und setzen sich zur Ruhe?

Mir gefällt das, was ich tue, und es wird vermutlich nicht ewig so weitergehen. Irgendwann werde ich mich natürlich zur Ruhe setzen, und dann werde ich nie wieder professionell Tennis spielen. Deshalb möchte ich jetzt das Beste daraus machen und es solange wie möglich geniessen. Mein Ziel ist immer noch, die Besten zu schlagen, die wichtigsten Turniere zu gewinnen. Wenn ich das nicht mehr kann, dann muss ich mich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob ich weitermache. Aber ich bin zu nahe an der Spitze, habe zu viel Spass daran und spiele zu gut, um jetzt aufzugeben. Was das Geld angeht, so ist es für mich und meine Familie angenehm, finanziell abgesichert zu sein. Aber das ist für mich nicht ausschlaggebend. Für mich lautet die Frage: Spiele ich immer noch gerne? Und meine Antwort lautet entschieden: Ja.

Ab Juli 2016 nahmen Sie eine Auszeit, um eine Verletzung auszukurieren. Dadurch versäumten Sie die Olympischen Spiele. Wie gross war die Versuchung, weiterzuspielen und eine Goldmedaille anzustreben?

Es war hart, als ich nach Wimbledon erkannte, dass mein Knie nicht in Ordnung war. Anfang 2016 hatte ich bereits die French Open und einige andere Turniere versäumt, aber ich hoffte, für die Olympischen Spiele und die US Open wieder fit zu sein. Wenn es ein Turnier gibt, das man in seinem Leben gewinnen möchte, dann sind das die Olympischen Spiele. [Anmerkung der Redaktion: 2008 gewann Federer Gold und 2012 Silber.] Aber erstens wollte ich nicht das Risiko eingehen, mein Knie dauerhaft zu schädigen und ein gebrochener alter Mann im Ruhestand zu werden. Ich möchte ein normales Leben mit meiner Familie führen. Zweitens lautete das medizinische Urteil, dass ich nach einer Pause, um mein Knie zu kurieren, 2017 durchaus wieder zurückkehren und noch einige Jahre an der Spitze spielen könnte. Das war auch meine eigene Meinung. Und genau das habe ich vor.

Mein Ziel ist immer noch, die Besten zu schlagen, die wichtigsten Turniere zu gewinnen.

Sie haben sich länger an der Spitze gehalten als die meisten heutigen Tennisspieler. Warum?

Ein Grund dafür ist mein Spielstil. Ich spiele mit hoher Schlagkraft, aber vermutlich mit einer geringeren Wucht als einige andere Topspieler. Ich setze meinen Körper und meinen Geist weniger Stress aus. Ausserdem gehöre ich einer neuen Generation von Spielern an, die bereits früh in ihrer Karriere auf sich selbst geachtet haben. Ich trainiere nicht nur, um stärker zu werden und besser zu spielen, sondern auch, um Verletzungen zu vermeiden. Als ich Ende der 1990er Jahre damit begann, an professionellen Turnieren teilzunehmen, war der Gedanke, eine Masseuse, einen Physiotherapeuten und einen Fitnesstrainer zu haben, eine Neuheit. Heute haben das so gut wie alle Topspieler.

Sie verlieren nicht oft, aber wenn es doch passiert, wie fassen Sie wieder Tritt?

Aus Niederlagen lernt man definitiv mehr als aus Siegen. Es gibt immer etwas, was man anders hätte angehen können oder müssen. Manchmal ist der Gegner aber einfach gut. Manchmal wird man einfach übertroffen. So oder so ist es jedoch wichtig, etwas Positives an der Erfahrung zu finden, selbst wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Eine positive Haltung ist wichtig.

Aus Niederlagen lernt man definitiv mehr als aus Siegen.

Roger Federer

Wie stark konzentrieren Sie sich bei der Vorbereitung auf Matches auf sich selbst und wie stark auf den Gegner?

Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. In meinen frühen Jahren konzentrierte ich mich stärker darauf, was ich tun sollte, und nicht so sehr auf das, was die Gegner machten. Dann gab es eine Phase, in der ich mich stärker auf die Gegner konzentrierte. Mittlerweile schliesst sich der Kreis: Heute konzentriere ich mich auf beide, aber immer noch etwas stärker auf mich. Ich mag die zuversichtliche Geisteshaltung, die es mir erlaubt, mich zuerst auf mein Spiel zu konzentrieren und dann erst auf die Taktik des Gegners.

Sie haben seit Juli kein Turnier mehr gespielt, um Ihr Knie auszukurieren – wie läuft das?

Es war überraschend einfach und angenehm. Zunächst war ich etwas enttäuscht über die verpassten Turniere, aber dann begann ich, nach vorne zu schauen. Wenn ich wieder an der Tour teilnehme, wird es spannend werden und viel Spass machen. Der verborgene Nutzen der Verletzung war, dass ich plötzlich viel mehr Zeit hatte. Deshalb setzte ich mich hin und schrieb eine Liste aller Dinge, die ich tun wollte – insbesondere mit meiner Frau und den Kindern – und wir haben mehr zusammen gemacht als je zuvor. Glücklicherweise bin ich sehr flexibel: Es gibt viele Orte, an denen ich trainieren und trotzdem mit ihnen zusammen sein kann.

Der verborgene Nutzen der Verletzung war, dass ich plötzlich viel mehr Zeit hatte.

Sie haben eben erst Ihr Comeback auf der Tour gegeben?

Ja, ich habe am australischen Hopman Cup teilgenommen und werde nun die Australian Open spielen. Man hofft natürlich immer, dass man mit einem Knalleffekt zurückkehrt und von Anfang an richtig erfolgreich ist. Es könnte aber auch vier bis fünf Turniere dauern, bis ich sehe, wo ich mit meinem Spiel stehe. Es gibt keine Garantie, deshalb bin ich vorsichtig, aber auch optimistisch. Mein Ziel ist es, auf die Spitzenränge zurückzukehren.

Wie unterscheidet sich Ihre Vorbereitung auf eine neue Saison von dem, was Sie zu Beginn Ihrer Karriere taten?

Sie sieht ganz anders aus, nicht zuletzt, weil ich jetzt eine Frau und vier Kinder habe. Ausserdem ist die Maschinerie heute gut geschmiert. Ich weiss genau, was ich tun muss und habe ein bewährtes Team um mich, das mir dabei hilft. Mir bleibt nur, es einfach anzupacken.