Banking, neu gedacht
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Banking, neu gedacht

Tausende neue Geschäftsmodelle entstehen in der Finanzindustrie, die Investoren setzen mit Milliardeneinsätzen auf die Fintech-Szene. Davon profitieren – was auf den ersten Blick überraschen mag – gerade auch die traditionellen Banken.

Mike Cagney lädt öfter eine Gruppe handverlesener Kundinnen und Kunden in sein Haus in San Francisco ein. Edle Weine werden degustiert, Gourmet-Pizzen herumgereicht. Doch Cagney geht es nicht um die kulinarischen Aspekte; er will mit den Kunden diskutieren. Sein Onlinefinanzdienstleister Social Finance (SoFi) pflegt mit jährlich über hundert solchen Anlässen eine besonders intensive Art der Kundennähe. Millennials sollen dadurch ihre Bankbeziehungen komplett neu überdenken und lebenslange SoFi-Kunden werden.

Es mag überraschen, dass auch die digitalen Revoluzzer auf (analoge) Beziehungspflege setzen. Doch die persönliche Note und die angebotenen Dienstleistungen zahlen sich offensichtlich aus. Das Unternehmen, von Cagney und drei weiteren Absolventen der Stanford Business School noch während ihres Studiums an der Elite-Universität im Silicon Valley gegründet, startete 2011 als kleiner Nischenanbieter. Heute zählt es nach eigenen Angaben über 85'000 «Mitglieder», wie es seine Kunden bezeichnet, hat Kredite in Höhe von mehr als 7 Milliarden Dollar vergeben – und wurde von seinen Investoren bei der letzten Finanzierungsrunde auf einen Wert von rund 4 Milliarden Dollar geschätzt.

Martialische Rhetorik

Zunächst schuldete SoFi die enormen Studienkredite für Absolventen von amerikanischen Top-Universitäten günstig um: Auf der SoFi-Plattform sind die Teilnehmer direkt miteinander verbunden, die Schuldner suchen solvente Alumni, die ihnen bessere Konditionen anbieten als die von Banken verliehenen Studienkredite. Mittlerweile bietet SoFi auch Privatkredite und Hypotheken an und hat das Geld von privaten Investoren mit dem institutioneller Anleger aufgestockt. Als Nächstes peilt die Firma, die nur einen Steinwurf von der Golden Gate Bridge entfernt liegt, Kontokorrente, Versicherungsdienstleistungen und Vermögensverwaltung an.

Langfristig will Cagney mit seiner «non-bank bank», wie er sie gerne nennt, nichts weniger als die klassischen Banken ersetzen. «Wir wollen aus ihnen Dinosaurier machen», sagt er so selbstbewusst wie mediengewandt, «und hoffentlich sind wir der Meteorit, der sie auslöscht.» Was SoFi, nebenbei gesagt, nicht daran hinderte, eine Kooperation mit der Credit Suisse einzugehen, um Hypotheken finanzieren zu können. Der martialischen Rhetorik zum Trotz werden traditionelle Banken von den neuen Wilden immer mehr als Partner angesehen. Dazu später mehr.

Was machen Fintechs?

SoFi erregt mit Cagneys hoch fliegenden Plänen und plakativen Ansagen viel Aufsehen. Aber die Firma ist nur eine von vielen ähnlich gesinnten. Weltweit haben sich tausende Fintech-Firmen angeschickt, die integrierte Wertschöpfungskette der Banken zu zerlegen und deren Einzelteile neu zu überdenken und zu verknüpfen.

Dabei schalten sie auch noch ein paar Zwischenhändler aus, wie etwa SoFi, wo die Kreditnehmer und -geber sich selber organisieren. Ziel der Fintechs ist es, die Finanzbranche umzupflügen und sich selber einen Anteil von diesem Markt zu sichern. Die Instrumente: neue digitale Technologien, Algorithmen und Datenwissenschaften, neue Geschäftsmodelle, einfachere, effizientere und günstigere Dienstleistungen und auf die Bedürfnisse neuer, mit Handys und Tablets ausgerüsteter Kundengenerationen zugeschnittene Finanzdienste.

Viele Fintech-Start-ups sind im gleichen Feld unterwegs: Fast die Hälfte bietet Lösungen für Zahlungsvorgänge an.

Dort haben die Banken das grösste Umsatzvolumen zu verlieren. «In diesem Geschäftsfeld ist der Strukturwandel mit unzähligen Anbietern längst voll im Gang, vor allem in den USA und in Grossbritannien», sagt Julian Skan, Managing Director von Financial Services beim Beratungsunternehmen Accenture. «Eine Menge Wert ist von den Banken zu den neuen Anbietern geflossen, und dort wird er auch bleiben.»

Die Credit Suisse kooperiert mit Accenture, etwa beim Fintech Innovation Lab, einem Mentorprogramm für Jungunternehmer. Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, sieht im Aufstieg von Fintech denn auch Chancen für die klassischen Banken: «Innovative Disruption, auch im Finanzwesen, macht bestehende Dienstleistungen einer viel breiteren Nutzergruppe zugänglich, sei es über den Preis oder eine verbesserte Benutzerfreundlichkeit. Oft werden diese beiden Aspekte kombiniert.»

Grosse Fragmentierung

Immer mehr vor allem jüngere Kunden und Unternehmen wenden sich nicht mehr zuerst an Universalbanken, sondern nutzen die Angebote einzelner Produktspezialisten. Wer im Internet oder per Handy zahlt oder Geld bekommt, wer ein Zahlungssystem für seinen Offline- oder Onlineladen benötigt, der nutzt Dienste mit Namen wie Venmo, Klarna, Square oder Stripe. Will man Geld in einen anderen Währungsraum schicken, wendet man sich an TransferWise, Azimo oder WorldRemit. Sein Vermögen lässt man von Nutmeg oder eToro verwalten, das persönliche Finanzmanagement besorgt Betterment oder Wealthfront und den – kostenlosen – Aktienhandel tätigt man bei Robinhood. Ein Darlehen wiederum bekommt man von Borro, Zopa oder Ox, Unternehmenskredite können online bei Kreditmarktplätzen wie SoFi oder Funding Circle finanziert werden.

Jedes der neuen Produkte und jede neue Dienstleistung soll einen Vorteil bieten gegenüber dem traditionellen Angebot. Einer davon ist, dass sie meist in eine längere Konsumkette eingegliedert sind. Beispiel Uber, der kalifornische Fahrdienstvermittler, der auch ein Fintech ist. Mit einem Klick ist alles erledigt: bestellen, fahren, bezahlen, Quittung erhalten.

Bei aller Bequemlichkeit, die einzelne Dienste bieten, ist der Nachteil aber nicht zu übersehen: Hatte man früher eine Bank, die für alle Geldangelegenheiten verantwortlich war, erwarten die Fintechs, dass man bereit ist, zig verschiedene Dienste und Produkte zu nutzen. Viele, vor allem jüngere Kunden und Unternehmen scheint das nicht zu stören – sie kennen die Fragmentierung von ihrem Smartphone, mit dem sie jedes noch so kleine Bedürfnis mit einer einzelnen App abdecken.

Investments verdreifacht

Investoren glauben jedenfalls fest daran, dass die mit viel Ehrgeiz und wenig Hemmungen ausgestatteten Fintech-Unternehmer die Branche verändern werden. 

Es herrscht Goldgräberstimmung. Allein 2014 haben sich die weltweiten Investitionen in Fintech laut Accenture auf über 12 Milliarden Dollar mehr als verdreifacht. Dass Fintech sich für Risikokapitalgeber zu einem der aktivsten Investmentbereiche überhaupt entwickelt hat, ist wenig wunderlich. Goldman Sachs schätzt, dass Start-ups den etablierten Finanzdienstleistern jährlich bis zu 4,7 Billionen Dollar Umsatz und Gewinne in Höhe von 470 Milliarden Dollar streitig machen könnten. Selbst wenn ein Unternehmen einen Marktanteil von weniger als einem Prozent kapern könnte, wäre das ein beträchtliches Geschäft. Und so stecken Investoren Milliarden in tausende Unternehmen, deren Bewertungen auf dem Papier in die Höhe schiessen, in der Hoffnung, dass sich der eine oder andere Kandidat als Jackpot entpuppt.

2010 investierten 220 Wagniskapitalfirmen Geld in Fintech-Start-ups, 2015 zählte der Marktforscher CB Insights knapp 900 aktive Investoren. Die Top-Venture-Capital-Firmen wie Sequoia Capital, Union Square Ventures, Index Ventures, Greylock oder Benchmark konzentrieren sich auf folgende Bereiche: Angebote rund um den Zahlungsverkehr, Finanzbuchhaltung für Private, Kreditvergabe und die digitale Währung Bitcoin und ihr Herzstück, die Blockchain. In der globalen Datenbank werden alle Transaktionen aufgezeichnet. Das ermöglicht einen unfehlbaren Austausch von Werten – nicht nur Bitcoins.

Das Vorgehen

Die Jungfirmen wenden jeweils ähnliche Strategien an: Sie konzentrieren sich zuerst – wie SoFi – auf Teile der Wertschöpfungskette der Banken. Haben sie einen gewissen Erfolg, weiten sie ihr Angebot schnell auf ganze Geschäftsmodelle aus, die den Banken gefährlich werden können.

Selbst mancher Vertreter des Establishments klingt wie ein Anzug tragender Angreifer aus dem Silicon Valley. «Viele konventionelle Banken werden auf der Strecke bleiben», sagt etwa Francisco González. «Die, die es schaffen, werden nicht mehr ‹Banken›, sondern Softwarefirmen sein, die mit den digitalen Unternehmen und einem völlig anderen Nutzenversprechen konkurrieren.» González, CEO und Verwaltungsratschef der spanischen Grossbank Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), prophezeite vergangenes Jahr sogar, dass bis zur Hälfte der Banken weltweit im Sog der «digitalen Disruption» verschwinden würden.

Ein Blick auf den Amazon-isierten Einzelhandel, die Airbnb-isierte Hotel- und Uber-isierte Taxibranche zeigt, dass die Banken die ehrgeizigen Aspiranten ernst nehmen müssen. «Andere – in der Regel unregulierte – Branchen haben für neue Kundenerwartungen hinsichtlich der ‹customer experience› gesorgt, was zu einem Nachholbedarf bei Finanzdienstleistungen geführt hat. Aber die etablierten Banken sind mit anderen Dingen beschäftigt, was Neulingen den Markteinstieg ermöglicht», sagt Berater James Dickerson, der das Fintech Innovation Lab von Accenture in London leitet.

Zwar entgingen die Banken lange den gewaltigen Umbrüchen durch die Digitalisierung, da sie laut Dickerson «nicht wie andere Branchen innovativ sein mussten, um konkurrieren zu können – sie sind durch die strikte Regulierung des Finanzwesens besser geschützt. Überdies ist die Branche viel komplexer als etwa das Transportwesen oder der Einzelhandel – und somit gar nicht so leicht umwälzbar.» Tatsächlich: Die hohen Erwartungen der Investoren werden von der Realität relativiert. Noch stehen die Herausforderer am Anfang, noch haben die wenigsten Fintechs nennenswerte Marktanteile erobern können.

Kein Tsunami

Und selbst wenn aus dem kalifornischen Technologietal die typischen Ansagen von den aggressiven Angreifern zu hören sind, die die Branche auf den Kopf stellen wollen, sieht Accenture-Berater Julian Skan die Dinge gelassener: «Die Fintech-Welle ist kein Tsunami, der den Sektor auslöschen wird.» Skan glaubt zwar sehr wohl, dass der digitale Wandel das Potenzial hat, die Rolle und Relevanz der klassischen Banken einzudampfen, gleichzeitig könnten sie mit der Technologie aber genauso wie die Start-ups schnellere, bessere und billigere Dienste erschaffen: «Aus unserer Sicht ist es eine Frage der Geschwindigkeit: Je schneller die Banken die neuen Technologien und Möglichkeiten einführen, desto grösser ihr First-Mover-Vorteil.» 

Das haben auch viele Start-ups und Banken gemerkt. Sie sind mittlerweile von Konfrontation auf Kooperation umgeschwenkt. Beide Seiten können aus der Entwicklung grossen Nutzen ziehen: Banken können vom technischen Know-how der Fintechs, ihrer Agilität und Nähe zu jüngeren Kunden profitieren und deren Innovationen in ihre Produkte integrieren. Die Fintechs wiederum wollen die über Jahrhunderte gesammelte Expertise, die bekannten Marken, den riesigen Kundenstamm, die Lizenzen der etablierten Banken und nicht zuletzt auch deren Kundenvertrauen nutzen.

Sogar Start-up-Unternehmer, in aller Regel eingefleischte Optimisten, wissen, dass sie ihre schlechten Überlebenschancen dadurch verbessern können. Je nach Statistik gehen 80 bis 90 Prozent aller Technologie-Start-ups nur wenige Jahre nach der Gründung wieder ein. Einer Studie der Universitäten in Berkeley und Stanford zufolge scheitern sogar 92 Prozent der Tech-Start-ups innerhalb der ersten drei Jahre. In der stark regulierten Finanzbranche tun sich Jungunternehmer noch schwerer als in anderen Branchen.

«Frenemies»

So praktizieren Fintechs und Banken vermehrt das Prinzip «Frenemies», wie die erwähnte Kooperation zwischen SoFi und Credit Suisse zeigt: Ein Rivale (enemy), auf den man angewiesen ist, wird zum Geschäftspartner (friend).

Die Credit Suisse führt auch einen eigenen Fintech-Investment-Fonds: «Credit Suisse NEXT» war beispielsweise bei Prosper, einer Peer-to-Peer-Kreditplattform, der führende Investor einer 165-Millionen-Dollar-Finanzierungsrunde (Peer to Peer: Privatpersonen werden direkt miteinander vernetzt, nicht Unternehmen und Privatpersonen).

Urs Rohner, der Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, sagt: «Zusammenarbeit bleibt schlussendlich die vielversprechendste Option sowohl für etablierte Banken als auch für innovative Start-ups. Sie erlaubt es Ersteren, den steigenden Kostendruck zu reduzieren und die Effizienz der Abläufe zu erhöhen, und hilft Letzteren dabei, auch längerfristig im Geschäft zu bleiben.»

Andere Banken pflegen auch «Frenemy»-Beziehungen mit Fintechs. JP Morgan Chase etwa hat sich kürzlich mit dem Peer-to-Peer-Kreditgeber On Deck Capital zusammengetan, um im Internet Kredite für Kleinunternehmen anzubieten. Die kanadische Scotiabank hat mit Investoren wie Santander und ING 135 Millionen in Kabbage investiert; der Schritt soll den Weg zu einer Zusammenarbeit zwischen dem Bankentrio und dem amerikanischen Betreiber einer Plattform für Darlehen für Kleinunternehmen ebnen.

Taulia, eine Plattform für Lieferantenfinanzierung, kooperiert mit der Royal Bank of Scotland und hat Risikokapital von BBVA Ventures bekommen. «Die Reichweite von BBVA in Europa, Nord- und Südamerika wird uns bei unserer Expansion helfen», sagt Markus Ament, der deutsche Mitgründer der in San Francisco ansässigen Taulia, der wie viele Jungunternehmer im Silicon Valley einen biblischen Bart trägt. «Die Banken haben umgekehrt erkannt, dass Teile ihres traditionellen Geschäfts auf dem Spiel stehen. Die smarten Finanzinstitute engagieren sich jetzt mit Investitionen, Partnerschaften oder mit eigenen Innovationsinkubatoren.»

Selbst das Start-up TransferWise, auf dessen Peer-to-Peer-Plattform Geldbeträge günstiger als via Bank von einem Währungsraum in den anderen überwie-sen werden können, verbündet sich mit Banken. Zwar begrüsst die als Banken-Angreiferin angetretene Londoner Firma neue Mitglieder nach wie vor mit einer E-Mail mit der provokanten Betreffzeile «Congrats on waving your bank bye-bye» (Gratulation, dass Sie sich von Ihrer Bank verabschieden). Doch im Dezember ist sie eine erste Kooperation mit Estlands grösster Bank LHV eingegangen. TransferWise-Dienste können über die LHV-App und -Website genutzt werden. Weitere Kooperationen in Europa und den USA sollen folgen, denn die Überweisungstechnologie kann bei Onlinemarktplätzen, Mobilfunkbetreibern und einer Vielzahl anderer digitaler Dienste eingerichtet werden.

Der Grossteil der Investments fliesst in Start-ups im Silicon Valley, in New York und London. Die Schweiz oder auch Deutschland etwa sind Fintech-Entwicklungsländer. Zwar gibt es auch in Zürich, Genf oder Berlin hunderte Start-ups, werden Gründerzentren und Fintech-Versuchslabore hochgezogen; teils investieren die Banken und gehen Kooperationen ein, versuchen mit Start-ups in Kontakt zu kommen und Impulse aufzuschnappen.

Aber die Musik ausserhalb der USA spielt an der Themse, in Start-up-geeichten Vierteln wie Soho, Tottenham und Shoreditch. Dort landet mehr als die Hälfte des in Europas Fintech-Firmen investierten Kapitals.

«London kann Fin und Tech»

Der Finanzplatz London lockt mit gelockerter Regulierung, unzähligen Finanzexperten und Entwicklern, einer über Jahrzehnte herangereiften, an das Silicon Valley angelehnten Start-up-Kultur mit einer entsprechend grossen VentureCapital-Szene und internationalem Flair.

Dass Premierminister David Cameron die Förderung der Londoner Fintechs längst zur Chefsache erklärt hat, hilft auch. Der britische Premierminister unterstützt das «UK Fintech 2020»- Manifest des Londoner Verbands der Fintech-Unternehmen, der bis 2020 Investitionen in Höhe von acht Milliarden Pfund für die Branche anziehen und 100'000 neue Fintech-Arbeitsplätze schaffen will.

London soll nach dem Willen von George Osborne das «globale Zentrum für Fintech» werden. «London kann sowohl Fin als auch Tech gut», verkündete der Finanzminister im November. Auf vergleichbare Ansagen wartet man in der Schweiz oder Deutschland noch.