Aktienanlagen in Robotik-Unternehmen: Zeit, dem Portfolio Maschinen beizumischen?
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Aktienanlagen in Robotik-Unternehmen: Zeit, dem Portfolio Maschinen beizumischen?

Angus Muirhead, Anlagespezialist für den Bereich Robotik bei der Credit Suisse, skizziert die neuesten Trends bei Industrierobotern, künstlicher Intelligenz und Automatisierung und erörtert Chancen und Risiken dieser Sektoren aus Aktionärssicht.

Credit Suisse: Künstliche Intelligenz ist in jüngster Zeit hochaktuell. Nimmt das Interesse an derartigen Anlagen Ihrer Ansicht nach zu?

Angus Muirhead: Ja, Robotik liegt eindeutig im Trend. Ich halte es aber für unmissverständlicher, von Automatisierung zu sprechen, denn mit «Robotik» assoziieren viele sofort Roboter, die Fabrikarbeit verrichten. Der Begriff «Automatisierung» (in Bezug auf Soft- oder Hardware) schliesst zum Beispiel auch Bancomaten mit ein. Solche Maschinen sind genauso Roboter wie Ihr Geschirrspüler oder Ihre Kaffeemaschine. Roboter wie diese begleiten uns also schon seit längerer Zeit, jetzt aber nimmt das Interesse zu, weil deutlich intelligentere Automatisierungssysteme zu sehr geringen Preisen verfügbar sind. Diese Dynamik steigert die Marktchancen in völlig neuem Ausmass und somit wohl auch das Interesse an Aktienanlagen im Bereich Robotik.

Ist der Zug für potenzielle Robotik-Anleger also schon abgefahren?

Nein, keineswegs. Die Durchdringungsrate in Bezug auf Robotik ist immer noch sehr tief: Es gibt noch keine vollständig fahrerlosen Fahrzeuge auf unseren Strassen, die meisten Haushalte besitzen keinen Staubsaugerroboter und in der verarbeitenden Industrie hat ein Grossteil der Unternehmen gerade erst angefangen, mit Robotern zu experimentieren. Daher dürfte noch ein langer Weg vor uns liegen. Wir sind überzeugt, dass wir heute erst ganz am Anfang stehen.

Was müssen Anleger tun, um den Automatisierungstrend optimal zu nutzen?

Ich empfehle grundsätzlich einen diversifizierten Ansatz und einen langfristigen Anlagehorizont. Anleger müssen sich aber bewusst sein, dass es sich hierbei um einen spezialisierten Technologiebereich handelt. Man kann nicht einfach einen Zeitungsartikel lesen und anschliessend Aktien der dort genannten Technologieunternehmen kaufen, denn nicht selten haben diese ihre Zukunft bereits hinter sich. Um zu erkennen, welche Unternehmen über entscheidende technische und Wettbewerbsvorteile verfügen und in den nächsten fünf bis zehn Jahren den Markt beherrschen könnten, müssen wir uns gründlich in die Materie einarbeiten. Bei unseren Anlageentscheiden gehen wir dann äusserst selektiv vor.

In welchen Branchen dürfte sich die Automatisierung am stärksten auswirken?

Die grössten Marktchancen liegen wohl immer noch in der Produktion, da die meisten Hersteller bis jetzt kaum oder nur in sehr geringem Mass Roboter einsetzen.

Um die Kosten, die Gefahren und die Komplexität eines Robotereinsatzes zu rechtfertigen, nutzen heutzutage nur Hersteller mit hohen Produktionsmengen und einer sehr eingeschränkten Produktpalette die Robotertechnologie. Die aktuellen technologischen Möglichkeiten senken die Kosten allerdings beträchtlich und machen den Gebrauch von Robotern einfacher und sicherer. Ihre Einsatzmöglichkeiten in der Produktion werden dadurch massiv erweitert.

Es gibt auch völlig neue Anwendungen für Automatisierung, Roboter und künstliche Intelligenz, namentlich im Gesundheitssektor, im Bereich Infrastruktur, wo derzeit viel von «Smart Cities» die Rede ist, sowie im Büroumfeld, wo die Automatisierung durch Software erfolgt. Hier dürften die grössten Wirkungen auftreten, da Roboter auf diesen Gebieten bisher kaum eingesetzt wurden.

Wo sehen Sie das schnellste Wachstum: in der künstlichen Intelligenz, in der Präzisionstechnik oder in beiden zusammen?

In der Technologie verschieben sich die Werte von Hard- zu Software sowie immer mehr auch zu Big Data und künstlicher Intelligenz. In der Robotik dürfte eine vergleichbare Entwicklung anstehen. Immer «schlauere» Software – insbesondere Systeme, die Aspekte der künstlichen Intelligenz nutzen – sorgt zunehmend dafür, dass sich der Einsatz von Robotertechnologie und Automatisierungssystemen in immer mehr Branchen lohnt und auszahlt. Noch lassen sich die Gewinner im Bereich künstliche Intelligenz aber nicht voraussagen, denn obschon wir sehr weit gekommen sind, befinden wir uns nach wie vor in einem äusserst frühen Stadium. Für die nächsten Jahre rechne ich mit Hunderten von neuen Start-ups, die physische Roboter sowie Software und Lösungen aus dem Bereich künstliche Intelligenz entwickeln und sich dabei auf ganz konkrete, eng umrissene Einsatzmöglichkeiten ausrichten.

Mit welchen Problemen müssen wir angesichts der beschleunigten technologischen Entwicklungen rechnen?

Historisch betrachtet haben Innovation und Technik wiederholt zu Arbeiteraufständen und häufig auch zu sozialen Unruhen geführt. Manche Wirtschaftssektoren sind hierfür deutlich anfälliger als andere. In Supermärkten beispielsweise ersetzt die Selbstbedienungskasse zunehmend die Kassiererinnen und Kassierer, genauso wie Bancomaten in den letzten 40 Jahren viele Bankschalter ersetzt haben. Natürlich kann man sich über solche Disruptionen beklagen, Fakt ist aber, dass sich der technologische Fortschritt kaum aufhalten lässt. Am besten bietet man Betroffenen wohl Weiterbildung und Unterstützung an, um Roboter und Technologien umfassender zu nutzen, statt sich von ihnen verdrängen zu lassen.

Die Frage der Sicherheit will ebenfalls sorgfältig bedacht sein. Je mehr Automatisierungssysteme wir weltweit einführen und je stärker wir von ihnen abhängig werden, desto wichtiger wird das Thema Cybersicherheit. Bei einer hohen Wahrscheinlichkeit von Hackerangriffen würde niemand sein Zuhause vollständig automatisieren oder in ein selbstfahrendes Auto einsteigen wollen. Sicherheit dürfte weltweit zu einem brisanten und wichtigen Thema werden, insbesondere, da sich Technologien immer rasanter verbreiten. Doch auch der demographische Wandel und die globale Ungleichheit spielen dabei eine wichtige Rolle.

Sollten wir uns also eher auf Menschen verlassen, als auf Maschinen?

Ich denke, dass wir Menschen instinktiv mehr trauen als Maschinen, aber ich bezweifle, dass dies immer die logischste Reaktion ist. Wahrscheinlich erzielen Menschen mit der Unterstützung von Robotern und künstlicher Intelligenz in vielen Bereichen auf effizientere, konsistentere und womöglich sogar sicherere Weise wesentlich präzisere Ergebnisse. Schon heute zeigen Operationsroboter, hoch entwickelte Fahrerassistenzsysteme und die Analyse grosser Datenmengen (Big Data Analytics), dass dies möglich ist.

Der Einsatz von vollautonomen Maschinen dürfte von Aufsichtsbehörden und Regierungen sehr genau unter die Lupe genommen werden. Unsere Wahrnehmung ist mitunter jedoch etwas verzerrt: Menschen dürfen Fehler begehen, aber bei Maschinen sind Fehler inakzeptabel. Dahinter steht die Überzeugung, dass Fehler bei Maschinen auf einen Defekt zurückgehen, während sie beim Menschen halt einfach zum Naturell gehören.

Maschinen, und vor allem mit künstlicher Intelligenz ausgerüstete Maschinen, bergen ein enormes Verbesserungspotenzial für die Welt des Menschen und können das Leben normaler Leute weltweit positiv beeinflussen. Wenn wir diese Vorteile durchdenken und realisieren, dürfte unser Vertrauen in Maschinen steigen.