«Es war intellektueller Jazz»
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«Es war intellektueller Jazz»

Richard Saul Wurman erfand die Innovationskonferenz TED. Sein Ansatz: Er überlegte sich, wen er gerne zu einer Dinnerparty einladen würde. Es kam das «Who is Who» des modernen Amerikas.

Herr Wurman, viele visionäre Ideen, die unser Leben heute prägen, wurden an Ihren TED-Konferenzen erstmals vorgestellt und diskutiert. Gleich die erste Austragung 1984 war legendär. Erinnern Sie sich?

Ich spreche eigentlich nicht gerne über meine Vergangenheit.

Würden Sie vielleicht eine Ausnahme machen für uns?

Also gut. Bei der ersten Konferenz kam der Präsident von Sony USA und verteilte kleine Scheiben, die wie runde Spiegel aussahen. Das war die erste CD – doch niemand wusste etwas damit anzufangen oder hatte ein Abspielgerät. Danach kündigte Nicholas Negroponte die Gründung des MIT Media Lab an [heute eines der weltweit führenden interdisziplinären Institute rund um Technologie und Medien, Anm. d. Red.]. Benoît Mandelbrot sprach über fraktale Geometrie – nur verstand es niemand, sein Assistent musste auf die Bühne kommen und es erklären. An der Konferenz liess Steve Jobs erstmals Macintosh-Computer vorstellen und Lucasfilm präsentierte 3D-Grafiken, aus denen später Pixar wurde [ein Animationsstudio für Filme, das bisher 12 Oscars gewann, Anm. d. Red.]. Auf diese Art und Weise ging es weiter.

Sie haben unzählige Trends frühzeitig erkannt und die relevanten Persönlichkeiten eingeladen. Wie machen Sie das? 

Ich habe die Gabe, dass ich Muster erkenne und ein paar Jahre im Voraus sehe, was kommen wird. Es ging mir aber nie darum, einfach etwas Besseres als das Bestehende zu finden. Tesla wäre kein Fall für mich; das ist ein sehr gut gemachtes Auto mit einem elektrischen Motor, aber keine bahnbrechende Idee. Sogar selbst fahrende Autos sind eigentlich nicht viel mehr als Pferde, denen man Räder anschnallt.

Was ist ausreichend revolutionär für Sie?

Google zum Beispiel – das wurde auch an einer TED-Konferenz angekündigt. Ich machte eine Austragung mit dem Motto «Geeks & Geezers» [sinngemäss: «Streber und alte Knacker», Anm. d. Red.]. Auf der Bühne durften nur unter 30 – oder über 70-Jährige auftreten. In der Geeks-Kategorie waren Larry Page und Sergey Brin, die Google vorstellten. Bei mir lernten die beiden übrigens auch John Hanke kennen, dessen Firma Google später kaufte und daraus Google Earth entwickelte. Ein anderer Typ namens James Gosling sprach auch an dieser Veranstaltung, er stellte seine neue Programmiersprache vor. Sie hiess Oak, später wurde daraus Java [eine der bedeutendsten Programmiersprachen, Anm. d. Red.].

Meine TED-Konferenzen waren Innovation durch Beschränkung.

Richard Wurman

Wir schweifen ab – was zeichnet nun wahre Innovation aus?

Meiner Meinung nach gibt es fünf Arten, etwas Neues zu tun. Ich nenne es das ANOSE-Modell, benannt nach der Nase, an der man sich kratzt, wenn man nach einer Idee sucht.

A steht für…?

…«Addition». Hier ist das iPhone das klassische Beispiel. Apple hat nichts Neues erfunden, aber eine innovative Art gefunden, Bestehendes zusammenzusetzen. Sie bringen 100 oder sogar 200 Technologien in ein Gerät.

N ist…?

…«Need», ein Bedürfnis. Innovation entsteht oftmals dort, wo Menschen etwas brauchen.

O…?

… steht für «Opposite», das Gegenteil: Niels Bohr, der grosse dänische Physiker und spätere Nobelpreisträger, führte legendäre Auseinandersetzungen mit Einstein. Er sagte sinngemäss: «Wenn jemand eine bahnbrechende Idee hat, ist das Gegenteil davon oftmals auch bahnbrechend.» Aus dieser Haltung sind viele grosse Dinge geboren. Als man den ersten «Schwarzen Raucher» [hydrothermale Quellen auf dem Grund der Tiefsee, Anm. d. Red.] im Pazifik fand, war man erstaunt, wie viel Leben es dort gab. Gänzlich ohne Sonnenlicht! Das änderte das ganze Bild vom Leben, das die Biologie bis dahin hatte.

Wofür steht S?

… «Subtraktion». Meine TED-Konferenzen waren Innovation durch Beschränkung: keine langen Einführungen, keine langen Vorträge, keine Kleidervorschriften, kein Rednerpult, keine vorgeschriebenen Reden. Und ganz wichtig: kein Silo-Denken, sondern eine breitgefasste, interdisziplinäre Themenauswahl. Ich wählte die Gebiete, die ich mochte: Technologie, Entertainment und Design, aus diesen Anfangsbuchstaben setzt sich TED zusammen. Es war intellektueller Jazz.

Wie wussten Sie, dass für eine Rede die Länge von 18 Minuten richtig ist?

Ich wusste es nicht – und gewisse Gäste sprachen auch länger. Gibt es keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu einem Thema, dann entscheidest du einfach. War jemand aber wirklich langweilig, habe ich ihn oder sie einfach von der Bühne gezerrt.

Bleibt noch E. Das steht für...?

... «Epiphany», eine Offenbarung.

War die TED-Konferenz die beste Idee, die Sie je hatten? 

O mein Gott, auf keinen Fall. Wir sprechen nur darüber, weil Sie mich danach fragen. Mich interessiert nur, was meine nächste Idee ist. Ich hoffe immer, die sei die beste. Sobald ich etwas gemacht habe, langweilt es mich, und ich suche das Nächste.

Meistens bin ich der Dümmste im Raum.

Richard Wurman

Darum verkauften Sie TED im Jahr 2002?

Mein Ziel war, die Konferenz mit jeder Ausgabe besser zu machen, und nach 18 Jahren und 12 Austragungen reichte es einfach. Schauen Sie, ich habe in meinem Leben etwa 90 Bücher geschrieben, aber von den meisten habe ich kein Exemplar im Regal. Ich glaube nicht an Vermächtnisse. Ich mache keine Werbung, keine PR, niemand bucht Auftritte für mich, ich habe nicht einmal einen Verleger.

Sie sind studierter Architekt und Grafiker. Was können Sie eigentlich am besten?

Unsere Welt beruht darauf, dass man sich sehr für ein Gebiet interessiert und sich darin vertieft – das Repertoire der meisten Menschen ist klein, aber tief. Ich hingegen bin ein Ignorant, ohne jegliche Expertise. Dafür ist mein Repertoire unlimitiert. Meistens bin ich der Dümmste im Raum. Das hat den Vorteil, dass ich derjenige bin, der am meisten lernt. Das war auch die Idee von TED. Es war grossartig für das Publikum, aber eigentlich ging es nur um mich.

Sie wählten allein aus?

Genau – es gab kein Auswahl-Komitee. Die TED-Konferenzen waren die Dinner-Einladungen, die ich immer wollte, die ich zu Hause aber leider nicht haben konnte.

Mich interessiert nur, was meine nächste Idee ist.

Richard Wurman

Schauen Sie sich die aktuellen TEDs an, die unterdessen für alle im Internet abrufbar sind?

Nein, nie. Mich interessiert meine Vergangenheit nicht. Ich habe 30 Reiseführer und ein Buch über die olympischen Spiele von 1984 geschrieben, das sich 3,3 Millionen Mal verkaufte. Aber das ist mir alles völlig egal!

Was bedeutet Ihnen Erfolg?

Ich lebe sehr gut. Das Geld macht das Leben angenehm. Aber es interessiert mich schon länger nicht mehr, davon noch mehr anzuhäufen. Das braucht zu viel Zeit, die ich lieber für anderes brauche.

In Ihrem Leben haben Sie keinen einzigen Tweet abgesetzt. Warum nicht?

Warum sollte ich das tun? Ich habe ein Facebook-Profil, aber jemand in meinem Büro pflegt es für mich. Ich schaue mir gelegentlich Profile von anderen Menschen an und hinterlasse auch mal einen Kommentar, aber es braucht zu viel Zeit. Instagram oder Twitter habe ich nicht.

Wenn ich wüsste, wie etwas geht, würde ich es nicht tun.

Richard Wurman

Aber die Sozialen Medien sind doch revolutionär!

Sie werden eine Zeit lang da sein, und dann sind sie plötzlich weg. Wenn ich in ein nettes Restaurant gehe und sehe, dass alle Gäste an ihren Smartphones hängen, finde ich das eher eine Katastrophe.

Zum Schluss: Können Sie etwas über Ihr nächstes Projekt verraten?

Es heisst «Aisle» [Mittelgang auf Deutsch, Anm. d. Red.] und es geht um den leeren Ort, der zwischen Eheleuten steht oder zwischen den Parteien im Parlament. Ich will im Projekt nur Fragen stellen, keine Antworten geben. Es geht um die grossen Themen Gesundheit, Reichtum, Bildung und Umwelt. Noch habe ich eine Heidenangst davor, wie ich das schaffen soll.

Aber Sie haben doch so viel Erfahrung mit solchen Projekten!

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Erfahrung finde ich nicht gut. Wenn ich wüsste, wie etwas geht, würde ich es nicht tun.