Reverse Mentoring. Generation Y coacht Babyboomer

Die Innovationskraft eines Unternehmens hängt eng mit der erfolgreichen Durchmischung seiner Mitarbeiter-Generationen zusammen. Um diese zu fördern, hat die Credit Suisse ein vielversprechendes Projekt lanciert: Reverse Mentoring.

In einer Ecke der Talackerbar in der Züricher City sitzen sich zwei Männer, ein junger und ein älterer, in bequemen, samtenen Retrosesseln gegenüber und unterhalten sich angeregt. Sie sind schon eine Weile da; ihre leeren Teller wurden bereits abgeräumt und die beiden Espressi auf dem dünnbeinigen Tischchen sind fast ausgetrunken. Abends ist hier das Licht gedimmt und die Musik laut, doch jetzt, am frühen Nachmittag, nachdem die meisten jungen Banker wieder am Schreibtisch sitzen, kann man sich gut unterhalten. Passend zur Vintageeinrichtung ist die Musik, nach Neil Young und Bob Dylan klingt nun Cat Stevens' – «Father and Son» aus den Boxen.

Ordnung im Social-Media-Salat

Anders als im Song gibt hier der Ältere, er heisst Daniel Niggli und ist dreiundfünfzig, dem achtundzwanzigjährigen René Schrackmann keine Tipps mit auf den Weg. Umgekehrt jedoch schon, denn Niggli und Schrackmann, beide Angestellte der Credit Suisse, nehmen am Reverse Mentoring Projekt ihres Arbeitgebers teil. «Normalerweise ist es in solchen Programmen ja so, dass sich jemand mit einer gewissen Seniorität einer jüngeren Person annimmt. Hier ist es nun umgekehrt», erklärt Schrackmann. Doch worüber unterhalten sich die beiden und zu welchen Themen berät der Jüngere den Älteren? «Bei uns sind es die typischen Themen, bei denen die sogenannte Generation Y den Babyboomern meist voraus ist: Social Media war mein grosses Thema, zu dem ich in den vergangenen Monaten viel von René gelernt habe. Aber auch Zeitmanagement und Multitasking – mich interessierte generell, jemanden dieser Generation näher kennenzulernen. Ohne eigene Kinder fehlte mir ein solcher Zugang», erzählt Niggli. Konkret wünschte sich Niggli einen Überblick über die verschiedenen Social Media Plattformen und er gesteht: «Ich war erleichtert, festzustellen, dass auch die Jungen nicht gleich alles als wichtig erachten und nicht überall mitmachen.» Schrackmann pflichtet ihm bei: «Selektiv vorgehen, das ist der Trick.» Und so ist eine der Hausaufgaben, die Niggli vor Ende des Mentoringprojekts noch abgeschlossen haben soll, die Errichtung je eines Linkedin- und Xing-Accounts – Schrackmann droht ihm ansonsten, nicht mehr mit ihm essen zu gehen. Ebenso kamen die beiden zum Schluss, dass es sinnvoll wäre, Nigglis in die Jahre gekommenes Smartphone  durch ein modernes Mobiltelefon zu ersetzen, um beispielsweise das praktische whatsapp nutzen zu können.

Über Generationenbrücken zu mehr Innovation

«IT-Themen stehen, zumindest am Anfang der Gespräche, bei den meisten Mentoringpaaren im Vordergrund», bestätigt Paula Langer, die Zuständige für das Reverse Mentoring Programm bei der Credit Suisse. Auslöser für das von Diversity and Inclusion entwickelte Programm, das im In- und Ausland bereits mit grossem Interesse verfolgt wird, war ein Referat im Jahr 2010 von Heike Bruch, Professorin der Uni St. Gallen. Sie zeigte auf, dass die Innovationskraft von generationendurchmischten Teams in Firmen mit gutem Demographie-Management massiv höher ist, als dort wo der Brückenschlag zwischen den Generationen nicht stattfindet. Langer dazu: «Gerade für sehr grosse Unternehmen, die rasch einmal als träge wahrgenommen werden, ist es eine Herausforderung, trotzdem innovativ zu bleiben. Wenn wir mit diesem Programm dazu beitragen können, unsere Innovationskraft zu steigern, leisten wir einen sehr schönen Beitrag für Mitarbeiter wie Kunden.» Das Programm startete 2010/11 als Pilotprojekt und soeben ging im Februar 2015 der erste offizielle Zyklus zu Ende. Er beinhaltet einige Fixpunkte wie ein Kick-off-Meeting zu Beginn, gefolgt von einem Workshop mit allen Teilnehmern und einem weiteren, kleineren Workshop in der Mitte des Programmes, der von den Generationen einzeln besucht wurde. Das Ende bildete ein gemeinsamer Abschlussevent.

Bestätigte und unbestätigte Stereotypen

«Den Workshop zu Beginn fand ich sehr anregend. Wir waren sehr aktiv und in Bewegung, diskutierten, referierten und hörten anderen zu», erzählt Schrackmann. «Es ging unter anderem darum, die Reibungsflächen zwischen der Generation Y und den Babyboomern näher zu betrachten. Da wurden Stereotypen provoziert, wie der Twen, der, wenn möglich, alle zwei Monate den Job wechselt oder der Senior, der das Internet noch nie gesehen hat. Generell haftet aber den meisten Vorurteilen ein Körnchen Wahrheit an», erläutert er weiter. Das Paar Niggli/Schrackmann hielt sich in seinen Gesprächen schon sehr bald nicht mehr an den Leitfaden, den sie zu Beginn erhalten hatten, auch wenn dieser sehr gut sei, wie beide betonen. Doch in ihrem Fall flossen die Gespräche auch so. Bei der Frage, wo man sich denn jeweils zu den Gesprächen getroffen habe, lachen beide laut auf. «Genau da hat man den Generationenunterschied sehr gespürt», erzählt Niggli. Der erste Vorschlag kam von ihm, dem Älteren. Damals trafen sie sich in der distinguiert ruhigen Simplon Bar. Seither wechseln sie sich immer ab und schätzen beide das Entdecken von Neuem: «Auf die Talackerbar wäre ich selber nie gekommen, aber ich stelle fest, wir können uns überall gut unterhalten, solange es der Lärmpegel zulässt», schmunzelt Niggli. Schrackmann nickt und meint: «Das Matching hat bei uns wirklich ausserordentlich gut funktioniert, und auch wenn ich eigentlich der Mentor bin, läuft das Mentoring nicht selten in beide Richtungen. Daniel ist seit 35 Jahren bei der Credit Suisse – da ist es für mich enorm spannend, eine solche Karriere vor mir ausgebreitet zu sehen, und mir dabei zu überlegen, wie sie mit meiner eigenen Zukunftsplanung übereinstimmt und auch seine Meinung dazu zu hören.»

Einbahnstrasse mit erwünschtem Gegenverkehr

Als gegenseitiges Geben und Nehmen erlebt auch ein anderes Reverse-Mentoring-Paar das Programm: Thorsten Düser, der 50-Jährige und Nesret Ljimani, sein 29-jähriger Mentor. Allerdings ist die Mentoringbeziehung dieser beiden anders gelagert als im Fall Niggli Schrackmann. Thorsten Düser ist durch seine zwei Töchter im jungen Erwachsenenalter sowie seine eigene grosse Neugier «im Flow», was Social Media und IT-Themen betrifft. Dennoch gibt es genügend Gesprächsstoff für die beiden Männer aus unterschiedlichen Generationen. Düser meint: «Die Beziehung zwischen Nesret und mir ist eine Businesspartnerschaft, aus der wir beide wertvolle neue Kontakte knüpfen und neue Business Ideen kreieren konnten.» Tradionelles Mentoring, so Düser, könne man mit einer Einbahnstrasse vergleichen. «Reverse Mentoring dagegen ist eher eine Einbahnstrasse mit erwünschtem Gegenverkehr.» Dem kann Nesret Ljimani nur beipflichten: «Gerade haben Thorsten und ich ein gemeinsames Projekt mit einem britischen Kunden von mir angerissen, wir haben bereits Ideen für eine weitere Zusammenarbeit und nicht zuletzt verstehen wir uns auf einer persönlichen Ebene sehr gut – da gibt es keinen Grund, die Beziehung nach dem offiziellen Ende des Projekts nicht fortzusetzen.»

Das eigene Netzwerk verjüngen

Den Networking-Aspekt streicht auch Niggli hervor: Ich habe in den 35 Jahren bei der Credit Suisse ein grosses Netzwerk aufgebaut, doch ein grosser Teil davon ist mit mir älter geworden. Ich würde es sehr begrüssen, wenn es mehr Gelegenheiten gäbe, das eigene Netzwerk zu verjüngen.» Niggli wie Schrackmann sind überzeugt: Ihre Generationen-Partnerschaft werden sie über das offizielle Programm hinaus weiterführen. Das wichtigste Ziel des Reverse Mentorings, Brücken zu schlagen zwischen den Generationen, wurde hier offensichtlich mehr als erreicht. Ob auch die Innovationskraft der Bank gesteigert wurde, ist etwas schwieriger zu messen, doch Paula Langer stellt zufrieden fest: «Die Feedbacks sind durchwegs sehr positiv, das kann fast nicht ohne Wirkung bleiben.» Die Brücken scheinen in der Tat sehr stabil zu sein und ab Sommer 2015 werden mit dem nächsten Zyklus weitere hinzukommen.