Robert J. Shiller: Angst vor der nächsten Blase

Professor Robert J. Shiller über säkulare Stagnation, den rasanten technischen Fortschritt und die Parallelen zwischen guten Investitionsentscheidungen und dem Diagnostizieren einer psychischen Erkrankung.

Wer gute Investitionsentscheidungen treffen will, muss laut Robert J. Shiller zunächst verstehen, wie der menschliche Verstand funktioniert: «Gutes Investieren ist ein wenig wie das Diagnostizieren einer psychischen Erkrankung: Man muss die Preisbildung von Vermögenswerten verstehen, um etwas finden zu können, das momentan unterbewertet ist und sich später verbessern wird. Man muss also die Ursprünge des menschlichen Denkens verstehen. Damit haben Sie noch mehr mit der Tätigkeit eines Psychiaters gemeinsam, als Sie denken.»

Als Förderer einer Bewegung namens Behavioral Finance ist Shiller überzeugt, dass «das menschliche Gehirn darauf programmiert ist, in Geschichten zu denken», und dass narratives Denken grossen Einfluss auf Anlageentscheidungen hat. Somit sind es Geschichten, die Vermögenspreise steigen und sinken lassen, und die bei entsprechender Verstärkung zu Fehlbewertungen und Marktblasen führen können. Dieser Faktor wird oft unterschätzt und von vielen übersehen.

Das Zeitalter der Angst

Die Gegenwart bezeichnet Shiller als «Zeitalter der Angst». Tatsächlich verändert sich die Welt schnell und das Tempo der Veränderungen kann erschreckend sein. Dies gilt insbesondere für den Fortschritt der neuen Technologien: Mit ihm Schritt zu halten ist nahezu unmöglich.

Die Zahl der neuen Geräte und Anwendungen ist überwältigend, doch bei aller Faszination und Nützlichkeit führen sie auch zu Zukunftsängsten. Wie wird die Welt in 20 Jahren aussehen? Wie wird sich der Arbeitsmarkt verändern? Welche Fähigkeiten werden künftig verlangt und geschätzt? Niemand kann diese Fragen beantworten. Shiller sieht daher folgende Entwicklung: «Das führt dazu, dass man die Welt als eine andere wahrnimmt, als eine Welt, die wesentlich riskanter als früher ist. Es ist auch eine ungleiche Welt. Ich glaube, dass die Angst vor Ungleichheit derzeit grösser wird.»

Die wachsende Ungleichheit und der rasante technische Fortschritt bilden zusammen mit der säkularen Stagnation ein ungünstiges Dreigestirn, das für das verantwortlich ist, was Shiller die «neue Normalität» der heutigen Wirtschaft nennt. «Wenn Menschen Angst haben, möchten sie mehr sparen und weniger ausgeben. Dies schwächt die Wirtschaft, treibt aber gleichzeitig die Preise von Vermögenswerten in die Höhe.» Heizt die derzeitige Angst den Boom der neuen Normalität an?

Der Milleniumboom und der Boom der Besitzergesellschaft

Wenn Robert J. Shiller über frühere Boomphasen spricht, verweist er auf sein Buch «Irrational Exuberance» (deutscher Titel: «Irrationaler Überschwang»): «In meinem Buch analysiere ich die Booms als epidemisch auftretende Ideen oder Geschichten, die einem bestimmten Anlageansatz Vorschub leisten und bestimmte Arten von Fehlbewertungen verursachen. Ich wollte den Booms einen Namen geben, so wie man etwas diagnostizieren möchte.»

Die Gründe für den Milleniumboom (1982–2000) sieht der Professor in neuen Erfindungen wie dem Internet, in der allgegenwärtigen Faszination der Wirtschaft und geopolitischen Veränderungen. Die Menschen wurden von der nahenden Jahrtausendwende inspiriert und gaben sich rosigen Visionen hin, getragen von der allgemeinen Erwartung, dass mit dem Wechsel der Tausenderstelle Grosses geschehen würde.

Der zweite Boom – der Boom der Besitzergesellschaft (2003–2007) – leitet seinen Namen von einer Formulierung ab, die George W. Bush in seinem Präsidentschaftswahlkampf verwendete. Bush propagierte den Gedanken, dass jedermann ein Kapitalist und Eigentümer werden solle, als Weg zum Wohlstand. Wie sich herausstellte, war er sehr überzeugend. Diese Geschichte macht Shiller für das Aufblähen der Besitzergesellschaft verantwortlich.

Die beiden zuvor von Shiller definierten Booms wurden von überzogenem Optimismus verursacht. Die «neue Normalität» stammt dagegen aus einem ganz anderen Umfeld. Die Welt hat soeben die Finanzkrise überwunden, und die Angst vor einer weiteren Depression überschattet die Wirtschaft. Die Bedingungen sind alles andere als rosig, Pessimismus ist weit verbreitet. Daher mag ein Wirtschaftsboom zum jetzigen Zeitpunkt paradox erscheinen. Dennoch macht sich Shiller, wenn er über die Gegenwart spricht, «Sorgen wegen überhöhter Preise und der Art von Geschichten, die derzeit im Umlauf sind.»

Die Zeit wird es zeigen

Die Zeit wird zeigen, ob Shillers Sorgen unbegründet oder gerechtfertigt sind. Kein Expertensystem, und sei es noch so fortschrittlich und wissenschaftlich, kann die nächste Spekulationsblase vorhersagen. Letztendlich sind es menschliches Verhalten und menschliche Entscheidungen, die die Märkte antreiben. Diese beiden Faktoren sind für jedes System bei Weitem zu unberechenbar und unbeständig.